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Die wilde Vanja

Vanja Vukelic ist Musikerin mit Leib und Seele. Mit ihrer Band Mama Jefferson hat sie eine wichtige Botschaft für uns.

Stromausfall in Kroatien. In einem entlegenen Haus am Waldrand nimmt ein junges Mädchen eine Handorgel und beginnt im warmen Kerzenschein zu spielen. Das Mädchen heisst Vanja Vukelic – ihre Mutter ist Schweizerin, der Vater Kroate. Der Strom fällt in diesem 20-Seelen-Dorf öfter aus. Und zu Weihnachten wünscht sich Vanja jedes Jahr ein neues Instrument.

Dezember 2017. Vanja Vukelic steht im Schneematsch vor dem Winterthurer Salzhaus. Hinter dem dicken Schal und Haarsträhnen blitzen dunkle Augen hellwach. Sie wünscht sich keine Instrumente mehr zu Weihnachten. Die Musik ist nicht länger eine Beschäftigung bei Stromausfällen. Die Musik ist ihr Leben.

Zeitweise war die junge Frau in zehn Bands gleichzeitig unterwegs. Am bekanntesten war die Formation Neckless, in der sie 13 Jahres spielte. Momentan legt die Truppe eine Pause ein. «Es ist wie in einer Beziehung», sagt Vukelic. «Man braucht manchmal wieder Zeit zu überlegen, was man genau will.» Sie sitzt an einem massiven Holztisch im Salzhaus-Backstage. Und sie scheint exakt zu wissen, was sie will. «Ich habe meine Projekte stark reduziert. Es funktioniert nicht, überall dabei zu sein, wenn du deine eigenen Ideen verfolgen willst.»

Ihre Idee heisst Mama Jefferson. Zusammen mit dem Gitarristen Silvan Gerhard und dem Schlagzeuger Mattia Ferrari hat sie die Debüt-EP Best Of veröffentlicht. Alleine der Titel spricht Bände. Es ist dreckiger, lauter Rock – umso erstaunlicher, dass die Single Liquor Liquor grossen Anklang fand. Vom Einstandserfolg war Vukelic überrascht: «Ich habe einfach zum ersten Mal etwas gemacht, das mir vollkommen entspricht. Kompromisslos, ohne Rücksicht auf Radiotauglichkeit. Tätschbumm! Faust in die Fresse!»

Obwohl Vukelic auch als Auftragsmusikerin unterwegs ist; Mama Jefferson ist ihr Herzensprojekt. Es sollte keine Zwecksgemeinschaft werden. «Ich wollte Leute dabei haben, die mir in erster Linie menschlich zusagen. Das ist das Wichtigste. Das spürt das Publikum.» Mattia Ferrari sei einfach ein «geiler Typ», mit dem sie schon lange musiziert habe. Silvan Gerhard lernte sie an der Zürcher Hochschule der Künste kennen. Sie hat ihn auf dem Korridor gesehen. Er hatte «so ein Schwänzchen auf dem Kopf». Vukelic dachte sich: «Läck, sieht der lustig aus!»

Vanja Vukelic von Mama Jefferson

Bild: Nicola Tröhler

Vanja Vukelic ist eine energiegeladene Person. Wie ein Pfeil an einer bis zum Anschlag gespannten Sehne. Man will gar sagen: Eine Rampensau wie sie im Buche steht, prädestiniert als Frontfrau. Aber genauso ist sie ein Mensch, der die Dinge auf sich zukommen lässt. Es war nie der Plan, dass sie bei Mama Jefferson singt. Sie sei keine Sängerin, meint Vukelic selbstkritisch. Doch ihr Sprechgesang hat der Band bereits ein Markenzeichen beschert.

Auch ihr Instrument, der Bass, war das Ergebnis eines Zufalls. «Bei Neckless habe ich erst Klavier gespielt. Das Klavier ist ein richtig doofes Instrument um in einer Band zu spielen.» Allerdings tauchte der Bassist der Band auf. So wurde der Bass das letzte Instrument, das sie sich zu Weihnachten gewünscht hat.

Es hat sofort gefunkt. «Es ist, wie wenn man einen Menschen kennenlernt: Es passt oder es passt nicht.» Der Bass sei ein grobes Instrument und sie gibt zu: «Die Bassisten sind meisten die Komischen. Aber ich bin ja auch so.» Und lachend fügt Vukelic hinzu: «Manchmal habe ich Sprechdurchfall. Darum bin ich jetzt Frontfrau, dann ist das in Ordnung.»

