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Gross in den 80er-Jahren, zog sich der Post Punk in den vergangenen Jahrzehnten zurück in den Untergrund. Nun rollt eine neue Generation von Bands heran, die das Genre zurück ins Bewusstsein katapultiert.

Ende der 70er fackelte ein Flächenbrand die wohlgeformten Hymnen von Led Zeppelin bis Pink Floyd ab. Punk besann sich zurück auf die rohe Energie des Rocks. Laut, rotzig und schlecht produziert hinterliessen sie eine musikalische Spur der Verwüstung.

Der Punk verglühte schnell in seiner unbändigen Euphorie und hinterliess verbrannte Erde. Zusammen mit dem wirtschaftlichen Abschwung in den Industriezentren Englands war es der perfekte Nährboden für Tristesse. Der Post Punk erhob sich als Phönix aus der Asche. Als Zweigespann mit dem Wave zelebrierte eine ganze Generation von Bands die Melancholie. Sie wurden zu Legenden: Bauhaus, The Cure oder Joy Division.

Post Punk als Inspiration

Doch nur wenige Bands konnten sich in den kommenden Jahren behaupten. Bereits Mitte der 80er welkte das düstere Gewächs wieder. U2 entwickelten sich weiter, The Cure experimentierten mit Pop und Swing und aus Joy Division wurde nach Ian Curtis’ Selbstmord zu New Order.

Weniger subtil gingen die Editors und die White Lies vor: Hier war die Inspiration Programm.

Während in den 90ern erst der Grunge mit Nirvana und Pearl Jam und dann der Britpop mit Oasis und Blur die Massen bewegten, fristete der Post Punk ein Dasein im Untergrund. Die Bands spielten in den Clubs der Gothic-Szene, weitgehend unbeachtet von der Öffentlichkeit.

Post Punk schien tot. Doch dann kam die grosse Welle des Indie-Rocks. Von Franz Ferdinand bis zu den Arctic Monkeys berief man sich – zumindest vorsichtig – auf das Erbe der vergangenen Zeit. Weniger subtil gingen hingegen die Editors und die White Lies vor: Hier war die Inspiration nicht nur offenkundig, sie war Programm.

Szene-Bindungen als Hindernis

Die Editors wurden auf In Dream (2015) deutlich elektronischer. Die White Lies wandten sich über Big TV (2013) und Friends (2016) mehr den poppigen Melodien zu. Der Einfluss des Post Punk schien wieder zu schwinden.

Bands wie Lea Porcelain oder Tempers spielen zurückhaltend mit der düster-romantischen Ästhetik.

Dieser Schein trügt. Denn eine ganze Generation neuer Bands spielt die Stilrichtung; teilweise sogar lupenrein als kämen sie direkt aus der Zeitmaschine. Post Punk hat es zwar immer gegeben, doch er bewegte sich in der Regel dort, wo er gehört wurde: in der Gothic-Szene.

Die Schwierigkeit für die Bands ist, dass sie nur schwer aus dieser Nische herauskommen, wenn sie erst dort verortet sind. Kaum eine Band, die in der Szene entdeckt wurde, schafft den Sprung ins breite Bewusstsein. Zuletzt schafften das Hurts, die im deutschsprachigem Raum erstmals im «Orkus Magazin» stattfanden.

Im Gegensatz zu den Szenebands bleibt die neue Welle von Musikerinnen und Musiker erstaunlich ungebunden. Bands wie Lea Porcelain oder Tempers spielen zurückhaltend mit der düster-romantischen Ästhetik und sind deshalb zugänglicher. Die Musik hingegen bleibt so roh und zartbitter wie eh zu je.

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Fünf Bands des Post Punk-Revivals in der Übersicht:

Die grösste Szeneverbundenheit weisen Ascetic auf. Die Band wurde 2011 im australischen Melbourne gründet und siedelte später nach Berlin über. Die Ähnlichkeit zu den Grossmeistern von den Sisters of Mercy oder Joy Division ist offenkundig. Mit tiefer Stimme beschwört Sänger August Skipper vergangene Zeiten herauf.

Ascetic rekapituliert den Post Punk in seiner grösstmöglichen Sperrigkeit. Der Zugang zum 2015 veröffentlichten Album Everything Is Becoming bleibt deshalb zu Beginn schwer. Trotzdem fanden Ascetic auch ausserhalb der Szene Beachtung.

Aus New York stammen Tempers. Ihr Album Services (2015) sorgte von «Pitchfork» bis «Noisey» für Begeisterung. Das «V Magazine» schrieb über das Album:

«A band that makes music so resolutely otherworldly; songs like Strange Harvest and Hell Hotline are heavy on atmosphere – dissonant guitars and murky beats bouyed aloft by Golestaneh’s crystalline vocals.»

Das Duo pulsiert durch nächtliche Gassen. Im Gegensatz zu Ascetic klingen Tempers zeitgenössischer und weniger wie die Erinnerung. Gerade deshalb fühlt sich ihre Modernisierung des Post Punk frischer an.

Aus dem schottischen Glasgow machen sich Holy Esque auf, das Erbe der Editors und der White Lies anzutreten. Ihrem Debüt At Hope’s Ravine gelang letztes Jahr mehr als nur ein Achtungserfolg. Der Band wird eine grosse Zukunft vorausgesagt.

Holy Esque nehmen sich im Vergleich zu den anderen Bands die grösste Freiheit in ihrer Interpretation der Stilrichtung. Ihre Songs werden mit überwältigender Dichte arrangiert wie etwa Covenant (Ill). Sie vermögen auch richtig laut und schnell zu werden, wenn sie Rose oder Silences anstimmen. Dennoch sind die musikalischen Referenzen des Post Punks in jedem Song zu finden.

