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Am 14. Februar schien der fahle Vollmond nicht nur Werwölfe und Verliebte zu locken, sondern auch tausende Anhänger einer legendären Synth-Pop-Band. Auf den Spuren des Phänomens Depeche Mode.

Artikel 2014-02-14 Depeche-Mode Artikelbild

Dave Gahan, ein Mann der grossen Posen (Foto: Sacha Saxer)

Eigentlich bin ich zu jung für Depeche Mode. Die Band erreichte mit dem Album Violator und den beiden Singles Personal Jesus und Enjoy The Silence wohl ihren ultimativen Höhepunkt. Also sass ich da im Hallenstadion und rätselte am Phänomen dieser Band herum. Einige Fans haben Stunden vor dem Eingang gewartet, nur um ganz vorne dabei sein zu können. Man kennt das von aktuellen Popsternchen. Doch Depeche Mode sind die Synth-Pop-Legenden der 80er. Woher kommt diese emotionale Verbundenheit?

Bongo Post Punk

Bevor sich die Jünger an David Gahan’s Band ergötzen konnten, mussten sich erst noch The Soft Moon beweisen. Die Halle krachte und bebte, als die drei jungen Musiker losbrausten. Den Post Punk in allen Ehren haltend, dreschten die Amerikaner unaufhaltsam auf die Trommelfelle. Kreischend, sausend und tosend standen sie auf der lichtdurchzuckten Bühne. Als hätte man die White Lies und die Editors in ein Zimmer gesperrt und heraus kam eine zerstörerische Wucht.
So richtig warm wurde beim unterkühlten, düsteren Sound natürlich niemand, sind The Soft Moon doch eher eine Band für einen Kellerklub. Immerhin bewiesen sie, dass der drückende Sound auch mit Bongos funktioniert.

Ein Gott namens Dave

Mit Techno-Vibrationen von Antonio Mazzitelli sollte das Publikum eingestimmt werden. Das funktionierte phasenweise und war immer noch besser als ein David Guetta.
Dann betraten sie die Bühne: Depeche Mode. Begleitet von ohrenbetäubendem Applaus. Welcome To My World. Ab der ersten Note war Sänger Dave Gahan omnipräsent wie die ätherische Anwesenheit einer ebenso greifbaren wie fernen Gottheit, die da auf der Bühne ihre vollkommene Macht ausübte.
Es gibt viele alte Bands. Viele, die sich zu Tode spielen und wiedervereinen. Depeche Mode gehören nicht dazu. Geht das Saallicht aus, verschmelzen die Musiker zu einer explosiven Einheit und treffen das Publikum wie eine Granate. Pure musikalische Intensität.

Sie riefen und riefen…

Mir waren Depeche Mode aus der Konserve oft zu operesk. Irgendwie zu weich, wenn nicht gar weichgespühlt. Dieses Vorurteil floh durch alle Poren meiner Gänsehaut. Martin Gore’s Gitarre kreischte ohne Erbarmen durch das Hallenstadion. Die Engländer riefen zur Black Celebration. Depeche Mode sind weltberühmt, jedem ein Begriff und doch so verschlüsselt. Alle, die den Code knacken konnten, bilden eine grosse Familie. Und doch scheinen auch in diesem Kreis die Unsitten angekommen zu sein. Die schöne Stille im ruhigen Slow wurde vom lästigen, undeutbaren Gesabbel hunderter Menschen gefüllt.

Nur eine Frage der Zeit bis wir die Stille geniessen

Der Bass pumpte durch die Luft. Auf Tribünen stand das Publikum auf. Behind The Weel befeuerte das Tanzbein. Nun feuerten Depeche Mode. Schlag auf Schlag hauten sie ihre Hits durch die Gehörgänge. «It’s just a question of time!»
Das unerlässliche Jubeln und Applaudieren. Reine Energie. Worte sind nunmehr unnötig. Enjoy The Silence wurde ernst genommen. Kein Ton drang mehr aus den Boxen, bis sich die Klänge knirschend und krachend wieder den Weg zu den Lautsprechern fanden. Selbstverständlich fand das Konzert in Personal Jesus seinen atmosphärischen Orgasmus. Die kollektive Ejakulation: «Reach out! Touch faith!»

…und wir kriegten nicht genug.

Depeche Mode dachten nicht im Traum daran, den Zugabenblock bloss mit sanften Melodien zu füllen. Just Can’t Get Enough vom Debüt-Album Speak & Spell schlug ein wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Sofort kam wieder Bewegung in die Menge. Wie viele Bands könnten nach ihren zwei grössen Songs die Bühne für den Abend räumen? Doch Schweiss und Herzblut flossen weiter. I Feel You. Das Konzert klang aus, die Luft schwanger von Endorphin.

Depeche Mode haben ihre grössten Zeiten hinter sich und laufen Gefahr, bloss noch eine Tribute-Band ihrer selbst zu sein. Bisher konnten sie dieses ach so bekannte Ende grosser Musiker vermeiden. Nach über 30 Jahren gemeinsamer Vergangenheit, unglaublicher Songs und Millionen begeisterter Fans ist Depeche Mode immer noch eine unbändige Kraft.

Fotos: Sacha Saxer

Setlist (powered by setlist.fm)

  • Welcome To My World
  • Angel
  • Walking In My Shoes
  • Previous
  • Black Celebration
  • In Your Room
  • Policy of Truth
  • Slow
  • Blue Dress
  • Heaven
  • Behind The Wheel
  • A Pain That I’m Used To
  • A Question of Time
  • Enjoy The Silence
  • Personal Jesus

Zugabe

  • But Not Tonight
  • Halo
  • Just Can’t Get Enough
  • I Feel You
  • Never Let Me Down