Ein Passwort wird per E-Mail an Sie geschickt

Fleischsalat am Zürichsee, Grill bei der Roten Fabrik steht. Es ist heiss, die Sonne brutzelt und strahlt das Publikum freudig an, die Menschen strahlen freudig einander an. Letzten Dienstag waren Timber Timbre zu Besuch in der Schweiz.

timbretimbre

Kurz nach acht Uhr, die Seebühne steht, aber niemand davor. Die Walliser Vorband Yellow Teeth betritt salopp die Erhebung, nimmt Instrument und Dazugehörendes in die Hände und spielt. Dass da noch ziemlich keiner auf dem Platz steht, scheint sie nicht gross zu kümmern. Doch die Menschen kommen schnell dahergelaufen, als sie die Musik hören. Gesprächig sind sie – gute Unterhaltungsmusik, im wörtlichen Sinne…

Zu viele Emotionen, meine Gitarre hat eine Saite verloren.Tiziano Zandonella, Sänger von Yellow Teeth

Doch Yellow Teeth überzeugt, Mann und Frau im Duett ist zwar keinesfalls speziell (man denke an Angus & Julia Stone u.a.), die folkigen, teils bluesigen Stücke sind für ihre Stimmen aber geeignet. Schwelgende, bleibende Melodien, charmantes Akzent-Deutsch und eine spürbare Verlegenheit machen sie zu einem gelungenen musikalischen Vorspann.

«It’s pretty heiss here!»

Die Nebelmaschine wurde zwischen den Konzerten schon tüchtig auf ihre Funktion getestet, die Rote Fabrik auf ihre Kochkünste, und der See auf seinen Erfrischungsgrad. Beim Eindunkeln haben die meisten Teller und Gabeln weggelegt, Nebelmaschine läuft, das rote Licht geht an. Da Timber Timbre-Sänger Taylor Kirk keine Fotografen mag (aber auch keine mobilen Geräte), gibt es vom Abend keine Fotos. Dafür eine Serviettenzeichnung, ist doch auch was.

Kirk wirkt zufrieden, teils gar gerührt vom ganzen Applaus. Kurz nach Beginn meint Taylor Kirk: «It’s pretty heiss here!» – ein lauer Abend, ja. Perfekt für ein bisschen Blues. Das ganze Konzert hindurch gab es praktisch kein Umhergelaufe, das Publikum stellte ebenfalls (ja, sollte selbstverständlich sein, ist es aber leider nicht) die Gespräche ein, man sah wenig Handys – die ganze Aufmerksamkeit galt der Musik. Kirk war konstant in Nebel getaucht, die Maschine stand direkt vor ihm. Die Lichter drehten durch den Dunst wie Propeller, manchmal auch wie Dschungel-Gebüsch-durchhackende Schwerter.

Freche Akkorde, jaulender Werwolf

Die Herren aus Kanada treten gepflegt mit langen Hosen und Hemden auf, Gitarrist Trottier mit einem weissen, Kirk mit einem schwarzen. Gegenspieler, die mit Gitarrenriffs duellieren. Die letzten drei Alben werden beinahe vollständig gespielt, einige Stücke schneller und frecher als auf Platte. Mehrere Male jault der Sänger ins Mikrofon, wie ein sehnender Werwolf. Es wird experimentiert, in die Länge gezogen, verzerrt und abgeändert. Manchmal verzieht Taylor Kirk das Gesicht, als möchte er schreien. Sein Körper scheint nonverbales Tourette zu haben – die Gestik wirkt manchmal ungeduldig, die Bewegungen sind aber auf eine seltsame Art auch sehr stimmig. Die Art und Weise, wie gespielt wird, ruft viele Emotionen im Publikum hervor: Freude, Gruseln, Hühnerhaut.

Er meint es ernst

Nach einer guten Stunde verlässt das Quartett die Bühne, um sie für fünf weitere Stücke wieder zu betreten – ein Konzert, dem es an keinem Klassiker fehlte. Doch Kirk meint es ernst mit den Smartphones:

Oh please, just put these phones away. Pretend it to be the older days!Taylor Kirk, Sänger von Timber Timbre

Weiter gespielt wird erst, als auch das letzte Handy-Licht erloschen ist. Doch seine Art wirkt nicht aggressiv, eher unsicher. Danach wieder Abgang und tosender Applaus, bis Taylor Kirk noch einmal allein zurückkehrt. Mit dem Gute-Nacht-Lied Demon Host endet das Konzert, die Masse verlässt zufrieden das Ziegelbautenareal und macht sich auf den Nachhauseweg.