Das variantenreichste Werk präsentieren die Isländer von Fufanu. Sports heisst das Album, das seit dem 3. Februar 2017 erhältlich ist. Wie erwartet, übernehmen Fufanu den Post Punk und verleihen ihm eine isländische Note.

Der Schlüssel zum Album ist der gleichnamige Song Sports, der als Türöffner zu den verschiedenen Ausprägungen des Post Punks auf der Scheibe fungiert. Alles andere als typisch ist jedoch der visuelle Auftritt von Fufanu: Nichts deutet auf die Nachdenklichkeit der Musik hin.

Vielleicht der vielversprechendste Act ist das Duo Lea Porcelain. Die Frankfurter wurden für ihre beiden Singles Warsaw Street und Similar Familiar international mit Lob überschüttet. Zurecht, denn der Sound klingt wie das europäische Pendant von Tempers. Nur bleiben Lea Porcelain direkter und weniger fransig wie die Kollegen aus New York.

Die Band wird nicht trotz, sondern wegen ihres dichten und düsteren Sounds gefeiert. Das Debütalbum wird mit Spannung erwartet. Lea Porcelain haben grosses Potential, sich als Speerspitze der neuen Post Punk-Generation zu etablieren.


Musik als Spiegel der Gesellschaft

Die Existenz solcher Bands reicht jedoch nicht für ein richtiges Comeback. Ebenso spielt auch keine Rolle, ob sie nun der Szene zu- oder abgewandt sind. Entscheidend ist ein Fakt: Die grossen musikalischen Strömungen waren stets ein Spiegelbild der gesellschaftlichen und politischen Lage.

Die Unzufriedenheit mit der bürgerrechtlichen Situation äusserte sich in den USA in den 50er-Jahren im Folk mit seinen Protestsongs. Wenig später lehnten sich die Hippie-Bewegung friedlich und die Jugend zum Sound der Rolling Stones rebellierend gegen die konservative Gesellschaft auf.

Während der Punk laut und wütend war, setzten Post Punk und Dark Wave den Kontrapunkt.

Punk, so gut vermarktet er gewesen sein mochte, krachte gegen die Hochglanz-Produktionen des Rocks und schockierte nebenbei die englische Prüderie. Und der Hip-Hop war die leicht verzögerte Weiterführung des Kampfs für die Gleichstellung der Afroamerikaner in einer weiss dominierten Gesellschaft

Oft beobachtet man in der musikalischen Reflexion der Umstände zwei Ausprägungen: eine introvertierte und eine extrovertierte Reaktion. Während der Punk laut und wütend war, setzten Post Punk und Dark Wave den Kontrapunkt mit Nachdenklichkeit und Melancholie.

Diese Ausprägungen entwickelten sich nicht zeitgleich, sind sogar nur beschränkt auf einen gemeinsamen Verursacher zurückzuführen. Klar ist jedoch, dass Post Punk das Resultat einer musikalische Auseinandersetzung des damaligen Umfelds war: Das Jahrzehnt von Thatchers und Reagans Regentschaft. Die letzten Atemzüge des Kalten Kriegs, dominiert durch endzeitliche Atomkriegsszenarien. Die Abwanderung in der Industrie im Zuge der Globalisierung, die zum Zerfall der Wirtschaftszentren führte.

Das unfreundliche Klima wurde in unterschiedlichen Facetten rezipiert: von Punk, über Post Punk und Wave bis zum Industrial. Post Punk blieb dabei mehrheitlich eine apolitische Stilrichtung. Die Bands griffen den Zeitgeist zwar auf, fokussierten jedoch auf die eigene Gefühlswelt, die innere Entrückung aufgrund der gesellschaftlichen Entwicklung.

Nationalismus als Grundlage für Revival

Heute befindet sich die Welt wieder in einer Zeitenwende. Die nach 1990 gross gewordenen Generationen wuchsen – wir sprechen stets von der westlichen Hemisphäre – in eine offene und globale Gesellschaft hinein.

Doch mit dem Erstarken eines atavistischen Nationalismus zieht ein Sturm auf. Abschottende Tendenzen gibt es nicht erst seit Donald Trump, sondern schon länger in Europa mit dem Front National in Frankreich, der AfD in Deutschland und den exkludierenden Volksinitiativen der Schweiz. Die Manifestation der Tendenzen war nicht zuletzt der Brexit.

Die Mischung aus Angst und Unsicherheit ist die Voraussetzung für ein mögliches Revival.

Der Rechtspopulismus befeuert die Angst vor Fremden bis an die Grenzen der Xenophobie. Die Regierungen scheinen auf die Krise des Finanzsystems keine brauchbare Antwort zu kennen. Der weltweite Nachrichtenfluss hyperventiliert Terror, Krieg und Barbarei zu einer allgegenwärtigen Bedrohung.

Die musikalische Antwort folgte prompt: von Bands wie Prophets of Rage, Irie Révoltés oder Heaven Shall Burn bis zu den Standpunkten von K.I.Z und Bonaparte. Überraschend ist es nicht, dass genau diese Gruppen an vorderster Front anklagen. Es war in dem Sinne stets politisch engagierte Musik.

Dass im gegenwärtigen Umbruch noch weitere politische Bands auf den Plan treten, scheint offensichtlich. Ebenso ist aber auch eine emotionale Auseinandersetzung mit der Gesellschaft angesagt – abseits von konkreten Haltungen. Die Aufnahme einer Welt, die aus den Fugen zu geraten scheint, bietet fruchtbaren Boden für eine neue Welle melancholischer Klänge. Die Mischung aus diffuser Angst und Unsicherheit ist die Voraussetzung und zum grossen Teil verantwortlich für ein mögliches Revival des Post Punks.