Der Mittelsmann der Musik

Frank Lenggenhager war der erste selbständige Musik-Promoter der Schweiz. Seine Agentur «Lautstark» ist international bekannt, das Geschäft brummt. Doch es gibt Entwicklungen in der Branche, die ihm keine Ruhe lassen.

Die Wolken hängen tief über der Hauptstadt. Ein Tag, grau genug um in den Keller – ins Soussol, wie der Berner sagen würde – zu steigen, in das Reich von Frank Lenggenhager. Er trägt einen schlichten, schwarzen Pullover. Die Haare, etwas ergraut und durch die Geheimratsecken etwas ausgedünnt, sind säuberlich zu einem Spitz gegelt. In den Augen funkelt ein freches Feuer. Lenggenhager könnte genauso gut BMWs verkaufen. Doch Lenggenhager bietet keine Autos feil, er bewirbt Klänge.

Überall stapeln sich CDs, auch die Regale sind voll. An den Wänden hängen signierte Plakate. «Ich bin kein Freund von Hochglanz-Büros. Da fragt man sich doch als Kunde, wo das ganze Geld hinfliesst», sagt Lenggenhager.

2004 hat der heute 46-Jährige Lautstark, die erste Schweizer Promo-Agentur für Musik gegründet. Er hat seither mit rund 500 Künstlern zusammengearbeitet, darunter mit Motörhead, Elton John, den Young Gods oder dem Verlag von AC/DC. «Swiss Frank», wie Lenggenhager im Ausland genannt wird, muss schon lange nicht mehr auf Kundensuche.

Von Beatles und Bach zu Judas Priest

Sein Leben nahm zuerst einen anderen Lauf. Er schloss das Lehrerseminar ab, studierte dann Geschichte, Politik und Medienwissenschaften an der Universität Bern. Gegen Ende des Studiums tauchten die Fragen auf: Was jetzt? Wohin willst du? Er entschied sich gegen eine Laufbahn an der Universität und wagte den Schritt in die Selbständigkeit.

Die Musik war seit jeher eine treue Begleiterin. «Ich genoss eine gute musikalische Erziehung. Zuhause gab es nur zwei Künstler: Beatles und Bach.» Als er sieben Jahre alt war, lernte er durch ältere Kollegen und Verwandte die Rockmusik kennen. Sein erstes Album auf Vinyl war von Judas Priest in den späten 70ern. Die erste CD: The Wall von Pink Floyd.

Damals hätte er nie daran gedacht, etwas mit Musik machen zu wollen. Es waren die typischen Bubenträume: Pilot oder ähnliches. Das änderte sich in den 90ern. Während dem Studium arbeitete Lenggenhager als DJ im ISC Club in Bern. Er rutschte immer mehr in den Trägerverein des Clubs, war verantwortlich für das Marketing.

«Die ersten Jahre waren sehr hart. Insbesondere, weil ich alles auf eine Karte gesetzt habe.»

Dann kam Lautstark. Lenggenhager weiss noch genau, wie die Branche damals aussah: Es gab noch keine unabhängige Promo-Agentur. Das Wenige, das es an Marketing gab, kam von den Labels und waren Relikte aus der guten alten Zeit: Man machte Point-of-Sale-Marketing, kaufte beispielsweise die Abhörstationen im Citydisc. Oder arbeitete mit Plakaten. «Das kann man sich heute nicht mehr vorstellen.»

Zu Beginn kämpfte er mit typischen Problemen eines Selbständigen. Von kleinen administrativen Aufgaben bis zum Aufbau eines Kundenstamms. «Die ersten Jahre waren sehr hart. Insbesondere, weil ich alles auf eine Karte gesetzt habe.» Lautstark, das war er alleine aus seinem Wohnzimmer. Profitieren konnte er von den Kontakten, die er beim ISC knüpfte.

«Wir werden nie mehr dorthin zurückkehren»

Die Grosswetterlage im Geschäft sei für seine tägliche Arbeit kaum von Bedeutung, sagt Lenggenhager. Für die langfristige Planung müsse er die Entwicklungen jedoch im Auge behalten. Er lehnt sich im kleinen Sitzungszimmer zurück und wird nachdenklich.

In der Anfangszeit von Lautstark erlebte Lenggenhager den Aufstieg und Fall der CD. Es war das Ding, das der Branche die Umsätze beschert hat. Ein Rekord nach dem anderen wurde gebrochen. Dann begann der Wind zu drehen und viele haben es nicht kommen sehen. «Ich erinnere mich noch, das mein Professor für Medienwissenschaften um 1995 sagte, das Internet sei ein kurzfristiger Trend. Der war damals Kopf des SRG-Forschungsteams, das muesch dr mal gäh…»

Lautstark kam zur richtigen Zeit mit dem richtigen Produkt. «Du musst nur wenige Dinge machen, aber die verdammt gut.» Es ist das Motto von Lenggenhager. Deshalb wurde aus der Agentur nie ein 360-Grad-Betrieb, der auch Vertrieb oder Booking anbietet. «Ich würde es anbieten, wenn ich für diese Posten jemanden hätte, der es wirklich gut macht.»

