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Es kursieren viele Vorurteile über die Schwarze Szene. Wie erlebt also einer, der nichts mit Gothic am Hut hat, den Schwarzen Ball im Zürcher Club X-Tra? Brendan Bühler hört normalerweise Indie-Rock und Deutschrap, wogegen Janosch Tröhler nicht mehr sagen kann, wie viele Schwarze Bälle er besucht hat. Eine Gegenüberstellung.

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Bedeutungsschwangere Posen von VNV Nation-Sänger Ronan Harris. (Foto: Janosch Tröhler)

Brendan – Ich bin kein Teil der Gothic-Szene. Ich habe mich nie mit ihr auseinandergesetzt. Aber ich habe Interesse an dieser Subkultur. So wurde schnell der Plan entworfen: Ich gehe an den Schwarzen Ball, zusammen mit einem Kenner. Um das Ganze ein weniger spannender zu machen, habe ich nichts darüber gelesen und auch keine passende Musik gehört. Ein Sprung ins dunkle, kalte Wasser.

Janosch – Ich bin auch kein Teil der Gothic-Szene, aber ich mag ihre Musik und ihre Ästhetik. Es ist eine andere, eine gesittete Art von Party. Wobei das Wort Party selbstverständlich der Sache nicht gerecht wird. Es war ein Ball, ein Schwarzer Ball, und es war nicht mein erster. Ich habe einige dieser Bälle besucht, jeder war eine Freude. Und diesmal mit einem «fremden Fötzel» in die düstere Welt einzutauchen, hatte einen besonderen Reiz.

Meine Vorstellung vom Abend: eine Wiese voller schwarz angezogenen Menschen, die Kleidung ein wenig altertümlich angehaucht. Irgendwie, warum auch immer, habe ich Gothic in meinem Kopf mit LARP verbunden. Natürlich zog ich schwarze Kleidung an, ich wollte nicht auffallen. Um 20 Uhr war ich im X-Tra. Im Eingang verstärkten sich meine Vorurteile. Zwei Damen in Rock verteilten Flyer, ihre Haare schwarz, die Lippen schwarz, also eigentlich alles schwarz, ausser ihre Haut, die war blass weiss. Und ihre Kleider sahen tatsächlich altertümlich aus.

Ja, was das Aussehen angeht, stimmen die Vorurteile – es sind die Tatsachen. Natürlich hatte Brendan das «Pech», als erstes den viktorianischen angehauchten Stil anzutreffen. Im Verlaufe des Abends wunderte er sich über resolute Uniformen oder aufwändige Outfits.

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VNV Nation boten eine packende Show. (Foto: Janosch Tröhler)

Ich erklomm die Treppe und spazierte in den grossen Saal. Ich war überrascht: Der Saal war dekoriert. Die Idee mit den Kirchenfenstern und den Kerzen finde ich super. Schön, dass sich die Veranstalter so viel Mühe geben! Und noch was fiel mir auf: Optisch gab es viele Leute, die «normal» herumspazierten. Irgendwie war ich ein wenig enttäuscht, in meinen Träumen sah der Schwarze Ball anders aus.

Die Dekoration am Schwarzen Ball trägt viel zur schönen Stimmung des Abends bei. Der Depeche Mode-Floor war schlicht, auf dem Electro-Floor glühten die Neon-Farben. Die passende Atmosphäre für jeden Stil dunkler Musik. Für jemanden, der Grufti-Partys nicht kennt, mag die Deko überraschend sein. Doch sie zeigt, wie viel Herzblut in den Abenden steckt.

