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Zum fünften Mal wurde Lara Dickenmann kürzlich zur Schweizer Fussballerin des Jahres ausgezeichnet. In den Medien wird sie oft als der weibliche Shaqiri bezeichnet. Die 28-jährige Profifussballerin verrät uns ihre Meinung zu den Geldsummen der männlichen Fussballkollegen, erzählt, warum sie lieber in Frankreich als in Amerika spielt, und warum es in der Schweizer Frauenliga kaum möglich ist, vom Fussball spielen zu leben.

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Dickenmann beim Einwurf (Foto: Steffi Sonderegger)

Erst den Valais Women’s Cup mit Lyon gewonnen, kurz danach ging es ab nach Amerika, wo du mit der Schweizer Nationalmannschaft zum ersten Mal auf die Nummer 1 der Weltrangliste getroffen bist. Das Endergebnis: 4-1 für die USA. Eine besondere Herausforderung oder nur ein «normales» Spiel?

Lara Dickenmann: Das Spiel war schon etwas Besonderes für uns alle, da wir noch nie gegen die USA gespielt haben. Für mich war es insofern speziell, dass ich meine alte Universitätstrainerin zum ersten Mal seit meiner Zeit in den Staaten wieder gesehen habe. Es war auch ein guter Zeitpunkt für uns, gegen die beste Nation der Welt zu spielen, da uns jetzt noch zehn Monate bleiben, uns so gut wie möglich auf die WM vorzubereiten. Das lässt uns auch Zeit, die Mängel, die wir aufgezeigt bekommen haben gegen die USA, so gut wie möglich zu beheben.

Du hast in Amerika studiert und Fussball gespielt, jetzt spielst du für Lyon. Worin liegen für dich die Unterschiede zwischen dem europäischen und dem amerikanischen Frauenfussball?

Zuerst darf man den College- und den Profifussball in Amerika nicht verwechseln. Das sind schon noch zwei verschiedene paar Schuhe. Jedoch wird in Amerika allgemein mehr Wert auf die körperliche und mentale Fitness gelegt, während in Frankreich eher das Spiel, die Taktik und Technik im Vordergrund stehen.

Könntest du dir vorstellen, wieder in Amerika zu spielen?

Eigentlich schon. Jedoch ist es sehr kompliziert, gleichzeitig auch noch in der Schweizer Nati zu spielen, da ich etwa einmal Mal pro Monat nach Europa fliegen müsste. Das hat mich damals an der Uni immer sehr müde gemacht hat, da war auch das Risiko für Verletzungen viel grösser.

Du spielst schon seit 2008 bei Lyon und scheinst da glücklich zu sein. Ist das Ansehen einer professionellen Fussballerin in Frankreich ein anderes als in der Schweiz?

In Lyon ja, und die französische Nationalmannschaft kennt man fast überall in Frankreich – mittlerweile auch sehr gut. In Lyon haben sich die Leute vermehrt für uns interessiert, als wir die Champions League zum ersten Mal gewonnen haben.

Bist du zufrieden mit dem Stellenwert des Frauenfussballs in der Schweiz? Was würdest du verbessern wollen?

Ich denke es liegt an uns, den Spielerinnen, das Image zu verändern. Mit der Qualifikation für eine Endrunde haben wir einen ersten Schritt getan. Der beste Weg, den Stellenwert des Frauenfussballs in der Schweiz zu verbessern, ist durch gute Resultate über eine längere Zeit hinweg. Wenn es etwas zu verbessern gäbe, wären das wohl die Trainings- und Arbeitsbedingungen der Nationalspielerinnen, die noch in der Schweiz spielen. Wir im Ausland sind fast alle Profis und können vom Fussball leben. In der Schweizer Liga gibt es aber noch keine oder fast keine Profis. Das heisst, die Spielerinnen arbeiten zum Teil 100 Prozent und trainieren trotzdem fünf bis sechs Mal die Woche. Da gibt es fast keine Zeit mehr für Freizeit und Erholung. Zudem büssen sie noch an Geld ein, da sie alle Ferien an den Fussball abgeben, und zusätzlich noch viele unbezahlte Stunden nehmen müssen.

Inwiefern denkst du, beeinflusst eure Teilnahme an der WM die Entwicklung des Frauenfussballs in der Schweiz?

Ich denke, eine Qualifikation alleine reicht nicht, um gross etwas zu verändern. Wenn wir es jedoch fertig bringen, eine gute WM zu spielen, und uns dann konstant für die Endrundenturniere qualifizieren, wird das einen positiven Effekt auf die Entwicklung des Frauenfussballs haben.

