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Das Internet hat eine neue, skurrile Blüte getrieben: Einen Kult um vegane Rohkost, angetrieben von zwei Australiern. Zum Erlösungsplan gehören dreissig Bananen pro Tag, Fahrradfahren und eine Vasektomie.

Es begann im Internet: Freelee, eine australische Vorher-Nachher Frau, erklärte ihren Diät-Erfolg mit einem strengen, einseitigen Diätplan. Vegan und grösstenteils Rohkost – über dreissig Bananen isst die junge Frau täglich. Freelee und ihr flacher Bauch wurden berühmt und zogen Fans an.

Bald bildete sich eine Art Kultgemeinschaft um Freelee und ihren damaligen Lebenspartner, der das Pseudonym Durian Rider benutzt. Unter dem Slogan «Raw till 4» vermarkten die beiden ihren Diätplan. Während Freelee ihren militanten Wahnsinn gern mit doofem Blondinengetue kaschiert, fährt ihr Ex offen schwere Geschütze auf. Sein Ton ist oft drohend, er wirkt aggressiv und genauso weltfremd wie Freelee. Das ruft Youtuber auf den Plan, die Durian Rider vorwerfen, ein Sektenführer zu sein. Gegenstimmen führen aus, dass «Raw till 4» nicht mehr als ein gesunder Lifestyle sei.

Selbstdarstellung par excellence auf Instagram:

@freeleethebananagirl betreibt auf Instagram Selbstdarstellung

Die vegane Youtube-Gemeinde hat auch einen realen Treffpunkt: Das Thai Fruit Festival, das neben veganem Essen noch den Schwerpunkt Fahrradfahren hat. Das klingt erstmals alles sehr nett: tropische Früchte, Radeln in der exotischen Landschaft… Aber die Geschichte von der schönen neuen, veganen Welt hat einen üblen Nachgeschmack. Wieder tauchen Videos auf. Junge Mädchen werden zum Sex gedrängt, junge Männer zur Vasektomie. Was als absurdes Drama begann, kippt plötzlich in reale Tragödien.

Zu jedem Video gibt es eine Videoantwort. Gerade die Vasektomie-Geschichte löste mehr als eine Reaktion aus. Ausführlich wird erklärt, dass eine Vasektomie nicht davor schützt, sich mit einer Geschlechtskrankheit zu infizieren – was einst Allgemeinwissen war, muss im Zeitalter der Internethonks kindgerecht aufbereitet werden.

Durian Rider in einem für ihn typischen Vegan-Shirt. (Quelle: http://www.30bananasaday.com)

Durian Rider in einem für ihn typischen Vegan-Shirt. Bild: 30bananasaday.com

Tatsächlich war Youtube von Anfang an ein wichtiges Werkzeug: Erst wurden die Anführer der Bewegung mit dem Kanal gross, dann half das Medium, die kultartige Struktur aufzudecken. Unter dem Namen «Vegan Cheetah» reisst ein junger Mann das Maul gegen Rider und seine Genossen auf. In einem Video führt er aus, dass Rider explizit Teenagermädchen anziehen will. Das mag marketingtechnisch Sinn machen, aber es ist und bleibt creepy, formuliert der Youtuber treffend.

Das Thai Fruit Festival sollte denn auch ein Video hervorbringen, das den Vorwurf bestätigt. Eine junge Frau erzählt, wie sie von Durian Rider bedrängt wurde. Und während sich Youtuber noch das Maul zerreissen, wird schon der nächste Skandal breit getreten: Freelee soll mit ihrer Assistentin durchgebrannt sein.

Vegane Youtuber stänkern über vegane Aktivisten auf Youtube. Der Unterschied erschliesst sich nicht jedem.

Vegane Youtuber stänkern über vegane Aktivisten auf Youtube. Der Unterschied erschliesst sich nicht jedem.

Spätestens mit diesem Video speist das ganze Geschehen dieselben Unterhaltungsneuronen, die auch Hartz 4-TV bedient werden. Die Zuschauer freut’s, die Betroffenen wohl nicht, denn ohne emotionale Beteiligung wirkt die ganze Selbstdarstellung nicht glaubhaft. Die Beteiligten ziehen ein Drama auf, das die Desperate-Housewives-Autoren nicht besser hingekriegt hätten, und jeder, der Bock und eine Webcam hat, kann mitmachen.

Der Aspekt des Tierschutzes allerdings, der die vegane Gemeinde überhaupt erst geboren hat, geht in dem ganzen Theater verloren.