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Akina McKenzie geht neue Wege: Sei es beim Zupfen der Gitarre oder bei der Finanzierung ihres Albums. Negative White sprach mit der Newcomerin über Blues, Crowdfunding und Plastiknägel statt Plektrum.

«Neues Jahr, neues Glück» – ein Slogan, den wir Akina McKenzie wünschen. Die 27-Jährige gab ihre erstes Solo-Album heraus – und zwar gratis.

Der Weg zum ersten Album

Die Scheibe Miracle Man kann online gehört werden, alle Songs sind auf Soundcloud. Gleichzeitig startet McKenzie ein Crowdfunding-Projekt. Auf der Seite sind die Produktionskosten detailliert aufgeschlüsselt. McKenzie hofft, so die Ausgaben wieder einzunehmen. Dieses Vorgehen ist unkonventionell. Die meisten Musiker versuchen, die Produktionskosten über die CD-Verkäufe oder Konzerteinnahmen wieder herein zu holen.

Akina McKenzie im Interview. Bild: Evelyne Oberholzer

Birgt deine Strategie nicht ein sehr hohes Risiko, sich zu verschulden?

Ich denke, die Sache mit dem Crowdfunding war gleichzeitig mutig, unprofessionell und unklug. Die Linie verschwimmt. Ich habe mich dieser Crowdfunding-Idee lange verweigert. Manche Musiker investieren bereits in das «Bettel-Video» sehr viel Geld, und diese Mittel hatte ich schlicht und einfach nicht. Darum ist auch die Qualität dieses Videos eher dürftig. Ich will ehrlich sein und ehrlich bleiben.

Zeichnet sich trotz deiner Bedenken ein Erfolg ab?

Das ist jetzt noch schwierig zu beurteilen, aber der erste Aufruf hat bereits über tausend Dollar rein gebracht. Werbung ist für mich ohnehin ein schwieriges Thema. Ich will niemanden zutexten, aber irgendwie müssen die Leute ja von meiner CD erfahren.

Meine ersten Erfahrungen auf dem Gebiet waren nicht nur positiv. Nimm‘ Myspace als Beispiel: Wenn du jeden Tag deinen neuesten Song an 100 Leute schickst, fangen bald die ersten Leute an, dich zu löschen, weil sie sich zugespamt fühlen. Wenn du zu sehr von dir überzeugt bist, wirkst du arrogant.

Miracle Man

Seit zehn Jahren trägt Akina McKenzie Musik in die Öffentlichkeit. Schon vor der Teenagerzeit spielte die Musik eine grosse Rolle in ihrem Leben. McKenzie kommt aus einer sehr musikalischen Familie. Sie hat «ein Heer von Cousins», das Klavier oder Schlagzeug spielt, und ihre Grossmutter ist mit ihren 76 Jahren immer noch als Strassenmusikerin tätig. Diese Frau, die zu den amerikanischen Ureinwohnern gehört, hat in McKenzies Leben und Musik einen grossen Stellenwert. Akina hat nicht nur die typisch indigene Augenform geerbt, sondern auch eine Vorliebe für Rock, Blues und Native Folk.

Warum hast du genau ein Blues-Album aufgenommen, und nicht etwa etwas Rockiges?

Weil es mir liegt. Blues ist eines meiner Lieblings-Genres, und ich kann sowohl mit meiner Stimme als auch auf der Gitarre Blues spielen. Ausserdem habe ich kein Geld und ohne Kohle kannst du dir keine Band leisten. Für mein erstes Album war mein Freund eine grosse Stütze. Wir waren vier Tage in dem Studio, zwei davon gingen allein für Auf- und Abbau drauf. Die Songs sind nicht bearbeitet – es ist also ein Live-Studio-Album. Das ist die Ehrlichkeit und Direktheit, die mir am Blues so gefällt.

Also war es mehr eine Vernunftentscheidung, ein Blues-Album zu machen?

Nein. Blues ist für mich viel, viel mehr als nur guter Sound.

Blues ist ein emotionales Ventil. Der Stil eignet sich hervorragend, um extreme Gefühle auszudrücken. Die Pentatonik passt fast überall, der Übergang zur Improvisation ist fliessend. Du kannst so viele verschiedene Stimmungen mit Spannungstöne herstellen. Und dann der Rhythmus: Er gibt mir das Gefühl, zurück zu den Wurzeln zu gehen. Als würde man die Vorfahren anrufen. Der Swing eines Shuffles ist ein Beat, der an den Herzschlag gemahnt. Blues fühlt sich einfach natürlich an.

