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Wer hoch hinaufsteigt, kann tief fallen. Tarja Turunen wird sich jedoch hoffentlich noch zu retten wissen, bevor sie hart auf dem Boden aufkommt – denn mit dem Konzert im Komplex 457 letzten Donnerstag hat sie wahrlich keine Glanzleistung vollbracht.

Der Start in den Konzertabend im Komplex am 1. März erfolgte etwas früher als geplant. Schon um 19.45 Uhr kamen die Musiker von Hollow Haze auf die Bühne und versuchten ihr Bestes, um das Publikum in Stimmung zu bringen. Die Italiener, die eigentlich erst als zweite Band geplant waren, jedoch kurzfristig einsprangen, da Hannibal Probleme mit der Einreise hatte, passten gut als Vorband und hatten coolen Sound zu bieten. Leider gelang es dem Sänger mit der Iron Maiden-Stimme jedoch nicht, den Raum anzuheizen, so dass das Publikum eher verhalten mitmachte.

Nach einer kurzen Umbauphase folgte ihnen dann Hannibal auf die Bühne und gaben ein kurzes, eher ungewöhnliches Konzert zum besten, das vom Stil her nicht so ganz passen wollte. Obwohl es hier schon deutlich voller war als bei Hollow Haze, war allzu deutlich zu spüren, dass sie eigentlich die erste Vorband hätten sein sollen – dementsprechend schafften sie es auch nicht, das Publikum, dass nun schon sehnsüchtig auf die Finnin Tarja Turunen wartete, zu begeistern. Einzig beim Rammstein-Cover Du Hast – was meiner Meinung nach das bisher schlechteste Rammstein-Cover ist, das ich je gehört habe – wurde mitgesungen, geklatscht und mit dem Kopf genickt. Das lag jedoch eindeutig am Lied und nicht an der Band.

Dann, lange zweieinhalb Stunden nach dem Einlass, kam endlich die Musikerin auf die Band, die man schon verzweifelt erwartet hatte  – Tarja Turunen. Schon gleich beim ersten Lied Boy and the Ghost geriet das Publikum in Ekstase, klatschte und schrie. Leider hielt sich die Ekstase nicht über den ganzen Abend. Natürlich sang das Publikum mit bei praktisch allen Liedern, natürlich klatschten sie, wenn sie von Tarja dazu aufgefordert wurden, und jubelten bei den ersten Klängen von Klassikern wie I Walk Alone, Die Alive oder Until My Last Breath. Wer sie jedoch schon früher einmal live gesehen hat, zum Beispiel 2008 im Rohstofflager, weiss, dass sich die zwei Abende kaum vergleichen lassen. Die Finnin hat leider sehr viel Bühnenpräsenz verloren und scheinbar auch den Spass daran, die (alten) Lieder zu spielen. Singen kann sie natürlich immer noch gut, jeder Ton sitzt, keine Frage – aber die Leidenschaft fehlt.

Ihr beinahe zwanghafte Drang nach Applaus und Aufmerksamkeit war schlussendlich das, was für mich persönlich den Abend praktisch zu einem Reinfall hat werden lassen. Während einigen Liedern winkte Tarja ihren Fans wie die Queen höchstpersönlich zu, verteilte Handküsse, und sonnte sich im Applaus. Sie bedankte sich zwar stets dafür, sogar auf Deutsch – alles in allem stellt sich jedoch die Frage: Ist die Aufmerksamkeit ihr nun doch endgültig wichtiger geworden als die Musik selbst?

Einziges Highlight des Abends war die Ballade Into the Sun, die auf ihrem zukünftigen Album zu hören sein wird. Ein schönes, ruhiges Lied, und auch das Einzige, bei dem sie sich wirklich darauf konzentrierte zu singen, und nicht mehr auf das Drumherum. Mit diesem Lied gelang es ihr endlich, Gänsehaut-Atmosphäre zu schaffen. Daher ist der Ausblick auf das neue Album durchaus vielversprechend.

Hoffentlich findet Tarja (die sich übrigens nur zweimal umgezogen hat!) spätestens bei der Tournee zum neuen Album den Spass an der Musik und die Leidenschaft wieder, denn schliesslich geht man nicht an ein Konzert, um eine Diva zu sehen, die ein altbekanntes Programm abspult – sondern man erwartet eine Powerfrau, eine energiegeladene Musikerin, der man den Spass an ihrer Musik ansehen kann. Wenn sie diesen nicht wieder erlangt, dann wird der Aufprall auf dem Boden der Tatsachen für die Finnin auf jeden Fall schmerzhaft werden: Niemand mag leidenschaftslose Musiker.

Zum Schluss möchte ich noch ein grosses Kompliment an die Musiker aussprechen, die mit Tarja auf der Bühne standen. Sie haben bei weitem bessere Arbeit geleistet als die Sängerin und konnten den Abend in gewisser Weise doch noch Retten. Der Drummer, der übrigens in kurzen Sporthosen gekleidet war und damit für einige Lacher gesorgt hat, hat ein geniales Solo hingelegt, bei dem das Publikum mehr gejubelt und applaudiert hat als den ganzen restlichen Abend über. Auch die anderen Musiker hatten ihre Momente, und bleiben mit daher weit besser in Erinnerung als Tarja Turunen.