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Das 11. Zürich Filmfestival ist zu Ende; aber bekanntlich ist nach dem Festival vor dem Festival. Und: vor dem regulären Kinostart. Wir sagen dir, welchen Film du dir unbedingt ansehen musst. 

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Du bist voll gegen Mainstream

… aber wenn dich deine Theater spielende Ex, die Kunstgeschichte und Filmwissenschaften studierte, jeweils ins Kino mitschleppte, kamst du doch nicht so ganz draus. Und hey, wer will schon Stunden nach dem Kinobesuch noch am Stoff herumkauen wie an einem zähen Steak? Du freust dich höllisch, wenn du mal eine subtile Botschaft schnallst, und merkst nicht, dass du in der Zwischenzeit schon fünf weitere verpasst hast. Diary of a Teenage Girl wird dich glücklich machen; die Handlung ist simpel und viel harmloser, als man annehmen würde, denn obwohl das Teenie-Mädchen Minnie ihre Jungfräulichkeit ausgerechnet an den Lover ihrer fast-und-doch-nicht-ganz-emanzipierten Mutter verliert und sich eine Affäre daraus entwickelt, die so leidenschaftlich ist, dass die anderen Jungs vor Minnies Sexualpraktiken zurückschrecken, so haben sich am Ende doch alle wieder lieb (ausser besagten Lover, natürlich. Er schmort ewiglich in der Hölle).

Du kennst dich voll mit Politik und so aus

… na gut, nicht wirklich, aber Kriege findest du spannend, wirklich. Vor Horrorfilmen hast du Schiss, Blut willst du auch keines sehen, aber es sagt ja auch niemand, dass man nicht ein bisschen was auslassen und immer noch die Wahrheit sagen kann. Die Flimmereffekte in Thank You For Bombing sind echt überzeugend, findest du, und die erschreckend offensichtliche Übertragung des wirklich existierenden Konflikts auf das Leben der Menschen, die sich mit ihm beschäftigen, entgeht dir, was alles viel einfacher macht. Dass am Ende „alles zusammenhängt“, findest du super, diese Erleuchtung in den letzten fünf Minuten, als man den Klingelton des ersten Journalisten aus den Trümmern eines von dem von ihm verfolgten Mann zerbombten Hauses hört, während die Journalistin, die einer Vergewaltigung durch amerikanische (!) Soldaten nur um Haaresbreite entgehen konnte, und der Journalist, der sein eigenes Gesicht am liebsten als Grossaufnahme vor dem Hintergrund einer zerstörten Welt ausgestrahlt sieht, die ersten am Ort des Geschehens sind.

Du hast eine wilde Fantasie

… und spürst, dass bei The Wolfpack vieles nicht gesagt wird, was offensichtlich stattgefunden haben muss. Was ging vor in dieser kleinen New Yorker Wohnung, in der sich ein systemkritischer Mann seine eigene kleine Sekte aufbaute, und seine Kinder manchmal jahrelang ohne Gang nach draussen eingesperrt hielt, wodurch diese ein erschreckendes Talent für das Nachspielen berühmter Filme mitsamt selbstgebastelten Requisiten entwickelten? Wie konnten sich so freundliche, sympathische und witzige junge Männer in den drei schmutzigen, unaufgeräumten Zimmern derselben Wohnung entwickeln? Und wie, bitte schön, soll das nun alles weitergehen?

Du weinst deiner verflossenen Kindheit nach

… und findest in Sleeping Giant einen Teil davon wieder, denn die Geschichte von diesen drei Jungs, die die Sommerferien mit ihren jeweils auf ihre Art verkorksten Familien an einem abgelegenen Ort verbringen, wo Kinder noch Kinder sein können und sich mit den altbekannten Problemen herumschlagen (Mut, Schuld, erste sexuelle Erfahrungen, Verwirrung) vor der Kulisse ihrer Streifzüge durch unberührte Natur, macht einem klar, dass man selbst wie eine ausgesetzte Katze aufgewachsen ist, bis zu dem Punkt, wo eines der Kinder sein Leben lässt bei einer Mutprobe, und man verstohlen denkt, dass man es wohl doch nicht ganz so schlecht hatte.

