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Die Angst des weissen Manns

Der weisse Mann ist ein Kind, das zum ersten Mal auf dem Sprungbrett steht. Innerlich bebend vor Angst, doch nach aussen spielt es Mut vor. Der Unterschied zwischen Kind und Mann ist, dass das Kind irgendwann springt – aus Neugier oder schlichter Naivität. Der weisse Mann bleibt stehen, während die Zweifel sein Herz vergiften.

Die westliche Welt lebt im Zeitalter der Angst: Angst vor Verlust, Terror und einer immer komplexer und schneller werdenden Welt. Diese Beobachtung entbehrt nicht einer gewissen Ironie, denn nie lebten wir mehr in Wohlstand und Sicherheit. Trotzdem bleiben wir auf dem Sprungturm stehen, den wir selbst als Krone der Zivilisation sehen.

Die Angst ist ein Strom, der uns mitreisst. Wir glauben, zu ertrinken. Die «Flüchtlingswelle» ersäuft uns. Die Frauen, die uns von der rettenden Insel des Patriarchats stossen. Die «Eliten» drücken uns unter Wasser wie früher die älteren Schüler. Und manchmal steckt sogar ein Tropfen Wahrheit in diesen Empfindungen, manchmal sind sie einfach nur Unfug. Unfug, der uns von Menschen indoktriniert wird, die nur den eigenen Vorteil im Sinn haben.

Dabei ist es unverständlich, wie es soweit kommen konnte. Wir haben uns über Jahre hinweg unzählige Rettungsringe angeschafft – von der Demokratie bis zu den Menschenrechten. Doch im Strudel reissender Furcht haben wir alles vergessen. Die Angst ist ein schlechter Ratgeber. So greifen wir nicht nach den sorgfältig vorbereiteten Notfallplänen, die am Ufer bereitstünden. Nein, wir greifen lieber die morschen Stämme. Und die sind gefährlich und ihr Moder ansteckend. Sie verfaulen seit Jahrzehnten im Wasser und produzieren ein Gift: Feindseligkeit.

Nun klammern wir uns an diese Hölzer, ohne zu merken, dass wir mit ihnen kein Haus bauen können. Wir sehen nur noch Feinde: Die Flüchtenden, die Eliten, die Frauen, die Homosexuellen, die Muslime. Es ist ein Höllenritt auf brauen Holzpferden, die eigentlich unzähmbar sind. Doch wir realisiern es nicht. Schauen nur auf das angsteinflössende Wasser.

Ja, wir sind alle so. Selbst wenn wir nur am Ufer stehen und abwesend dem Treiben auf dem Fluss zuschauen. Unsere Apathie macht uns zu Verbündeten der Angst. Wir verweigern die Hilfestellung, rühren die Rettungsringe nicht an. Wir, die Untätigen, die Faulen und Selbstzufriedenen, machen uns strafbar.

«Faulheit ist die Furcht vor bevorstehender Arbeit», sagte Cicero. So sitzen wir – ob wir wollen oder nicht – mit den anderen auf dem Strom. Unsere Überheblichkeit, die gespielte Zuversicht hilft uns nicht weiter. Nur Arbeit tut es. Und wir sollten uns nichts vormachen: Es wird keine leichte Aufgabe sein.

Wenn wir jetzt von einem trendigen, popkulturellen Feminismus lesen, dann könnte uns das zuversichtlich stimmen. Die Debatte schieben wir, die weissen Männer, schon viel zu lange von uns weg. Gleichzeitig muss uns klar sein, dass es nur ein kleines Teil im herausforderndsten Puzzle unseres Lebens ist: der Rückbesinnung auf den Humanismus. Denn der Humanismus ist die einzig umfassende Haltung, die uns überhaupt die moralische Legitimation gäbe. Scheindebatten, Abschottung und Phobien tun dies nicht.

Aber mit welchem Puzzleteil fängt man da an?

Im besten Fall mit dem Eingeständnis, dass wir ein Problem haben: nämlich die Angst. Doch dafür müssten wir springen; über den eigenen Schatten und vom Sprungbrett.