Fähige Leute zu finden sei schwierig. Das Musikbusiness ist ein hartes Pflaster: «Die Arbeitszeiten sind miserabel. Es gibt fast keine Karrieremöglichkeiten, die Hierarchien sind flach und die Stellen werden selten frei.»

In der Branche spricht man zwar von einem finanziellen Turn-Around. Aber effektiv wird dieser auf einem sehr tiefen Niveau stattfinden. Die heutigen Umsätze im Tonträgermarkt entsprechen einem Viertel jener, die man in den goldenen Zeiten eingefahren hat. «Wir werden nie mehr dorthin zurückkehren.»

Allerdings sei der digitale Wandel verantwortlich, dass die Arbeit immer noch interessant sei: «Es gibt keine festgeschriebenen Regeln, alles ist im Fluss. Man hat von Downloads gesprochen und alle flogen darauf. Heute ist der Download tot. Jetzt ist Streaming angesagt.»

«Für die nächsten Jahre werden wir sicher mit Streaming leben. Die Frage ist: Zu welchem Preis?»

 

Lenggenhager ist skeptisch gegenüber dem digitalen Wundermittel: «Alle Streaming-Firmen machen Verluste. Sie verbrennen das Geld ihrer Investoren. Und die werden nicht ewig zusehen. Apple kann sich eine Querfinanzierung leisten, aber auch sie werden sich diesen Spass nicht ewig erhalten.»

Wie lange geht es noch so weiter? Da sieht Lenggenhager auf längere Zeit ein grosses Problem. In der westlichen Hemisphäre könne man problemlos 15 Dollar im Monat für ein Streaming-Abo verlangen. Doch der Markt sei bereits ausgeschöpft: Wer ein Abo wolle, habe jetzt eines. Die Unternehmen müssen jetzt in andere Länder vordringen: Indonesien, Indien, Brasilien. «Doch die zahlen nicht 10 Dollar – nie im Leben. Da muss man mit dem Preis runter. Dann wiederum fragt sich der Schweizer zu Recht: ‹Gopfridstutz, der Inder zahlt 2.99 Dollar und ich 9.99 Dollar… Da stimmt doch was nicht.›» Sehr schnell werde dann jemand eine technische Lösung programmieren, wie man in Indien ein Konto eröffnen kann.

«Für die nächsten Jahre werden wir sicher mit Streaming leben. Die Frage ist: Zu welchem Preis?»

«Die Leute erwarten eine Show. Musik ist Entertainment.» Bild: Nicola Tröhler

«Ich komme jeden Morgen mit Freude ins Büro»

Im Kontakt mit den Künstlern kommen diese grossen Fragen kaum zur Sprache. Lenggenhager arbeite viel mit Newcomer zusammen. «Sie machen gerne Musik, haben aber von der Branche und dem Business keine Ahnung.»

Er macht den jungen Bands die Zusammenhänge klar. Etwa, dass sie keine Booking-Agentur brauchen. Denn die bekommt 15 Prozent der Bruttogage. Bei einer Gage von 200 Franken könne sich die Band selber ausrechnen, wie viel Zeit der Booker überhaupt investieren kann.

Die Faszination für den Beruf – oder die Berufung – ist ungebrochen: «Ich komme jeden Morgen mit Freude ins Büro.» Jeder Kunde bringt eine neue Herausforderung mit sich: Einige haben ein Album und wissen nicht recht, wie es nun weitergeht. Andere wollen, dass Radios und Booker auf sie aufmerksam werden. Lautstark vertritt auch Festivals und Labels aus dem Ausland, die Schweizer Publikum ansprechen möchten.

«Musik ist Entertainment» 

Das Unternehmen läuft. Einen Nachfrageschwund gibt es kaum, auch nicht durch die sozialen Netzwerke. Die Bands fühlten sich eher überfordert von der Menge an Möglichkeiten.

«Die Musiker sind gerne etwas neidisch.» Bild: Nicola Tröhler

Anders sieht es in der Medienlandschaft aus. «In der Schweiz gibt es keine Medien mit einer so starken Meinungsmacher-Funktion mehr, dass es direkt auf die Verkäufe durchschlägt.» Zuletzt war es der Fernsehsender VIVA Schweiz, der eine solche Macht hatte. Heute braucht es die gebündelte Masse der kommerziellen Radios, um einen Verkaufseffekt zu erzielen.