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Lara Dickenmann am Valais Cup (Mitte) (Foto: Steffi Sonderegger)

Du lebst vom Fussball spielen, was nicht selbstverständlich ist im Frauenfussball. Fühlt man sich nicht etwas benachteiligt, wenn man sich die Geldsummen der männlichen Kollegen anschaut?

Eigentlich nicht, da ich genug verdiene und auch etwas auf die Seite legen kann. Ich finde die Löhne und Transfersummen im Männerfussball mehr als überzogen. Es ist schade, was aus gewissen Vereinen geworden ist. Fussball ist heutzutage zum Teil wie ein moderner Menschenhandel. Es ist nicht mehr wie früher wo man für seine Mannschaft mit Herz und Leidenschaft gespielt hat. Man ist sechs Monate an dem einen Ort, dann spielt man nicht, bekommt aus einem anderen Land ein interessanteres Angebot, dann ist man vielleicht ein Jahr da. Wenn ich das so sehe, bin ich schon froh, dass es im Frauenfussball noch um andere Dinge geht.

Wie wichtig ist dir Geld und mediale Präsenz?

Genug Geld zu verdienen ist sicher wichtig. Aber ich war nie jemand, der mediale Präsenz oder Ruhm gesucht hat. Es stört mich überhaupt nicht, dass mich die Leute auf der Strasse nicht erkennen. Ich bin froh, dass ich überall hingehen kann, ohne Aufmerksamkeit zu erregen.

Du hast neben dem Fussball spielen studiert. Wie wichtig  ist es für  junge Spielerinnen, trotz Karriere noch einen Abschluss in der Tasche zu haben? 

Das ist sehr wichtig, da man, auch als Mann, im Fussball nie weiss, was passiert. Vielleicht verletzt man sich, oder andere Umstände erlauben es einem nicht mehr, Fussball zu spielen. Ich finde es auch wichtig, sich noch für andere Dinge zu interessieren, einen Ausgleich zu haben im Kopf. Mit 30 bis 35 Jahren ist die Karriere meistens vorüber und dann hat man immer noch 30 bis 35 Jahre Arbeit vor sich.

Wie hat sich nach deiner Meinung der Frauenfussball im Allgemeinen verändert, seit du spielst?

Der Frauenfussball hat sich sehr verändert, seit ich spiele. Als ich sechs Jahre alt war, gab es bei mir in der Nähe keine Frauenmannschaften, also spielte ich während sieben Jahren mit den Jungs. Als ich zwölf Jahre alt war, gab es das erste Mal eine U16 Regionalauswahl und als ich vierzehn Jahre alt war, spielte ich bereits in der NLA, was damals aber nichts Aussergewöhnliches war. Es gab weder ein Ausbildungszentrum, noch Lösungsansätze um Sport und Schule besser zu verbinden. Wir hatten keine einheitlichen Trainingsausrüstungen, und mussten – auch in der höchsten Schweizer Liga – noch Mitgliederbeitrag bezahlen. Heute gibt es fast keine kleinen Clubs mehr. Die meisten Frauenmannschaften sind bei den grossen Schweizer Vereinen integriert. Dadurch ist alles viel professioneller geworden.

Was würdest du dir für den Frauenfussball in Zukunft wünschen?

Dass er sich einerseits so weiterentwickelt wie bisher, dass es immer mehr professionelle Teams gibt, dass das Niveau immer besser wird, und die Konkurrenz immer grösser. Dass die Werte aber trotzdem nicht verloren gehen, und die Löhne sich nicht in Unsummen umwandeln. Aber irgendwie mache ich mir keine allzu grossen Sorgen.

Was wünscht du dir für deine WM-Teilnahme mit der Schweiz?

Ich wünsche mir, dass wir am 5. Juli immer noch in Kanada am Spielen sind.

Lara Dickenmann
Lara Dickenmann wurde am 27. November 1985 in Kriens geboren. Sie startete ihre Karriere beim SC Kriens, wo sie erst mit den Knaben spielte, danach wechselte sie zum DFC Sursee. Sie studierte International Business an der Ohio Stat University in Amerika, wo sie auch für die Collegemannschaft spielte und 2008 ihren Bachelor absolvierte. Seit 2002 ist sie fester Bestandteil der Schweizer Nationalmannschaft, die sich dieses Jahr zum ersten Mal für die Weltmeisterschaft 2015 in Kanada qualifizierte.
Heute lebt Lara Dickenmann in Lyon, wo sie seit seit 2008 als Profifussballerin bei Olympique Lyonnais engagiert ist. Mit Olympique Lyonnais gewann sie unter anderem zweimal die Champions League. In der Schweiz wurde Lara Dickenmann dieses Jahr zum fünften Mal zur Schweizer Fussballerin des Jahres gewählt.