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Die «Woche der Nominierten» für den Schweizer Filmpreis 2016 ist in vollem Gang. Wir schauen für euch die einzelnen Filme und sagen euch, wo es sich lohnt nochmals genauer hinzuschauen. Über die Gewinnerfilme berichten wir nächste Woche ausführlich.

Michael und Sarah schon mitten im Netz der Lügen (Bild zVg.)

Nichts passiert: Michael und Sarah schon mitten im Netz der Lügen (Foto: zvg)

Imagine waking up tomorrow and all music has disappeared

Stefan Schweitert (Schweiz/Deutschland, 2015)

Nomination: Bester Dokumentarfilm

Wer muss diesen Film sehen?
Du bist musikverrückt und lässt dich gerne hinters Licht führen. Dir sagt The KLF noch etwas? Dann bist Du hier richtig. Bill Drummond der mit The KLF die Popindustrie kaperte führt den grössten Chor der Welt – The 17. Du musst jetzt aber keine Angst haben: Es geht nicht darum, dass du dir 86 Minuten Chorgedudel anhörst, und siehst. Bill Drummond hat die Schnauze voll – und zwar so richtig.

Sein Verständnis für Musik änderte sich in dem Moment, ab dem er einen iPod besass. Musik, schnell und jederzeit verfügbar, das ist die heutige Welt. Aber richtig zuzuhören – to listen hard – das ist eine Kunst. Und dieser geht er in diesem beeindruckenden Dokumentarfilm nach. Du wirst einige beklemmende Momente erleben, aber diese sind es absolut wert. Die Reise zum Nullpunkt der Musik beschreibt dieses Werk auf den Punkt. Der Mann der mit seiner Band eine Mio. Pfund verbrannt hat, zeigt dir auf eindrückliche Weise, was Musik auch bedeuten kann. Aber sei gewappnet, der Film wird dir nicht das Ende bescheren auf das du hoffst.

Nichts Passiert

Micha Lewinsky (Schweiz, 2015)

Nominationen: Bester Spielfilm | Bestes Drehbuch | Beste Darstellerin

Wer muss diesen Film sehen?
Du liebst die Schweizer Alpen? Prima, aber nicht nur darum geht es hier. Thomas (David Striesow) möchte eigentlich nur einen schönen Urlaub mit Tochter Jenny (Lotte Becker) und Frau Martina (Maren Eggert) verbringen. Schon bei der Abfahrt ist er in persönliche Halbwahrheiten und einem Netz aus Lügen verstrickt. Wenn du jetzt glaubst, ein paar Tage in der Idylle der Schweizer Alpen würden ausreichen um das zu lösen, liegst du falsch.

Anfänglich identifiziert man sich noch sehr mit dem doch etwas Mitleid haschenden Michael. Er will ja nur das Beste für seine Familie. Als jedoch die mitgereiste Freundin Sarah (Annina Walt) in Schwierigkeiten mit einem Jungen aus dem Dorf gerät, nimmt diese Reise an Fahrt auf. Je näher der Film seinem Ende kommt, desto mehr wirst du dich von Michael distanzieren, denn das Drama, das sich hier anbahnt, ist kaum auszuhalten. Du wirst im Kinosessel sitzen und dich ein bisschen alleingelassen fühlen, denn dieser Film endet nicht so wie du dir das gewohnt bist. Ein intelligenter Film, der auch Micha Lewinsky einiges abverlangt hat.

Schellen-Ursli

Nomination: Beste Kamera: Felix von Muralt / Beste Nebenrolle: Leonardo Nigro

Wer muss diesen Film sehen?
Alle, die das Bündnerland und schöne, heimelige Filme mit ein paar dramatischen Zutaten lieben.

Du kennst den Kinderbuchklassiker Schellen-Ursli in- und auswendig? Kein Problem, du wirst nicht enttäuscht. Mit ein paar sehr originellen Ergänzungen, was Szenen und Figuren betrifft, überzeugt der Film mit seiner packenden Geschichte und wunderschönen Bildern.

Du hast nur noch wage Erinnerungen an dein Kinderbuch? Wunderbar! Der Film hilft dir wieder auf die Sprünge. Bei mir kamen die ersten Erinnerungen schon gleich mit dem Haus von Schellen-Ursli, welches für den Film extra nachgebaut wurde. Der Film zeigt dir mit klasse Schauspielern und vielen liebevollen Details, was der Lausbub mit der Glocke angestellt hat und noch mehr.

