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Auf dem neuen Album geben sich die White Lies eher poppig. Doch das Konzert im Kaufleuten strafte alle bösen Vorahnungen Lügen.

Auf dem neusten Album Friends haben die White Lies den Rock in den Hintergrund gedrängt. Stattdessen dominiert funkelnder Synthpop aus den 80er-Jahren. Hin und wieder fühlt man sich an Hurts erinnert, die mit einem ähnlichen Retro-Sound ebenso schnell aufgestiegen sind, wie sie wieder in der Bedeutungslosigkeit versanken.

Hurts sind heute nur noch eine Fussnote der Musikgeschichte. Droht dem Londoner Trio also dasselbe Schicksal? Nein, aus zwei Gründen.

  1. Beständigkeit: Friends ist bereits das vierte Album der White Lies. Selbst wenn es nicht an die Chart-Erfolge seiner Vorgänger anknüpfen vermag, ist der Sound auf dem neusten Werk nur die logische Weiterentwicklung von Big TV.
  2. Handschrift: Auch wenn sich der Grundton etwas mehr Richtung Licht verschoben hat, klingt auch Friends nur nach einer Band: den White Lies. Die Stimme von Harry McVeigh trägt dominant durch die Songs. Die Synthesizer-Melodien entbehren nicht einer kühlen Melancholie.

Mit dem neuen, poppigeren Sound war es nur konsequent, dass die White Lies den Industrie-Charme des Komplex 457 – wo sie 2013 zuletzt spielten – zurückliessen und sich im schicken Kaufleuten die Ehre gaben. Aber würde das neue Klangbild auch auf der Bühne überzeugen?

Der perfekte Moment 

Kraftvoll und überzeugend steigen die Briten ein: Take It Out On Me markiert die Dringlichkeit, gibt den treibenden Opener. Gefolgt vom nicht minder mitreissenden There Goes Our Love Again. Dann beweisen die White Lies Mut und jagen mit To Lose My Life ihren grössten Hit durch den Saal.

Bild: Janosch Tröhler

Konzentration und Präzision. Bild: Janosch Tröhler

Damit ist das Eis mit einem lauten Krachen gebrochen. Die Euphorie tritt aus allen Poren. In Ekstase springt das Publikum auf, wirft die Hände in den Himmel, als strebten sie der Verzweiflung in McVeighs Stimme nach.

Eine Steigerung scheint kaum noch möglich, doch bei Unfinished Business bricht ein Damm, von dem niemand etwas gewusst zu haben schien. Das Publikum übertönt mit ihrem Gesang die Band. Die Nackenhaare stellen sich auf, ein kalter Schauer läuft den Rücken hinab. Es ist der perfekte Moment. Einen Zauber, der nur eine fulminante Rockshow vollbringen kann. Band und Fans verschmelzen in vollkommener Harmonie.

Der Bankier und der Forscher

Die White Lies dankt es ihren Zuschauern mit Mark und Bein durchdringendem Druck. Die altehrwürdigen Dielen des Kaufleuten zittern und schaudern.

Bild: Janosch Tröhler

Der Bass-Forscher Charles Cave. Bild: Janosch Tröhler

Sänger und Gitarrist Harry McVeigh sieht mit seinen Hochwasser-Chinos und dem feinen Hemd aus wie ein exzentrischer Bankier. Er leidet wundervoll mit jeder Zeile, wirft sich leidenschaftlich in die Töne. Der kahlköpfige Charles Cave wirkt mit seiner Brille wie ein Forscher und bearbeitet den Bass mit wissenschaftlicher Präzision. Versteckt in einer dunklen Ecke der Bühne liefert Drummer Jack Lawrence-Brown unablässig das massive Fundament für die Klangkathedralen.

Farewell To The Fairground setzt neue Massstäbe. Das Publikum dröhnt aus vollen Lungen:

Keep on running,
Keep keep on running,
There’s no place like home,
There’s no place like home
 

Wie Junkies auf Entzug

Morning In LA, eines der rockigeren Stücke auf Friends, kühlt den Saal etwas ab. Doch McVeighs Feuer brennt, sein Blick ist hellwach. Er starrt über die Köpfe hinweg wie ein Raubtier, das seine Beute fixiert. Der Sänger gleicht einem eingesperrten Tiger, eingesperrt in britischer Zurückhaltung. Die Anspannung, die Selbstbeherrschung ist beinahe greifbar. Anstatt das Adrenalin über die Gliedmassen zu katalysieren, legt McVeigh all seinen Schmerz, seine Liebe und Angst in die Stimme.

Die absolute Konzentration der Band zieht in den Bann. Manchmal verlieren sie sich selbst, strecken die Hände in die Luft – nur um sie gleich wieder an sich zu reissen, als wären sie bei einer Lausbüberei erwischt worden.

Bild: Janosch Tröhler

Vorsichtige Gestik. Bild: Janosch Tröhler

Auf das Stroboskop-Blitzgewitter von Death ist der donnernde Applaus ohrenbetäubend. Wie Junkies auf Entzug schreien, pfeifen und rufen die Menschen nach mehr. Weil die White Lies keine Unmenschen sind, liefern sie mit Big TV und Come On noch eine Dosis. Bigger Than Us beschliesst dann das Set und zündet ein letztes, chorales Feuerwerk. Noch einmal übertönen die Gäste die Gastgeber. Noch einmal Ausgelassenheit. Noch einmal pure, echte Euphorie.

Nach drei Jahren Abwesenheit konnten die White Lies nicht nur überzeugen. Nein, im Vergleich zum letzten Konzert stand im Kaufleuten eine andere Band auf der Bühne. Eine, die mit Spielfreude, Nachdruck und Überzeugung spielte.

Bild: Janosch Tröhler

Publikum und Band verschmolzen. Bild: Janosch Tröhler