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Mit Drauff hat die Schweiz eine junge Schauspielcrew, die in ihren Reihen bereits bekannte Namen hat. Mit «Don Juan» bringt die Truppe einen klassischen Stoff auf die Bühne – auch wenn sich die Inszenierung stark vom katholischen Original entfernt.

Das Licht geht aus und die Musik setzt ein. Blaue Vorhänge gleiten auf und geben den Blick auf die Bühne frei. Zwei Musiker spielen eine schnelle spanische Weise, eine Flamenco-Tänzerin wirbelt über die Bühne, lenkt den Blick auf das Kneipen-Szenario, das sich hinter dem Vorhang verborgen hat. Der einzige, der von der Show nicht begeistert ist, ist Don Juan, der sich über den Lärm beschwert.

Don Juan ist schwere Kost, ein Stück aus einer vergangenen Ära, die uns heute schwer zugänglich ist. Die Brücke zwischen der hohen Kultur und dem Jetzt im Zuschauersaal schlägt Ciutti, Don Juans Diener, der immer wieder das Publikum direkt anspricht. Wie viele Gesichter in der Drauff-Crew ist auch der den Ciutti mimende Tobias Fischer keine unbekannte Grösse mehr, der junge Mann war mehrfach in Schweizer Kinofilmen zu sehen.

Die Inszenierung ist klassisch und neuzeitlich: Historische Kostüme, minimalistische Requisiten, antiquierte Sprache mit schweren, gestelzten Reimen. Die Schauspieler spielen dagegen modern. Als Don Juan in einem Monolog seine Heldentaten beschreibt, verdrehen seine Kameraden auf der Bühne die Augen. Die Beschreibung wird so zur Prahlerei, der spanische Held zum kriminellen Aufschneider. Wie ein Möchtegern-Gangsta aus der Renaissance.

Don Juan: Alter Stoff modern inszeniert

Don Juan und sein Kumpel Don Luigi haben einen Wette abgeschlossen: Gewonnen hat, wer mehr Frauen verführt und mehr Männer im Kampf im erschlagen hat. Don Juan siegt zwar um Längen, kann Luigi aber in einem Punkt nicht das Wasser reichen: Dieser hat nämlich eine Novizin auf seiner Liste der Eroberungen. Don Juan kündigt vollmundig an, nicht nur seinerseits eine Novizin aufzureissen, sondern auch die Verlobte von Don Luigi flachzulegen – am Abend vor der Hochzeit.

Die beiden Machos beschliessen, das Problem mit Degen zu lösen, und auch hier ist Don Juan haushoch überlegen. Regisseur Francisco Medianero, seinerseits ein Liebhaber historischer Kampfstile, inszenierte eine humorvolle Choreographie: Don Juan trinkt lässig während des Kampfes Wein, bis ihm Luigi die Flasche zerschlägt. Diener Ciutti hühnert durch die Szene und bietet Salat an. Die Band begleitet den Kampf mit einer stürmischen Weise, und Ciutti geht mit seinem Salat zum Publikum, um ihn dort zu offerieren.

In der Inszenierung nimmt die Band eine wichtige Rolle ein. Die Musik trennt die einzelnen Akte ab, die Tänzerin zieht die Handlung auf eine Meta-Ebene, indem sie mit Don Juan flirtet oder mit einer weissen Maske die zerbrochene Unschuld mimt.

Fechtkämpfe gehören mit zur Inszenierung

Fechtkämpfe gehören mit zur Inszenierung

Die junge Schaupsielcrew von Drauff operiert auf hohem Niveau. Allen voran Silvan Buess in der Rolle des Don Juan färbt den spanischen Helden so, dass aus dem Eroberer ein Arschloch wird, ein rücksichtloser Macho, der für einen kleinen Triumph eine Freundschaft opfert, indem er die Ehe dieses Freundes zerstört.

Ebenfalls brilliant spielt Marina Kuc, die in einer Doppelrolle zu sehen ist. Als zickige Verlobte von Don Luigi liefert sie sich mit Don Juan erst einen Fechtkampf, bevor sie sich verführen lässt. Als der Vorhang vor den eng Verschlungenen fällt, schlägt Ciutti den extradiegetischen Bogen. Sein Kommentar gibt zu verstehen, dass Don Juan zwar im Verführen spitze ist, sein Durchhaltevermögen allerdings zu wünschen übrig lässt – keine zwanzig Minuten würde es dauern, erklärt Ciutti vor dem verschlossenen Vorhang. Lachend trudeln die Zuschauer in die Pause.

