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Elf Jahre lang war Meri Tadic Teil der bekannten Schweizer Metal-Band Eluveitie. Mit einem gewaltigen Sprung löst sich die Violinistin und Sängerin mit kroatischen Wurzeln aus dem keltischen Universum Eluveities und reist auf eigene Faust durch die Welt.

Bild: Manuel Vargas Lépiz

Meri Tadic sitzt an einem kleinen Tisch im «Tearoom», einer gemütlichen Stube in der Winterthurer Steinberggasse. Vor ihr kringelt sich der Dampf aus dem Kännchen. Um uns sitzen eifrig diskutierende, ältere Damen.

Die lange Zeit bei Eluveitie hat die Frau geprägt. Reich an Bühnenerfahrung und Menschenkenntnis. Das Rüstzeug für die Selbständigkeit ist perfekt geölt. Die Angst vor dem Schritt ins Ungewisse ist klein und umso grösser die Freude nach so vielen Jahren wieder Neues zu wagen.

Die Betriebsblindheit und der immer weniger werdende Platz für ihre eigenen Ideen, liess Meri Tadic aus der Band aussteigen. Das Opfer wurde irgendwann zu gross, sich kreativ nicht voll ausleben zu können. Dennoch verbindet Irij, wie sich ihr Projekt nennt, und Eluveitie die Tatsache, dass die Musik nach den eigenen historischen, traditionellen Wurzeln fühlt.

Tradition und Vorurteile

Schon als Kind war die Musikerin fasziniert von der kroatischen Kultur des Geschichtenerzählens. Begeistert, wie sehr die Überlieferungen die eigene Fantasie anregte. Tadic greift in ihrem Album Same Zgode… koje se ne mogu dogoditi! diese Tradition auf und verpflanzt sie ins 21. Jahrhundert.
In der Vergangenheit sorgte ihre Herkunft auch für schwierige Situationen. Wie aus der Kanone geschossen, antwortet Meri Tadic auf die Frage, ob sie bei Eluveitie mit Rassismus konfrontiert worden sei.

«Ich war einfach der Jugo. Das waren zum Teil grenzwertige Erfahrungen.»

Musik, die nach Balkan klingt, hat es in der Schweiz nicht leicht. Viele Vorurteile schwingen mit. ‹Zigeunermusik›. Doch Furcht vor Ablehnung kennt Tadic nicht. Durch Irij versucht sie, den Menschen die kroatische Kultur näher zu bringen und Vorurteile abzubauen.

«Menschen mit Vorurteilen haben in der Regel keine Ahnung.»

Durch Fortschritt dem Affen wieder näher als dem Menschen

Das Debütalbum von Irij hat einen zentralen Angelpunkt. Durch die Musik prangert Meri Tadic die fortschreitende Banalisierung sämtlicher Aspekte der modernen Gesellschaft an. Unter der Flagge des Fortschritts sollen die Menschen durch ständige Information befreit werden. Doch das Gegenteil ist der Fall: Abstumpfung und Oberflächlichkeit. Man muss sich dazu lediglich die heutige Vorstellung von Erotik vor Augen führen.

Die Musikerin entzog sich der ständigen Reizüberflutung durch das Tourleben. Da verpasst man vieles. Aber auch die Erziehung spiele eine wichtige Rolle, meint Tadic. Ihre Familie kommt aus einer ländlichen Gegend.

Das Gefühl und die Geschichte

Um diesen Angelpunkt des Anti-Banalen baut Irij ihre Songs auf. Ihre Lieder entstehen auf zwei unterschiedlichen Wegen, die sich in der Gefühlswelt kreuzen. Biegt Tadic links ab, so lässt die eigene Inspiration die Musik entstehen. Ein Pfad, gesäumt mit Emotionen, Eindrücken und dem Willen, das alles auszudrücken.
Doch nimmt sie den Weg zu ihrer Rechten, bedient sie sich einer Textsammlung aus vergangenen Jahrhunderten. Geschichten aus einer Bergregion in Südkroatien. Hier sind es die Erzählungen, die Meri Tadic in eine bestimmte Gefühlslage versetzen und inspirieren.

Geschichten ohne Zeigefinger

Wie identifizieren sich die Menschen mit einer Musik, deren Sprache sie meist nicht verstehen? Die Brücke wird einfach über die Melodie geschlagen, die Arrangements zeichnen ganze Landschaften vor dem inneren Auge. Wie sonst wäre eine isländische Band wie Sigur Ros so erfolgreich?
Und wie bereitet man alte Überlieferungen so auf, dass sie die Menschen berühren und belehren? Die Geschichten kennen die warnende Zeigefinger-Moral der deutschen Märchen nicht. Die Botschaft versteckt sich zwischen den Zeilen wie etwa im Titelsong Same Zgode…koje se ne mogu dogoditi!.

Bild: Manuel Vargas Lepiz

Irij erzählt darin von drei toten, weintrinkenden Helden, die von einem kopflosen Mädchen bedient werden. Dem Mordskerl der mit seinem Pferd über das Meer reitet, dem Adler ohne Flügel, welcher mit seiner Strohflinte den liegenden Hasen nicht trifft, um dann einiges später in der Moral zu enden, dass die Gans ihr Wasser aus dem Sieb nicht trinkt.

Eine folkloristische, kroatische Geschichte voll der makabren Zwischentöne, Mystik und allem voran eine Ode an die Fantasie und Leidenschaft, die sich in jedem Bereich unseres Lebens, merklich oder unmerklich gegen Banalitäten sträubt. Die Klänge sollen inspirieren, ein Gefühl für das Zwischenmenschliche und Zwischenweltliche erzeugen.

In der Tasse vor Meri Tadic schwimmen nur noch kleine Reste der Teeblätter. Der Fotograf Manuel Vargas Lépiz hat seine Fotos geschossen. Das Lokal hat sich geleert und es ist ruhig geworden. In Gedanken trauern wir noch um die Tochter, die im Song II durch die Hand ihres gerade angetrauten, alkoholkranken Mannes kläglich verendete. Wir sollten wohl unsere Entscheidungen immer nochmals überdenken und unsere Umwelt hinterfragen. Ein Ausbruch aus dem alltäglichen, oberflächlichen Trott.