Alles andere als zufällig ist der Sound, den Mama Jefferson spielen. «Diese Rock-Attitüde, dieses Rotzige passen zu mir», meint Vukelic. In unserer Gesellschaft werde immer alles beschönigt. Nichts dürfe sich reiben, alles müsse geschliffen sein. «Nein, vergiss es!», ruft sie in den schummrigen Raum. «Es darf hässlich sein. Als Frau muss man auf der Bühne nicht immer herausgeputzt sein!»

Der Ausbruch aus Konventionen ist das Benzin, welches sie unablässig antreibt. Die Musik ist Endorphin und Befreiung zugleich. «Wenn ich den Bass in die Hand nehme, bin ich einfach glücklich», sagt sie. Hinter ihrem Gesicht scheint ein Feuer aufzulodern, wenn sie nur an das Instrument denkt. «Ich darf authentisch sein. Auf der Bühne bin ich niemandem Rechenschaft schuldig. Ich habe eine Daseinsberechtigung.» Sie ist überzeugt: Ein gewöhnlicher Job sei nichts für eine «kuriose, komische und kreative» Person wie sie. «Ich bin ein Freigeist.»

Vanja Vukelic mit Mama Jefferson live auf der Bühne

Wilde Show – Mama Jefferson live in St. Gallen. Bild: Evelyn Kutschera

Dass diese Vogelfreiheit des Künstler-Daseins ein Privileg ist, weiss Vukelic. «Man hat auch eine Vorbildfunktion. Mir ist es ein Anliegen, dass die Menschen authentisch sind.» Das sei die Botschaft von Mama Jefferson: Dass man sich nicht ständig selbst optimieren oder die schönsten Fotos posten muss. Dass man nicht immer blendend aussehen muss. Dass man auf der Bühne schwitzen darf «wie eine Sau». Vielleicht motiviere Mama Jefferson ein paar Menschen, sich nicht dauernd extrinsisch beeinflussen zu lassen. «Wenn man sich nur nach aussen orientiert um herauszufinden, wer man ist, wird man nicht glücklich. Es gibt immer jene, die dich kritisieren. Manchmal wird man sie los, manchmal trifft man sie wieder an. Aber einen selbst hat man ein ganzes Leben am Hals.»

Vanja Vukelic will zuerst mit sich selbst leben können. Sie ist nicht auf den Mund gefallen. Und sie kann auch anecken. Trotzdem: Negative Erlebnisse hätte sie deswegen noch nie gehabt. Die Leute trauten sich dies nicht, meint sie. «Die wissen, dass sie bei mir eis an Näggel bekommen.»
Im Musikbusiness braucht es eine dicke Haut. Wie man sich diese zulegt, gibt sie an den «Female Band Workshops» von Helvetiarockt an Kolleginnen weiter. Auch dieses Engagement ist Teil ihrer Vorbildfunktion. «Ich leite die Workshops nun schon drei Jahre. Ich beobachte, dass Frauen anfangs eine grössere Hemmschwelle haben.» Es sei auch als Frau wichtig, eine Attitüde zu entwickeln. «Das heisst nicht, eine riesige Fresse zu haben wie ich. Aber für sich selbst einzustehen. Zu wissen, was man kann und was nicht.»

Januar 2018. Vanja Vukelic und ihre Kumpanen ziehen sich ins Studio zurück. Mama Jefferson nehmen ihr erstes Album auf. Zusammen mit Giuliano Sulzberger (James Gruntz, What Josephine Saw) hat Vukelic stark an den Arrangements gefeilt. «Der Sound ist immer noch hart, aber eine Spur hymnischer», verrät sie. Nach wie vor hält sie sich an ihren eigenen Schwur: Nie ein Liebeslied zu schreiben. Natürlich habe sie auch Liebe im Leben, doch es gebe viele Dinge, die Aufmerksamkeit bräuchten, sagt Vukelic. «Mama Jefferson ist gesellschaftskritische Musik, aber ohne Zeigefinger. Es hat immer eine Prise Ironie dabei.»

Gerne würde Vukelic mit dem Album an den ersten Erfolg anknüpfen. «Ich arbeite 27 Stunden pro Tag, an acht Tagen in der Woche», sagt sie. Trotzdem sei sie nicht verbissen. «Ich gebe alles, aber wenn es nicht klappt, ist es nicht unser Weg.» Es liege nicht nur in ihrer Hand, ob es funktioniert. «Und wenn nicht, geht keine Welt unter.» Das klingt nach etwas zu viel Coolness. Denn eines ist klar: Die wilde Vanja wirft nicht so schnell den Bettel hin. Sie ist eine fröhliche Kämpfernatur, eine arrivierte Frau mit einem Ziel. Und man weiss sofort, dass sie recht hat, wenn sie sagt: «Wenn ich mein Bestes gebe und es wirklich will, wird es aufgehen.»