Katholische Geschlechterbilder

Nach der Pause tritt Kuc im weissen Kleid als Donia Ines auf. Nicht nur der Garderoben- und Frisurenwechsel, vor allem Kucs Spiel mit der veränderten Körpersprache und Mimik machen deutlich, dass es sich hier um zwei völlig verschiedene Charaktere handelt.

Wie jede Frau in dem Spanischen Stück verfällt Ines Don Juan. Die Lektüre seines Liebesbriefes wird mit einem romantischen Gitarrenthema begleitet, und Ciutti rührt für seinen Herrn eifrig die Werbetrommel. Doch so schnell lässt sich die junge Novizin nicht erobern, und Don Juan verfällt ihr seinerseits. Sehr zum Missfallen von Ines‘ Vater, der wie der gehörnte Don Luigi Rache schwört.

Don Juan kann sich als überragender Kämpfer zwar gegen beide Gegner behaupten, doch nun holen ihn die Konsequenzen ein. Er flieht vor dem Gesetz, und lässt Ciutti die Leichen entsorgen. Mit dem Ende des vierten Aktes hat die Drauff Crew jeden Mythos um den Frauenhelden Don Juan zerstört. Don Juan ist aufdringlich, rücksichtslos und ein Mörder.

Ein modernes Ende

Einmal mehr schlägt Ciutti den Bogen. Zehn Jahre seien vergangen, reklärt er dem Publikum, kurz bevor ein abgehalfteter Don Juan auf die Bühne torkelt.

Sein ehemaliger Palast hat sich in einen Friedhof verwandelt, auf dem die Leichen jener liegen, deren Tod er zu verdanken hat – sogar seine grosse Liebe Ines. Lorenzo Polin, der zuvor Don Luigi gemimt hat, tritt nur als gebückter Friedhofswärter auf und versorgt Don Juan mit den nötigen Informationen. Ines starb an gebrochenem Herzen im Kloster, in das sie sich zurück gezogen hat, um auf Don Juan zu warten. Nun drückt der spanische Katholizismus durch: Don Juan ist zynisch und abgehalftert, aber doch bereut er: «Das ist kein Rittertum, das ist Vermessenheit, Wahnsinn und Frevel», stösst Buess auf dem Tiefpunkt seiner Rolle aus. Don Juan sieht sich zur Hölle fahren – also trinkt er weiter und fordert die Toten heraus. Tatsächlich erscheint erst Ines‘ Vater als Geist, dann sogar die verstorbene Geliebte.

Don Juan und Ines duellerieren sich, während die Gitarristen Don’t let me be missunderstood spielen – eine Hommage an Kill Bill.

Ein abgehalfteter Don Juan sieht Geister

Ein abgehalfteter Don Juan sieht Geister

Anders als in Tarantinos Fassung stirbt hier aber auch die Kämpferin. Getroffen von einem Hieb geht Ines Geist zu Boden. Don Juan erfleht ihre Verzeihung, die sie ihm gewährt – ihm aber gleichzeitig einen Dolch ins Herz rammt. Beide liegen tot am Boden, als Licht erlischt, die Gitarristen spielen ein trauriges Thema voller Sehnsucht. Don Juans Körper liegt schon fast im Schatten, Ines engelhaft weiss im letzten Licht, das noch auf der Bühne liegt.

Die heitere Stimmung vor der Pause hat Wehmut und Nachdenklichkeit Platz gemacht. Der Vorhang schliesst sich, das Licht erlischt, der letzte Akkort verklingt  und Applaus brandet auf. Zu früh – denn Ciutti kommt auf die Bühne und schlägt den extradiegetischen Boden. Er erzählt ein paar Pointen aus dem Produktionsprozess und lädt die Gäste ein, sich im Foyer bei Getränken und Snacks zu bedienen.

Mit Drauff hat die Schweiz eine talentierte junge Schauspieltruppe. Geschickt verweben die Akteure Musik, Tanz und grosse Literatur zu einem neuen Erlebnis. Man darf hoffen, noch mehr von Drauff zu sehen. Die Gruppe, die 2015 ins Leben gerufen wurde, hat grosses Potential. Nicht nur auf der Bühne, sondern auch vor der Kamera.

Epischer Tod: Buess als Don Juan, Kuc als Ines

Epischer Tod: Buess als Don Juan, Kuc als Ines