Du hast gar keinen Plan und wer zum Geier ist Schellen-Ursli? Du hast jetzt die einmalige Gelegenheit deine Kindheit nachzuholen und den Chalandamarz kennen zu lernen. Die vielseitige Story hat ganz viel Charme und holt von gross bis klein jeden ab.

Der zweitbekannteste Kinderbuchklassiker aus dem Jahr 1945, getextet von Selina Chönz, illustriert von Alois Carigiet, hat der Innerschweizer Xavieler Koller verfilmt. Nachdem der Produzent Ditti Bürgin-Brook, wie er im Filmpodium erzählte, eine ebenso dramatische Reise um das Filmrecht hinter sich hatte und die Filmrechte gleich mehrere Male verloren hat, ist im zusammen mit der ganzen Crew ein Meisterwerk gelungen.

Und nach meiner Meinung, schlägt der freche Ursli das liebe Heidi gleich in mehre Punkten. Die Geschichte rund um den Lausbub und seine Glocke wurde unter anderem ergänzt mit einer speziellen Tierfreundschaft. Leonardo Nigro, der nominierte Schauspieler für die beste Nebenrolle erzählte zusammen mit Bürgin-Brook, wie die eindrücklichen Szenen mit dem echten Wolf gedreht wurden. Einerseits besitzte Jonas Hartmann, welcher den Ursli spielt, ein echtes Gespür für Tiere, andererseits musste mit einem ganzen Wolfsrudel gearbeitet werden. Nur mit viel Geduld konnte der Film mit den wohl heikelsten Faktoren: Schnee, Tiere und Kinder gelingen.

Als die Sonne vom Himmel fiel

Aya Domenig (Schweiz/Finnland 2015)

Nominationen: Bester Dokumentarfilm | Beste Filmmusik

Wer muss diesen Film sehen?
Du magst die leisen Klänge des Lebens? Dann musst Du auch die lauten ertragen können, denn dieser Film ist beides. Unglaublich laut, dabei aber unheimlich leise. Hiroshima 1945, wir alle kennen die Bilder die uns in zahlreichen Dokus immer wieder gezeigt wurden.

Diese Doku ist anders. Sie lässt dich Menschen begegnen die unmittelbar betroffen waren. Du denkst jetzt vielleicht – das ist nichts Neues – diese Dokumentation allerdings ist die persönliche Geschichte von Regisseurin Aya Domenig. Sie spinnt die Geschichte auf den Spuren ihres verstorbenen Grossvaters, der sich als Arzt um die vielen Betroffenen gekümmert hat um die nukleare Katastrophe, die sich während den Dreharbeiten in Fukushima sogar noch wiederholte.

Du wirst unweigerlich eintauchen in ein Land mit seiner Kultur, die du so noch nie erlebt hast. Du hörst Dinge bei denen du dich fragen wirst: Warum hat niemand davor darüber berichtet? Auch wirst Du Antworten erhalten, weshalb das so ist. Eine gewisse Schwere wird sich breitmachen, denn Du bist so nah dabei, dass die Distanzfindung schwer wird. Ein starkes Thema, welches durch den langsamen Rhythmus des Films verdaulich wird. Die Menschen sind echt. Auch deine Emotionen werden es sein. Schau Dir diese Dokumentation nur an, wenn du nachher Zeit hast darüber nachzudenken. Sie wird dir genug Stoff dazu liefern. Das Ziel war es, Erinnerungen zu sammeln- denn die betroffenen Menschen sind schon sehr alt. Die Zeit wird knapp.

Grozny Blues

Nicola Bellucci (Schweiz, 2015)

Nomination: Bester Dokumentarfilm

Wer muss diesen Film sehen?

Du interessierst dich für fremde Kulturen, deren Menschen und ihre politischen Konflikte? Dein Grundwissen über die Geschichte Tschetscheniens und dessen Verhältnis zu Mütterchen Russland hilft dir, dich in dieser Doku zurecht zu finden. Der Film porträtiert in der tschetschenischen Hauptstadt Grozny lebende Menschen und deren Geschichten.