Du magst Babies

… und hättest selbst wohl schon ein Dutzend, wenn dein Freund nicht so ein mieser non-committing Typ wäre. Du bist überzeugt, dass du ein Super-Mami abgeben würdest, denn Kinder sind eine Freude, ausser natürlich sie sterben noch vor der Geburt, werden unschuldig zum Tod verurteilt oder ertrinken bei dem Autounfall, den du gebaut hast, in einem veralgten Weiher. Mother’s Wish porträtiert die verschiedensten Mutter-Kind-Beziehungen, wobei sowohl die Brasilianerin, die nachts strippt, um ihrem Sohn, der in einem Heim aufwächst, auf dem Markt Spielzeug kaufen zu können, und die junge Frau, die „von einem männlichen Verwandten“, zu dem ihre Mutter sie jeweils in die Ferien schickte, sexuell missbraucht wurde, zu Wort kommen. Damit hattest du nicht gerechnet, als du das Kinoticket gekauft hast, aber die Sequenz von fröhlich planschenden Neugeborenen versichert dir: sie sind toll, und jeglichen Schmerz sind sie allemal wert.

Du kannst dich gar nicht genug aufregen

… über unfähige Politiker, korrupte Gesetzgeber und Rassisten, und wenn es um Amerikaner geht, siehst du sowieso rot. Dass in 3,5 minutes – 10 bullets nur eines von mehreren fragwürdigen Verbrechen an schwarzen Männern in den USA in den letzten Jahren dokumentiert wird, macht dich gleich noch wütender, und mit der Verlobten des später zu lebenslanger Haft verurteilten Täters, die im Gerichtssaal (in dem Kameras den Prozess mitverfolgten) in Tränen ausbricht, hast du kein bisschen Mitleid. Und du weisst, dass diesen Taten nicht Zufall und Pech, sondern grundlegende und tiefgreifende Einstellungen und Machtverhältnisse zugrunde liegen.

Du bist ein verkappter Kommunist

… oder auch nicht, denn Eva Nová erzählt von den Schwierigkeiten der Wiedereingliederung, Vergebung, Altern und Jungbleiben, und das geht uns schliesslich alle etwas an.

Du findest die Wahrheit überbewertet

… und nimmst es damit nicht so genau, wenn du damit einen Streit hinauszögern kannst. In einer scheinbaren Analogie auf das Lied I han es Zundhölzli azündt von Mani Matter erleben wir in Nichts passiert, wie sich ein Mann aus schierer Verzweiflung immer tiefer in die Scheisse reitet, denn was mit einem zwar schwerwiegenden, aber nicht unlösbaren Problem beginnt, verwandelt sich mit jeder Minute, die vergeht, in eine immer groteskere Katastrophe, die, anstatt mit dem Höhepunkt, mit einem verheissungsvollen Abbruch endet, was jeden Glauben an das Gute im Menschen zerstört.

Du bist WIRKLICH gegen Mainstream

… und hast nichts dagegen, wenn der Film, den du dir ansiehst, in einer anderen Sprache ist, weil du begriffen hast, dass es nicht nur in Deutschland und den USA Filmstudios gibt, und dass Bilder sowieso mehr sagen als 1000 Worte. Die unschuldigste Liebesgeschichte in 100 Jahren Film findet auf einem Hügel irgendwo im Nirgendwo statt, und den Protagonisten in Thirst fehlt es längst nicht mehr nur an Wasser: Liebe, Leidenschaft und Abwechslungen vom zermürbenden Arbeitsalltag vermögen die hart Schuftenden, ehrlichen Leute von ihrem Leiden zu befreien, bis es schlussendlich zum wortwörtlichen Befreiungsschlag kommt.