Indie-Bands haben heute nur eine Chance, wenn sie mit einer Kombination verschiedener Beiträge öffentlich wahrnehmbar werden – kommunikative Tupfer sozusagen. «Es ist wie mit Legos: Viele kleine Steine über eine gewisse Zeit schaffen eine Konstruktion, eine Relevanz.»

Den grössten Effekt haben immer noch überzeugende Live-Auftritte. Es reiche nicht, gut zu sein. Lenggenhager kritisiert: «Schau’ dir ein durchschnittliches Konzert einer Schweizer Band an. Ja, sie können spielen. Nur: Dann stehen sie auf der Bühne und du merkst, dass sie sich noch nie nur einen Gedanken gemacht haben, wie das wirkt. Die Leute erwarten eine Show. Musik ist Entertainment.»

«Schweizer Musiker sind gerne neidisch»

Mit Kritik hält der Promoter auch hinsichtlich der Schweizer Musiklandschaft nicht zurück. «Nach wie vor habe ich das Gefühl, dass es den Musikern zu gut geht. Sie können sich über ihre Jobs finanzieren. Deshalb wird wenig auf Qualität geachtet. Wenn das Geld knapp wäre, ginge man erst ins Studio, wenn man den Knaller-Song hat.»

Das vorhandene Geld führt auch generell zu einem vorsichtigen Lifestyle:

«Sex, Drugs and Rock’n’Roll – das liegt uns Schweizern ja sowieso nicht. Man muss ja am anderen Tag wieder aufstehen und arbeiten. Der Engländer macht eben erst mal Musik und geht noch irgendwas arbeiten, dass er das WG-Zimmer zahlen und essen kann. Uns fehlt die Risikobereitschaft. Welche Band verzichtet schon freiwillig auf ein Einkommen zwischen 5000 und 10000 Franken im Monat? Wer sagt: Ok, es geht auch mit 2500? Es gibt sehr wenige. Spätestens wenn die Beziehung ernster wird, Familie und Kinder, dann ist es gelaufen. Dann kannst du es vergessen. Dann schlägt der Schweizer durch: Versicherungen, Einfamilienhaus und Volvo Kombi.»

Dass aber auch er durch das viele Geld in der Branche gut verdient, ist Lenggenhager bewusst. Er glaubt dennoch, dass er auch überleben könnte, wenn es mehr «gute Musik» gäbe. Zudem betreut Lautstark zahlreiche Künstler aus dem Ausland. Das Geschäft stützt sich nicht alleine auf dem Schweizer Markt ab.

«Den Geld-Aspekt finde ich nicht so schlimm. Was in der Schweiz auffällt: Die Musiker sind gerne etwas neidisch.» Die Bands arbeiten nicht zusammen wie etwa in Skandinavien. Vielmehr beschweren sich die Bands, wenn jemand Fördergeld bekommt oder bei «SRF 3 punkt CH» auftreten darf. Lenggenhager: «Giele, ihr müsst euch nicht darum kümmern. Ihr müsst nur eins tun: Spielt viele verdammt gute Konzerte und kümmert euch um eure Fans.»

«Lemmy – ein Hammer-Typ»

Bei allen Nörgeleien: «Die Schweizer Szene hat sich in den letzten 20 Jahren in eine gute Richtung entwickelt. Es gibt immer mehr Künstler mit einer eigenen Vision, die locker auf internationalem Niveau mithalten können.»

Auch deshalb kann sich Lenggenhager kaum vorstellen, das Business hinter sich zu lassen. Das Schöne an der Musikbranche sei, dass es so viele Charakterköpfe und Paradiesvögel gebe. Die Höhepunkte sind für ihn die Begegnungen mit Künstlern. «Zum Beispiel Lemmy von Motörhead – das war ein Hammer-Typ.»

Nun steht Lenggenhager vor der Leinwand, ein Blitz durchzuckt den Raum. Fotoshooting. Zu Beginn scheint ihm die Situation unangenehm, er steht nicht gerne im Rampenlicht. Lenggenhager wirkt hinter den Kulissen. Der Mittelsmann der Musik.

Zum Abschluss verrät er noch, welche Schweizer Bands er für 2017 empfiehlt: «Das, was alle sagen: Zeal & Ardor. Im extremeren Metalbereich sind es Schammasch.» Und aus dem Ausland? «Ach… Da gibt es jetzt wirklich viel. Loyle Carner. Oder Big Thief mit der tollen Adrianne Lenker. Masterpiece ist ein geniales Album. Die Musik ist gut, nicht überragend, aber ihre Stimme ist die beste, die ich letztes Jahr gehört habe.»

Bild: Nicola Tröhler