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Es fing an mit geheimnisvollen Telefonanrufen. Ich nahm ab und am anderen Ende war die Leitung tot. Es war nicht die eine Stalkerin von früher, die hat nämlich manchmal noch ins Telefon gehaucht, ehe sie aufgelegt hat und mich verdutzt blickend am Hörer zurückgelassen. Dann kam das Klopfen an meiner Wohnungstür, immer wieder, zu späten Nachtstunden.

Dem Schlaf der Gerechten entrissen, wandelte ich durch die dunkle Wohnung, stiess manchmal mit dem kleinen Zeh sogar gegen einen Stuhl oder ein anderes Möbelstück, öffnete die Tür trotzdem, nur um in die schwarze Leere der Nacht zu starren. Niemand da. Und dann, als ich manchmal abends auf dem Weg nach Hause war, kam es mir vor, als ob mich jemand verfolge, als ob ich neben den Meinen fremde Schritte hörte und aus den Büschen am Strassenrand kleine, fiese Augen auf mich gerichtet seien. Da ahnte ich: Ich hätte The Interview nicht schauen sollen.

Genau, ich rede von diesem Film mit Seth Rogen und James Franco in den Hauptrollen, wo die beiden als furchtlose Reporter ins finstere Herz der letzten wahren totalitären Diktatur der Welt reisen, um den glorreichen Führer des gepeinigten Landes zu interviewen. Und nicht nur das, denn als die CIA erfährt, dass die beiden Auge in Auge mit Kim Jong Un werden reden können, überredet man sie kurzerhand, eine Intervention ganz nach amerikanischer Art im kommunistischen Schurkenstaat auszuführen – den pummeligen Herrscher des Landes umzulegen.

Die Nordkoreaner in der Realität, beängstigend treu ihrer eigenen Karikatur im Hollywoodstreifen folgend, drohten der westlichen Welt, dass es schwerwiegende Konsequenzen geben werde, wenn man den Film veröffentlicht und in die Kinos bringt. Von Bombenanschlägen war die Rede, von Hackerattacken, vielleicht wäre sogar eine Langstreckenrakete mit am Start gewesen. Und tatsächlich, lange blieb Sony, die Produktionsfirma des Films, den Nordkoreanern hörig und weigerte sich, ebenso wie Kinos weltweit, den Film in Umlauf zu bringen. Ich hatte, um ehrlich zu sein, nicht mehr damit gerechnet The Interview je sehen zu können, obwohl ich mich lange darauf gefreut hatte. Hatten wir uns tatsächlich den Drohungen eines totalitären Regimes unterworfen, uns selbst zensiert, weil ein rachsüchtiger Verrückter, der noch dazu in unserer hübschen Alpenrepublik zur Schule gegangen war, das so wollte?

Nicht ganz, denn es gab ja noch mich.

Auf dunklen Schleichpfaden und mit Hilfe ominöser Kontakte, jene von der Art, die selbst in mondlosen Nächten mit Sonnenbrille und Ledermänteln in unbeleuchteten Tiefgaragen rumlaufen würden, war ich Mitte Dezember an eine Kopie des Films gelangt. Zu dem Zeitpunkt also, als die Kontroversen um die Ausstrahlung des Films ihren Höhepunkt erreicht hatten und sich selbst der Präsident unser aller Herzen, Barack Obama, persönlich in das ganze Geschehen eingeschaltet hatte und für die Ausstrahlung plädierte. Kurzum, als unsere schöne Welt sich am greifbaren Vorabend eines nuklearen Krieges zu befinden schien, sass ich nach der Arbeit vor dem Computer und schaute das Meisterwerk. Keine geringere Bezeichnung hat dieser Film verdient.

Mal ganz abgesehen von der Komik, die meist primitiv ist und genau deshalb den Geschmack von Millionen trifft, bietet der Film einige Juwelen. Darunter, und das ist mittlerweile kein Geheimnis mehr, eine der schönsten, epischsten und noch dazu mit Musik von Katy Perry untermalten Todesszenen. Gleichzeitig aber ist der Film, dessen beiden Protagonisten in ihren Rollen vollkommen aufgehen, eine Parodie auf die kopflose Aussenpolitik der USA, auf Hollywood, auf die nordkoreanische Diktatur mit all ihren seltsamen Begleiterscheinungen, etwa dem Personenkult um Kim Jong-un, den so nicht mal der Insasse einer Gummizelle hätte erfinden können, wenn man dem armen Kerl nur einen Stift und ein Blatt Papier gegeben hätte.
Was dem Film auch gelingt: Es gibt diesen einen Augenblick, in dem man realisiert: Ich habe Mitleid mit diesem Diktator, der sein Volk hungern und in Arbeitslager stecken lässt – was ist in meiner moralischen Erziehung nur falsch gelaufen? Genau das wird man nämlich tun, Mitleid haben, ich garantiere das und ich garantiere es mit einem gen Himmel emporgestreckten Zeigefinger, um meine absolute Überzeugung zu untermauern. Dieses Mitleid wird dann, in einer Schlüsselszene des Films, wie ein Kartenhaus zusammenbrechen und man wird sich selbst ohrfeigen wollen. Nicht viele Filme haben mich derart durchgerüttelt wie diese – der Begriff nicht selten negativ konnotiert – Slapstick-Komödie.

Ich weiss nicht, ob und wann die Redaktion diesen Text kriegen wird. Ich musste ihn auf ebenso ominösen Pfaden in die Schweiz schmuggeln, auf denen ich mir den Film damals, Mitte Dezember, besorgt hatte. Die Telefonanrufe, das Geklopfe zu später Stunde, die Verfolger – es war, wie ich befürchtet hatte, der lange Arm des nordkoreanischen Geheimdienstes, der mich in der Schweiz aufgespürt hatte. Jetzt bin ich selbst, wie die beiden Protagonisten im Film, irgendwo im finsteren Herz des nordkoreanischen Reiches. Hatte die Warnungen nicht ernst genommen, und nun stehe ich da, in einem dieser berüchtigten Besserungslager. Draussen fällt Schnee auf die Zedern, in der Ferne erheben sich sanft die lieblichen Hügel des koreanischen Innenlandes, ab und zu fliegt ein Kranich über die schlecht zusammengezimmerten Holzbaracken, während ich die spärlichen Nachrichten und Neuigkeiten, die bis hierher durchdringen, gegen altes, trockenes Brot tauschen muss.

Ich weiss, dass The Interview nun weltweit in den Kinos gezeigt wird. Auch in der Schweiz. Geht ihn schauen, ihr alle da draussen. Geht ihn schauen für Freiheit und Demokratie.