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Begeisterte Fans von VNV Nation. (Foto: Janosch Tröhler)

Um 21 Uhr begannen Neuroticfish zu spielen. Und ja, ich war dezent überfordert. Erwartet hatte ich was Mittelalterliches – passend zu den Fenstern und meinen falschen Vorstellungen – erwartet. Aber so einen Rave, mit dem habe ich gar nicht gerechnet. Also stand ich da, mit einem Bier in der Hand und einem verwirrten Lachen. Verwirrter wurde ich nur noch, Neuroticfish sagt: «Wir wollen eure Hände sehen. Wir sind Deutsch, bei uns gehen Hände super.» Ja, ein klassischer Nazi-Witz. Find ich nicht so lustig. Der Sound war hart und stampfend. Die Menge war das weniger. Vereinzelte Nachtschwärmer begeisterte für die Musik, die Allgemeinheit stand in guten Momenten kopfnickend da, in schlechten einfach nur da. Da wäre, in meinem Augen als Ausserstehender, mehr drin gelegen. Aber gegen Ende des Konzertes wurde die Stimmung lockerer.

Die Sache mit dem Abgehen zur Musik… Ich wusste schon vorher, dass das Brendan am meisten irritieren wird – ebenso wie alle anderen Aussenstehenden. Dieses stille, statische Geniessen der Musik habe ich nie verstanden. Gerade wenn man es mit elektronischer Musik wie der von Neuroticfish oder VNV Nation zu tun hat. Glücklicherweise kann das auch Ronan Harris, Sänger von VNV Nation, nicht verstehen, wie er uns im Interview verraten hat.

Danach folgten VNV Nation. Nochmals ein Sprung ins kalte Wasser, aber nach Neuroticfish war ich bereits angenetzt. Die Musik gefiel mir, je länger das Konzert dauerte. Das liegt vermutlich an der tollen Präsenz des Sängers. Das Publikum fühlte die Musik sichtlich auch. Die Stimmung war super, ich fühlte mich wohl, also gar nicht so wie ein Fremdkörper.

Mein drittes VNV-Konzert. Diese Energie! Sie forderten ohne Unterlass alles vom Publikum ab, ständig wummerten die Bässe durch die Lungenflügel. Ronan Harris – agil wie eh und je – brauste auf der Bühne hin und her. Dann warf sich Harris wieder voller Inbrunst in bedeutungsschwangere Posen, treibt die Menschen mit opulenter Gestik an. Ein frenetisches Happening, voller Elektrizität, die unsere Glieder durchzuckte. Kaum jemand vor der Bühne stand noch still da.

Nach dem Konzert ging die Party auf den drei Floors noch weiter. Allesamt cool, der Electro-Floor war irgendwie geil, aber auch zu viel. So verliess ich irgendwann am Morgen das X-Tra. Zeit nun für einige abschliessende Worte. Was fiel mir auf? Das Publikum war gut durchmischt. Junge und Alte. Aber auch stilistisch: Ein Typ mit Dreadlocks neben einer Frau im Korsett, ein lustiger, sympathischer Mix. Optisch wirkte der Anlass sehr offen, was mich komplett überaschte. Es gab nicht den einen Stil, sondern viele, viele verschiedene. Auch ging das Konzert von VNV Nation gut ab. Das war alles sehr positiv.
Auf der anderen Seite war ich ein wenig enttäuscht. Das Fest war ganz «normal». Meine ganzen Vorstellungen hatten sich nicht bewahrheitet. Das ganze wirkte moderat, aber ist das schlecht? Ich denke nicht. Der Abend war gut, ich hatte Spass und definitiv keine Berührungsängste mit dem Wort Gothic. Ich gehe gerne wiedermal an einen Schwarzen Ball.

Der Schwarze Ball hat erneut bewiesen, dass er eines der Gothic-Highlights in der Schweiz ist, mit Ausstahlung bis ins nahe Ausland. Von überall her strömten sie, schwelgten zu Wave-Klängen oder stampften zu brachialen Beats. Man darf sich also unbedingt auf den nächsten Ball freuen, wenn Peter Heppner, die unverkennbare Stimme von Wolfsheim, und Samsas Traum, die den ersten Auftritt auf Schweizer Boden seit Ewigkeiten absolvieren, auftreten werden. Alle Infos dazu hier.

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Ronan Harris treibt die Menschen mit opulenter Gestik an. (Foto: Janosch Tröhler)