Der Fussball ist eine Allegorie auf das Leben: eine Tragödie. Eine existenzialistische Erfahrung im Stadion.

Stahlblauer Himmel. Gefühlte 20 Grad. Ein frühlingshafter Sonntagnachmittag aus dem Bilderbuch. Während manche sich ihren Schmetterlingen im Bauch im Stadtpark hingeben oder der Eulach entlang spazieren, sammeln sich die Fussballgläubigen am Fusse des Sulzerturms. Willkommen im Tempel zur Schützenwiese. Ein Gemisch aus Frittieröl, Cannabis und Zuversicht hängt in der Luft. Und The Clashs Revolution Rock dröhnt aus den Lautsprechern. 

Can’t you feel it? Don’t ignore it
Gonna be alright

Man gönnt sich ein Bier, trifft sich mit Freunden. Das Fussballspiel ist in Winterthur eben mehr als Sport. Es ist ein Bekenntnis; ein place to be für alle: Rocker mit schweren Maschinen, Punks mit stacheligen Irokesen und junge Familien.

Zu den apokalyptischen Klängen von AC/DCs Hells Bells laufen die Spieler auf das Feld. Die Szene ist an Dramatik und Pathos kaum zu überbieten. In der kümmerlichen Kurve von Xamax werden teuflisch rote Rauchpetarden gezündet.

I’m rolling thunder, pouring rain
I’m coming on like a hurricane

Der Kampf zwischen den Romands und den Winterthurer beginnt verhalten. Doch plötzlich ein Handspiel im eigenen Strafraum.

Penalty.
In der dritten Minute.

4800 Zuschauer saugen die Luft aus dem Stadion. Ein Vakuum. Die Spannung scheint einen zu ersticken.

Pfiffe.
Tor!

Die Herzen bluten, eine kalte Brise fegt über den Rasen. Die Sonne scheint auf einmal weniger warm.

Jetzt müssen die Gladiatoren aus Winterthur sich aufrappeln, den Staub abschütteln, alles aus sich rausholen. Die Schlacht steht bevor, angeheizt durch Kriegstrommeln und kämpferische Choräle. Aber die Soldaten aus Neuenburg liegen vorne, drängen unablässig, zwingen die Einheimischen in ihre Defensive.

Natürlich ist der Fussball trotz martialischem Habitus ein Krieg mit Regeln. Gelbe Karten werden gezückt. Die Blessuren sind dennoch real. Bahren, Kühlungsspray und Eispakete versorgen die Verwundeten.

Das Spiel ist eine Allegorie auf das Leben: eine Tragödie. Ein Schauspiel voller Leidenschaft, Kraft und kleiner Skandale. Die Männer schreien, strotzen und spucken, als ginge es ums blanke Überleben. Aus dem Spiel wird bitterer Ernst. Ein kollektives Fieber, das alle infiziert. Mit einer Synchronizität, die die Wiener Sängerknaben ins Nirwana der Arhythmie triebe, erschallt ein «Uff», als der Ball nur knapp am Winterthurer Tor vorbeischrammt.

«Er pfeift immer nur bei uns!»

Nein, hier geht es nicht um die Anmut der Physis, sondern um Sieg oder Niederlage. Leben oder Tod. Und darum, Teil dieses Moments zu sein. Seine eigene Bedeutungslosigkeit für neunzig Minuten zu vergessen und im Grossen bedeutsam zu werden. 

Es ist ein Gefühl, aus dem sich Kapital schlagen lässt. Trikot: 99 Franken. 30 Franken Aufschlag für Name und Nummer. Nichts mit «Revolution Rock», eher «Money» von Pink Floyd. 

Grab that cash with both hands and make a stash
New car, caviar, four star daydream,
Think I’ll buy me a football team

Bewaffnet mit Bratwurst, Burger und Bier strömt die Menge wieder auf die Tribüne. Kein guter Kampf mit leerem Magen. In der Pause hat man sich etwas erholt vom frühen Schock. Vielleicht hilft auch der beruhigende Alkohol.

Doch das Blut kocht schnell wieder. Bei jedem Pfiff des Schiedsrichters schallt es hundertfach zurück. Da werden die Hände verworfen und Flüche gen Himmel geschleudert.

Das Spiel wiegt hin und her. Die Schatten werden länger. Das Ende naht. Immer drängender wird ein erfolgreicher Schlag für Winterthur.

Eckball.
Ein Roter steigt auf.
Tor!
Das Stadion in Ekstase.

Ungültig.
Aufgestützt beim Gegner.
Becher fliegen.
Das Stadion in Tobsucht.

Jetzt stürmt Winterthur in Rage auf das Bollwerk aus Xamax an. Halb in Wut, halb in Verzweiflung. Sie schiessen – immer wieder – ohne zu treffen. Perfekte Vorlagen werden verschenkt. Der Sturm der Spieler entfacht die Glut von neuem. Das Publikum fängt euphorisch Feuer. Knapp zehn Minuten bleiben. Ein Unentschieden sollte möglich sein. Nein, es muss! Fünf Minuten werden nachgespielt. Der Sieg ist nun unmöglich. Und das Unentschieden? Es wird mit jeder Sekunde unwahrscheinlicher…

Abpfiff.
Der Kampf ist vorbei.
Winterthur besiegt.
0:1.

Die Roten ziehen an ihrer Kurve vorbei – sich händeschüttelnd bedankend. Vereinzelte Fans stehen noch in den Rängen. Enttäuscht. Zurückgeworfen auf ihre blosse Existenz. Es ist ein trauriger Anblick. Sie haben ihr Herz den Elementen offenbart und wurden direkt getroffen.

Aus der Anlage dröhnen Monty Python mit Always Look On The Bright Side Of Life. Die Sonne steht noch hoch genug für einen Spaziergang an der Eulach.