Im Fokus steht eine Gruppe von vier Freundinnen, die sich für die Menschenrechte in Tschetschenien einsetzen und seit den Kriegen in den 90er Jahren es sich zur Aufgabe machten, als Filmcrew die Geschehnisse der Region zu dokumentieren. Belluccis Film ergänzt ihre Aufnahmen mit eigenen aus den letzten vier Jahren. Familien deren Angehörigen von Milizen entführt wurden, zwangsverheiratete Frauen aber auch junge Musiker kommen darin zu Wort. Der Dokumentarfilm kommt bewusst ohne Off-Stimme aus, die filmisch eingefangenen Situationen und Ereignisse sprechen für sich und können im Zuseher Gefühle von Beklommenheit über Hoffnung bis hin zur Resignation hervorrufen.

Der Film ruft in Erinnerung, dass die Welt in Tschetschenien noch lange nicht eitel Sonnenschein ist. Auch wenn die Kriege nun ein paar Jahre zurück liegen und die Machthaber vieles beschönigen, sitzt Russland hier auf einem Pulverfass das jeder Zeit wieder losgehen kann.

Giovanni Segantini – Magie des Lichts

Christian Labhart (Schweiz, 2015)

Nomination: Beste Kamera

Wer muss diesen Film sehen?

Wenn du ins Museum gehst und dir die Gemälde betrachtest, fragst du dich oft was hinter diesen Bildern steckt? Gerne willst du alles Wissenswerte über den Künstler erfahren, wie er lebte, seine Sorgen, seine Freuden. Christian Labharts Portrait über Giovanni Segantini nimmt dich bei der Hand, führt dich aus dem Museum heraus und nimmt dich mit auf alle wichtigen Stationen des Malers.

Wie das bekannte Alpentriptychon Segantinis ist dieser Film in die drei Teile Werden – Sein – Vergehen gegliedert. Von der schwierigen Jugend in Arco und Mailand, über seine Stielfindung in der Brienza bis zu seinen typischen Werken und dem frühen Tod im Engadin, geht diese Biografie chronologisch den Lebensweg entlang. Dazu spricht Bruno Ganz von Segantini selbst verfasste Texte, oft poetisch, manchmal aber auch Notizen zu seinen Farben und deren Wirkungen oder gar Briefe an seine finanziellen Förderer. Der Film geht in gemächlichem Erzähltempo von statten, es bleibt stets genug Zeit alle Informationen aufzunehmen und die visuellen Eindrücke auf sich wirken zu lassen.

Als der Film zu Ende ist, scheint man den Maler gut zu kennen. Man weiss von seinen finanziellen Sorgen, man fühlt seine Leidenschaft zur Malerei – alles Dinge die ein einfacher Besuch im Museum nicht so rüber bringt und gleichzeitig weckt der Film das Verlangen hinaus zu gehen in die Natur, das Licht und die Farben die Segantini versuchte festzuhalten mit eigenen Augen wahrzunehmen.

La Vanité

Lionel Baier (Schweiz, 2015)

Nominationen: Bester Spielfilm | Bestes Drehbuch | Bester Darsteller | Beste Darstellung einer Nebenrolle

Wer muss diesen Film sehen?

Alle die sehr gut Französisch verstehen oder schnell im Untertitel lesen sind. Wer auf aktiongeladenes Kino oder Filme in Holywoodmanier steht, der ist bei La Vanité natürlich völlig falsch. Du musst mit wenig auskommen. Der Film spielt hauptsächlich in einem tristen Motel-Zimmer und bietet wenig schöne Bilder. Trotz des traurigen Themas der Sterbehilfe hat der Film immerhin einen gewissen Witz.

Der Film handelt von einem alten, kranken Architekt, David Miller, welcher alles unter Kontrolle haben will; eben auch sein Lebensende. Er hat sich zum Freitod im Motel entschlossen. Doch die Sterbehilfebegleiterin macht ihm das Lebensende etwas schwerer. Und zusammen mit dem Zimmernachbar, Trépley, dem russischen Prostituierten erleben die drei eine kleine Achterbahn der Gefühle. Drei interessante, nicht ganz alltägliche Figuren voller Ironie und Tragik. So richtig überzeugt hat mich der Film allerdings nicht.

Immerhin war der kurze Aufritt von Ivan Georgiev, der für die beste Nebenrolle nominiert ist, sympathisch. Es war sein erster grösserer Film. Als er ihn selber in Cannes gesehen habe, sei es ihm so peinlich gewesen, dass er Tage nur noch kreidebleich herumgelaufen sei. Eine Erfahrung, die er eigentlich nicht mehr machen wolle.

