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Deutschrap hat viele Facetten. Bei dem Subgenre Strassenrap stellt es manchem sofort ab. Prähistorisches Geschlechterbild und das Immergleiche winken auf den ersten Blick und Ton. Doch auch der Strassenrap entwickelt sich weiter.

Schwesta Ewa

Schwesta Ewa – die Nutte vom Bahnhof (Foto: zvg)

Strassenrap ist nicht jedermanns (jederfraus) Sache. Es geht um Drogen, Gewalt, Paras (dt. Geld) und Schlampen/Nutten/Huren. Immer dieselbe Leier und in den Augen vieler vorhersehbar. So sieht dies beispielsweise der Schriftsteller und Kabarettist Serdar Somuncu.

Auch die Bildsprache in den Videos ähnelt sich: Starke Männer, oftmals auch Waffen im Hintergrund (so etwa beim HALT DIE FRESSE 03 NR. 78 von Haftbefehl), «dicke Karren» (wie bei Capo) und Frauen, die zu zu reinen Lustobjekten degradiert werden.

Alles wie gehabt, Rollenbilder aus der Steinzeit und keine Hoffnung auf Besserung? Weit gefehlt, denn die Szene entwickelt sich stetig weiter. So gibt es in der von Männer dominierten Szene eine starke Frau: Schwesta Ewa.

Vor einer Woche hat sie einen Videoclip zum Lied Escortflow veröffentlicht und der ist aus vielen Gründen gut, sehr gut. Der Clip illustriert eine Entwicklung im deutschen Rap.

Erst einmal zum Text: Linien wie «…während Escortschlampen in Sexshops tanzen» oder «Ich habe Schwuchteln zu Heteros gemacht» lassen einem die Haare zu Berge stehen. Jedoch rappt sie von sich selber als «die Nutte vom Bahnhof».

Zur Erinnerung: Nutten sind tendenziell reine Objekte zur Lustbefriedigung ohne eigenen Willen. Doch Schwesta Ewa ist anders. Textlich passt sie sich den männlichen Kollegen an, und dennoch: Sie ist eine starke Frau, die es in einer Männerdomäne zu etwas gebracht hat.

Und das gänzlich ohne Quoten. Dazu kommt, dass Ewa als (ehemalige) Prostituierte in der Szene (wobei nicht nur dort) eigentlich eine «unreine Frau» ist.  Und dennoch wird sie respektiert. Respektiert von ihren Mitrappern, die sie gefeatured hat oder die mit ihr einen Song aufgenommen haben. Unter anderem sind das Eko Fresh, Celo & Abdi oder SSIO, die allesamt erfolgreiche und bekannte Grössen des deutschen Raps sind.

Ewa ist also nicht das Klischee der Rapfrau. Sie ist stark, selbständig und nimmt kein Blatt vor den Mund. Eigentlich emanzipierter als manch andere. Erstaunlich ist dies insbesonders, wenn man bedenkt, dass sie sich in einem von Frauenfeindlichkeit gekennzeichneten Umfeld bewegt.

Aber auch das Video verdeutlicht die Entwicklung punkto Frauenfragen im Deutschrap. Zwar sexualisiert Schwesta Ewa ihre beiden Gespielinnen Sarah und Gülçan im Video, aber auch, und das ist der springende Punkt, Männer. Sechs muskelbepackte Typen ziehen ihr Auto. Das ist sehr ungewöhnlich im Strassenrap, was ihre «emanzipatorische» Vorreiterrolle widerspiegelt. Das «starke» Geschlecht arbeitet für das «schwache» und so wird das «schwache» Geschlecht zum «starken».

Dazu kommt, dass sich die Rapperin in ihren Videos fast schon prüde gibt. Nicht in lyrischer Hinsicht, aber in der Bildsprache. Vergleicht man sie mit der zurzeit bekanntesten amerikanischen Rapperin Nicki Minaj, fällt auf, dass einerseits Ewa keinen Track über die Anaconda (das männliche Geschlecht) hat und sich auch nicht selber übermässig sexualisiert. Im Video dieses Montags sieht man sie rund zwei Mal «leicht bekleidet». Einmal in Hotpants (im Sommer überall) und einmal in langen Stiefeln. Mehr nicht. Bei Schwesta Ewa gibt es keine über vier Minuten lange Arschschüttel-Orgie mit dem Flair eines pornografischen Filmes. Ihre Selbst-Sexualisierung ist auf ein Minimum heruntergeschraubt.

Schwesta Ewa ist um einiges fortschrittlicher, als es auf den ersten Blick wirkt. Und im Grossen und Ganzen symbolisiert diese polnische Rapperin den Beginn einer Entwicklung im deutschen Strassenrap. Und das macht sie gut. Mit ihr als Vorbid wird es hoffentlich bald von starken Frauen wimmeln. Egal ob im Rap oder sonst wo.