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Ist hier zufällig ein Arzt oder Apotheker, der mir vor dem Einschlafen die Packungsbeilage vorlesen möchte? 

Foto: Noemi Hermann

Foto: Noemi Hermann

Ich sitze im Wartezimmer meiner Ärztin, nachdem ich mich an der neuen Arztgehilfin mit «Türsteher-Blick» vorbeischlängeln konnte. Vor drei Tagen war ich wegen meiner diversen Leiden bereits hier. Nach der letzten Diagnose fühle ich mich wie ein rostiges Auto, das es wohl gerade noch so durch das Strassenverkehrsamt schafft. Ich konnte heute Morgen kaum frühstücken, seitdem ich weiss, dass ich seit dem Besuch vor einem Jahr beinahe proportional zu meinem Wachstum zugenommen habe. Aber jetzt mal ohne Scheiss, die spinnt doch und damit meine ich ihre Waage und mit einem gewissen Anteil auch meine Ärztin.

Sie klackert alle paar Minuten mit ihren Absatzschuhen am Wartezimmer vorbei, hätte sie doch lieber diese bekannten weissen Plastikschuhe an, dann würde nicht mit jedem ihrer Schritte mein Puls höher schlagen. 

Nicht mal mit den Living-, Reise- und Autosportmagazinen kann ich mich ablenken, denn die habe ich ja schon vor drei Tagen alle gelesen. Die Automagazine scheinen auch nicht gerade die Spezialität meiner Ärztin zu sein, somal das älteste von November 2012 und das neuste vom März diesen Jahres ist. Viel steht da ja auch nicht drin über ihren Volvo. Eigentlich noch erstaunlich, dass sie als «Goldküsten-Ärztin» nicht eines der Autos auf den Magazin-Covern fährt.

Boah, ich mach mir ja schon Gedanken über Autos, währenddem die schwangere Frau neben mir sich genüsslich über den Bauch streichelt. In meinem Bauch tut sich jetzt auch was, ich spüre vor Nervosität mein Frühstücksbrötchen.

Am Empfang knistert die blonde «Türsteher-Empfangsdame» mit irgendwelchen Blättern und tackert irgendwas zusammen. Ich will jetzt endlich wissen, welche Diagnose sie aus meinen Körperflüssigkeiten herausfiltern konnte. Ja genau, so ekelhaft wie dieser Satz war auch das Herankommen an gewisse zu untersuchende Körperausscheidungen. Durch euer Kopfkino müsst ihr jetzt durch, ich habe die letzte halbe Stunde im Wartezimmer auch nicht gerade genussvoll verbracht. Denn seit dem letzten «Schuheklackern» ist die Schwangere im Behandlungszimmer. Ich hoffe, es dauert nicht noch neun Monate bis sie hier wieder herauskommt. 

«Sie chönt cho.» Ähh was, ich? Mit dem Lächeln einer Nonne reicht mir die Ärztin ihre Hand und beäugt mich mit einem etwas zu starren Blick in ihren blauen Augen. Als ich im Behandlungszimmer platzgenommem habe, versichert sie mir mit einem mädchenhaften Kichern, dass sie nichts in meinem Bauch gefunden habe. Da bin ich ja mal froh, dass da nichts herumfleucht, wäre jedoch noch eine gute Entschuldigung für meine Gewichtszunahme gewesen. Ok, demfall keine Darmbakterien aber nun holt sie die Laborwerte aus meiner Akte und meinerseits beginnt ein: «Ah, ja, ok, ahh ok, ja, verstehe ich, ja, machen wir»-Dialog. Ja, und den Impfausweis hätte sie sich ja auch noch angeschaut… «Ja, ähh nei, ah so, ja demfall, ok, ja…» Ihrerseits beginnt sie eine Geschichte über Schwangere (und die Öffnung des Muttermunds), Krebspatienten, übermüdete Krankenschwestern und Tröpfchenansteckung im Zug. Es scheint so, als wolle sie mir so meine Mangelerscheinungen bildhaft näher bringen, doch ich möchte eigentlich lieber nicht wissen, dass ich mich wie eine bestrahlte, schwangere Krankenschwester fühlen sollte.

Hätte ich doch bloss nicht gesagt, dass ich es gerade nicht so stressig habe, denn nun darf ich meine Ärztin in nächster Zeit jede Woche sehen; für Impfungen, Eiseninfusionen und Kontrollgespräche. Ich gebe euch einen Tipp: Geht nie aus Langeweile zum Arzt. Und falls euch doch einmal sehr langweilig sein sollte, dann besucht lieber eine Onlinepartnerbörse. Da bringt euch «der Retter-/die Retterin» wenigstens Pralinen statt Tabletten und Spritzen.