Podiumsdiskussion Ursula Maier & Kurzfilme

Nach Grozny Blues steht eine Podiumsdiskussion mit Regisseuse Ursula Meier auf dem Plan. Die Filmemacherin zeigt zum Einstieg einen Kurzfilm. Kacey Mottet Klein – Naissance d’un Acteur wurde ursprünglich für den Filmclub <<Zauberlaterne>> gemacht und Thematisiert die Entwicklung des Schauspielers Kacey Klein, der schon als Kind vor der Kamera stand. Die Regie in diesen frühen Filmprojekten hatte ebenfalls Ursula Meier.

Dieser Kurzfilm ist der Auftakt zu einer Frage-Antwort-Runde, die sich vor allem an die anwesenden Filmstudenten richtet. So geht es in mehreren Fragen darum, wie der magische Moment entsteht, den die Kamera bannen will. Meier ist gut darin, diese Momente zu provozieren, sie aber gleichzeitig nicht zu überreizen. In den Proben führt sie ihre Crew an einen Punkt, der dem magischen Moment unmittelbar voraus geht. Dann klappt beim Dreh alles wie gewünscht. Wichtig für diesen Effekt ist auch das Casting. Wer vor Ursula Meier spielen will, der muss sich auf ein mehrstündiges Casting einlassen. Die Regisseuse nimmt sich gerne viel Zeit, bis sie genau die Person gefunden hat, die einen Rolle so verkörpern kann, wie es der Vision der Regie entspricht.

Meier spricht auch leidenschaftlich über Ihre Beziehung zu Schauspielern und zum Schauspiel. An ihrer Seite sitzt eine Übersetzerin, denn Meier stammt aus dem Welschland. Dass das Deutsch der französischsprachigen Zuschauer genau so mies ist, wie das französisch der Deutschsprachigen, wird zum Running Gag des Nachmittags.

Deutsch-Französisch-Englisch

Das Sprachengemisch erreicht bei der Vorführung der Studenten-Kurzfilme seinen Höhepunkt. Es sei eine „Kulturelle Katastrophe – une catastrophe culturelle“ erklärt der Dozent von der Uni Genf lachend bei seiner Ansprache, und fügt sofort an: „So we have to deal with this bloody broken english.“ Verhaltenes Lachen schwebt durch den Raum.

Insgesammt acht Kurzfilme werden gezeigt, je vier von der Zürcher Hochschule der Künste, je vier von der Genfer Filmhochschule.

Die Qualität variiert stark, wobei die Qualität eines Films natürlich stark im Auge des Betrachters liegt. Manche Studenten haben einen starken, künstlerischen Ansatz, während für andere die Narration oder eine sozialkritische Aussage zentral sind.

Zu meinen Persönlichen Highlights gehörten <<Courber l’échine>> von einer genfer Studentin und <<aujourdhui, il ne pleut pas en Suisse>>, sowie <<Driven>>, beide von Schülern aus Zürich.

Kultureller Spagat, meisterhafter Horror und knochentrockener Humor

In <<Courber l’échine>> sehen wir eine junge Muslima, die den Spagat zwischen zwei Kulturen macht: von der Familiensituation zu Hause eilt die Protagonistin an eine Goa-Party, kauft heimlich Alkohol, hat ebenso heimlich Sex, und geht danach zum Gebet in die Moschee. Kulturelle Konflikte werden nicht breit besprochen, sondern fliessen in die unterhaltsame Geschichte ein. Im darauffolgenden Interview präsentiert sich die Regisseuse selber als Muslima, die in der Genfer Agglo lebt. Man spürt, dass sie weiss, wovon sie spricht.

Dagegen geht es in <<aujourdhui, il ne pleut pas en Suisse>> viel humorvoller zu – und zwar staubtrocken. Schweizer Bünzlitum und schwarzer Humor kulminieren in diesem Werk, das den Familienausflug in ein Klärwerk thematisiert.

Fachlich herausragend war der Horrorfilm <<Driven>>. Die Story erinnert an eine typische Lagerfeuer-Gruselgeschichte, mehr Mystery denn wirklich dräuend, aber mit Licht und Ton schuf der junge Regisseur nervenzerfetzende Stimmung. Leider wurde die Infrastruktur des Kinos dem 3D-Klang nicht ganz gerecht, aber auch ohne die neuste Technik war das Werk beeindruckend.

Der Schweizer Filmemacher-Nachwuchs kann sich sehen lassen. Wir können uns alle auf gute einheimische Produktionen freuen.