Wie kam der Namen «Miracle Man» zustande?

Der Miracle Man ist etwas, das wir alle haben. Jeder von uns trägt eine Welt in sich, die grösser ist, als er selbst. Diese Welt kannst du nicht mit weiblich oder männlich fassen. Sie ist zu gross, um sie mit konventionellen Begriffen zu beschreiben. Aber du kannst sie mit Musik darstellen. Meine Welt ist mein Miracle Man.

Du lässt deinen Erstling auch auf Vinyl drucken. Ist das Nostalgie?

Auch, aber nicht nur. Ich will etwas Dauerhaftes in den Händen halten. In 60 Jahren kann ich meine Platte immer noch abspielen.

Plastiknagel statt Plektrum

Akina McKenzie hat keine konventionelle Musikausbildung. Zwar hat sie mit der hochmusikalischen Familie einiges in die Wiege gelegt bekommen, und nahm Gesanglektionen bei Christine Jacquard, doch erst jahrelanges Üben und Experimentieren haben sie zum dem Sound gebracht, den sie heute erschaffen kann. Sie hat gelernt, nicht nur Rockröhre zu sein, sondern Stimme und Gitarre dezidiert einzusetzen.

Die letzten drei bis vier Jahre hat sie auf der Gitarre vor allem Zupfen geübt, und dabei nebenbei gleich noch einen Kniff für perfekte Gitarristen-Nägel entwickelt. Kunstnägel, so ihr Geheimtipp, können wie ein Plektrum klingen, wenn sie richtig angebracht werden.

«Du beginnst einen Tag vor dem Gig. Zuerst must du eine Schicht Kunstlack auftragen, sonst reisst du dir den Nagel ab, wenn du den Plastik wieder entfernst. Und dann kannst du einen Monat lang nicht Gitarre spielen. Nach dem Kunstlack kommt dann der Plastiknagel. Ankleben, festdrücken, und einen Tag ruhen lassen.»

Diese spezielle Behandlung lässt sie nur dem Finger angedeihen, den sie für’s Zupfen braucht, also dem dem Zeigefinger der rechten Hand. Lange benutzte McKenzie die Standart-Plastiknägel von «finger’s», jetzt hat sie etwas Neues entdeckt. «A.Savares» bietet Nägel, die aus Seide und Harz bestehen. Die Schicht ist dünner, und der künstliche Nagel hält doppelt so lang wie früher – also etwa zwei Monate.

Mittlerweile arbeitet Akina an ihrem zweiten Album und produziert fleissig Demos. Sie findet sich als Bassistin und Drummerin nicht gut genug, darum wird sie das Demo nutzen, um Musiker zu suchen. „Ich habe keine traditionelle Musiker-Ausbildung, und muss mir daher immer noch ein Fundament aufbauen“, erklärt sie. Ihr mittelfristiger Plan ist, das zweite Album aufzunehmen und dann damit zu reisen. „Vielleicht habe ich dann schon eine Band, vielleicht suche ich mir in jedem Land die Musiker“, erklärt sie. Der Ausblick auf das nächste Album klingt jedenfalls interessant: Akina zieht es wieder in den rockigen Bereich, aber auch Jazz-Einflüsse werden ihren Platz haben. Vielleicht gibt’s sogar noch eine Prise Pop dazu.

Miracle Man kann gratis im Internet gehört werden.

So klingt Akina McKenzie

Für Fans des Blues und Jazz ist Miracle Man die richtige Musik für einen entspannten Abend zu Hause. Voller Melancholie und Sehnsucht verarbeitet die junge Singer/Songwriterin ihre Ups and Downs, mit sanften Klängen und voller stimmlicher Hingabe.

An Variationen hat sie bereits ein beachtliches Repertoire: In klingt sie wie eine alte Afroamerikanerin, die zuviel geraucht hat. Der Sound erinnert an Tom Waits. In This dream we weave ist die Stimme viel voller, aber es ist eine tiefe Trauer, die sie ausfüllt, während die Riffs zwischen den Gesangspartien wütender geschrammelt (und als Begleitung sorgsam gezupft) werden. In anderen Songs erreicht sie mädchenhafte Höhen und das grantige Knurren versoffener alter Männer. Dass McKenzie auch klassisch singen kann und die Töne auf die Frequenz genau trifft, fliesst nebenher lässig ein. Generell hat McKenzie eine super Stimme für Blues, Jazz und Rock: Farbig, rauchig, leicht kratzig, mal sehr fraulich, mal androgyn.