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«Sticky Fingers» ist das beste Album der Rolling Stones. Das Cover ein Stück Geschichte und die Songs ein unentdecktes Universum.

Ich weiss ehrlich gesagt nicht mehr, welches die erste Schallplatte ist, die ich einem richtigen Plattenladen gekauft habe. Irgendwann stand eine Pressung von Sticky Fingers bei mir im Regal. Gekauft für 36 Franken.

Wo ich sie gekauft habe, weiss ich auch nicht mehr. Doch ich erinnere mich noch genau an das Gefühl sie in der Hand zu halten. Es war mehr als schwarzes Vinyl und Musik. Es war eine viel tiefere Empfindung. Ein Stück Geschichte.

Das Album als Wendepunkt

Damals hatte ich bloss eine ungefähre Ahnung, wer die Rolling Stones waren. Ich schnappte den einen oder anderen Song auf. Satisfaction oder Paint It Black.

Mit dem Kauf von Sticky Fingers wagte ich den Sprung ins kalte Wasser. Aber ich wollte die Platte unbedingt, denn sie hatte einen richtigen Reissverschluss auf dem Cover, nicht nur die aufgedruckte Imitation. So viel wusste ich schon: diesen Exemplaren begegnete man nicht allzu oft. Öffnet man den Reissverschluss, kommt darunter eine weisse Unterhose zum Vorschein.

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Die Gestaltung des Covers wurde dem Popartisten Andy Warhol übertragen, der bereits mit der Banane bei Velvet Underground & Nico die Musik und Pop Art auf geniale Weise vereinigte. 15’000 Pfund liessen sich die Stones das Design kosten. Das Foto der männlichen Lenden schoss Billy Name. Und noch heute ist nicht ganz klar, wer auf dem Foto zu sehen ist. Joe Dallessandro beanspruchte die Pose bisher für sich.

Das Cover – provokante für seine Zeit, weil es den Umriss des Penis unverblümt der Öffentlichkeit preisgibt – gehört zum Grossartigsten, was die Cover-Kunst je hervorgebracht hat. Es ist auch das erste Album, das das offizielle, von John Pasche erschaffene Zungen-Logo trägt.

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Watts, Taylor, Wyman, Richards und Jagger werben für «Sticky Fingers». (Foto: zvg)

Doch es ist keine Selbstverständlichkeit, dass die Gestaltung so stattfinden konnte. Sticky Fingers war das erste Album der Band nach ihrer Trennung von Decca Records. Zuvor hatte sie ihr Manager Alan Klein deftig über den Tisch gezogen, sich die Rechte an den frühen Songs gesichert und im Grossen und Ganzen die Stones mächtig in die Scheisse geritten.

Heroin und wilde Pferde

Beinahe drei Jahre arbeiteten die Stones an Sticky Fingers. Sie nahmen im Muscle Shoals Sound Studio in Alabama auf und in Jaggers Landhaus «Stargroves». Neben den üblichen Verdächtigen Jagger, Richards, Taylor, Wyman und Watts prägten satte elf Gastmusiker den Sound.

Und der Sound des Albums ist unvergleichlich. Für mich ist und bleibt Sticky Fingers die beste Scheibe der Band – mit Abstand. Ein Werk, das das volle Spektrum des Rocks und all seinen Einflüssen und Facetten auskostet. Songs, die Sex, Drugs und Rock’n’Roll propagieren, ohne aufgesetzt zu wirken.

Brown Sugar ist der grosse Hit des Albums. Einfach gestrickt wie die meisten Hits der Band. Ein eingängiges Riff, eine tanzbare Melodie – das Rezept ist simpel und doch so schwer. Doch bereits mit Sway schlagen die Stones ruhigere Töne an, flechten Paul Buckmasters Streich-Arrangement in die bluesige Rockballade, um danach in die tiefe Country-Melancholie von Wild Horses abzutauchen. Ein unsterbliches Stück, pure Gänsehaut und eine kühle Brise an einem heissen Sommertag.

Wild, wild horses couldn’t drag me away

Ein zufälliges Meisterwerk

Doch das wahre Meisterwerk bleibt das über siebenminütige Can’t you hear me knocking. Nach knapp drei Minuten bricht der Damm. Rocky Dijon bearbeitet die Congas und der 2014 verstorbene Saxophonist Bobby Keys steigt frenetisch ein. Die Spannung baut sich auf, die Spirale windet sich in ungekannte Höhen. Dann springt der gerade mal 22-jährige Gitarrist Mick Taylor in die Lücke von Keys und kreiert gemeinsam mit Billy Prestons Orgel etwas, das man nur als Magie beschreiben kann.

Keith Richards sagte 2002 über den Song: «We didn’t even know they were still taping. We thought we’d finished. We were just rambling and they kept the tape rolling. I figured we’d just fade it off. It was only when we heard the playback that we realised, Oh, they kept it going. Basically we realised we had two bits of music. There’s the song and there’s the jam.»

Mit You Gotta Move, einer Adaption von Fred McDowells schlingernder Slide-Hymne, schliesst die A-Seite von Sticky Fingers und hinterlässt gespannte Erwartung.

Der perfekte Moment 

Treibend wie bei Brown Suger funktioniert der Einstieg mit Bitch – auch wenn der Song deutlich aggressiver ist. Und wie zuvor nimmt die Band ungehemmt das Tempo sofort wieder raus, denn nach der Aggression folgt meist die Depression. Bei I got the Blues ist der Name Programm. Doch das nachdrückliche Orgel-Solo von Preston und die Bläser sorgen für den Gänsehaut-Gospel.

In Sister Morphine werden die Stones ihrem düsteren Ruf gerecht. Ein obskur faszinierender Song über die Schattenseite der Drogen:

The scream of the ambulance is sounding in my ears
Tell me, Sister Morphine, how long have I been lying here?
What am I doing in this place?
Why does the doctor have no face?
Oh, I can’t crawl across the floor
Ah, can’t you see, Sister Morphine, I’m trying to score

Als ich Sticky Fingers frisch gekauft hatte, nahm mich ein Song voll und ganz ein: Dead Flowers. Ein Track, dicht arrangiert, mit einem absolut coolen Groove. Seither liessen mich die Stones nicht mehr los.

Und es gibt nichts Schöneres, als in einer lauen Sommernacht auf dem Balkon zu sitzen, ein kühles Bier in der Hand. Wenn dann die Nadel auf das Vinyl sinkt und Moonlight Mile erklingt, ist der Moment perfekt.

Release
23. April 1971

Label
Rolling Stones Records

Tracklist

  1. Brown Sugar
  2. Sway
  3. Wild Horses
  4. Can’t you hear me knocking
  5. You Gotta Move
  6. Bitch
  7. I got the Blues
  8. Sister Morphine
  9. Dead Flowers
  10. Moonlight Mile