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Ist es Zufall oder Schicksal, dass The Beauty of Gemina gerade in Mels einen neuen Höhepunkt erreichen? Das Konzert im Alten Kino hat die Zukunft der Band besiegelt.

The Beauty of Gemina kehren zur Wiege zurück. Das Alte Kino in Mels, einem verschlafenen Nachbarort von Sargans voller Einfamilienhäusern. Umstellt von hohen Bergen, deren Gipfel in den Wolken verschwinden. Das Tal ist flach, doch die Hänge sind steil wie Gefängnismauern. Ein begrenzter Horizont, der nicht viel von der Welt preisgibt. Irgendwie kann man verstehen, weshalb es hier so viele Selbstmorde gibt. Es ist diese Landschaft, die The Beauty of Gemina in Suicide Landscape – ihrem ersten dunklen Juwel – besingen.

Unweit von Mels frisst sich der Versuchsstollen Hagerbach in den Fels. In dieser steinernen Unterwelt dreht die Band mit Pictures of a Lost ihre ersten Live-Aufnahmen. Es war ein unbeholfener Gehversuch, eine Mischung aus Bildern des Konzerts und den Studioversionen des Songs. Alles andere als überzeugend.

Das ist nun fast zehn Jahre her. Seither haben The Beauty of Gemina sechs Alben veröffentlicht, dazu eine kongeniale Akustikplatte und die Anthology Vol. I, ein Best-of. Sie haben in fernen Ländern gespielt, unbekannte Einflüsse zugelassen und den sogenannten «Gemina-Sound» neu definiert.

Nun, einen Tag nach der Veröffentlichung ihrer neuen Live-Aufnahmen in Minor Sun – Live in Zurich, spielen sie an einem trüben Tag am Fusse des Gonzen. Im Alten Kino in Mels, diesem Ort, wo man am liebsten gut bürgerlich lebt. Es ist die Rückkehr der verlorenen Söhne, den düsteren Seelen, die auszogen, um die Welt zu entdecken.

In gewisser Weise fühlt sich diese Rückkehr in die Provinz merkwürdig an: Die hohen Herren der Melancholie spielen zwischen unschuldigen Vorgärten mit ihren Gartenzwergen und säuberlichen Hecken. Trotzdem hat Michael Sele, der Kopf der Band, diesem Ort in all seiner Spiessigkeit eigentlich alles zu verdanken. Wo wären The Beauty of Gemina heute ohne ihren überwältigenden Einstand mit Suicide Landscape?

Eines muss man The Beauty of Gemina lassen: Sie haben es weit gebracht, hart gearbeitet unter der perfektionistischen Nature von Michael Sele. Das Ergebnis wird in Minor Sun – Live in Zurich deutlich. Die Unbeholfenheit von Pictures of a Lost weicht reiner Qualität. Die Aufnahmen lassen das Konzert im X-Tra – eine fast zweistündige Mammutshow – nicht bloss Revue passieren. Nein, sie werfen ein ganz anderes Licht auf jenen Abend. Sie rücken die Band in den Fokus, die pure Konzentration, die unsichtbaren Verbindungen, die die Musiker zu einem Organismus verschmelzen lassen. Minor Sun – Live in Zurich ist das Äquivalent zu ihren Akustikaufnahmen im Moods und gleichzeitig der finale Beweis, dass The Beauty of Gemina auch in ihren Rockshows zu musikalischer Magie fähig sind. Nachdem man diese Aufnahmen gesehen hat, gibt es keine Ausrede mehr, keines ihrer Konzerte zu besuchen.

Der kleine Saal ist gut gefüllt. Fünf Jahre musste Mels waren, bis The Beauty of Gemina es wieder beehrt. 2012 spielten sie hier – akustisch.

Heimspiele sind tückisch. Man spielt vor alten Bekannten und der Verwandtschaft. Da steigt der Druck, obwohl man eigentlich vor einem stolzen und dankbaren Publikum spielt. Für Sele ist es ein doppeltes Heimspiel, denn der Keller des Alten Kinos ist gleichzeitig sein Klanglabor.

Die Frage ist: Lassen sich die Musiker vom Druck verkrampfen?

Nein, im Gegenteil. Sie wirken sogar entspannt. Hat man sie jemals so locker und doch so brillant gesehen? Irgendetwas ist geschehen. Die Band scheint alle Fesseln gesprengt zu haben. Sie spielen atemberaubend frei. Hunters erreicht eine überragende Exzellenz, da stimmt einfach alles. Auch Darkness, ihr ultimatives Epos von Aufbau und Zerfall, schafft eine mitreissende Präsenz.

Mit fast ungewohntem Selbstbewusstsein streuen sie hier und da kleine instrumentale Spielereien ein. Etwas, das die Band sich erstmals in den akustischen Adaptionen traute, jedoch nie bei den Rockshows. Sie sperrten sich selber in das Korsett des Arrangements. Das führte dazu, dass die Konzerte zwar nicht schlecht waren, sich aber doch eine vertraute Routine einschlich. Dass sie nun diese Kapriolen wagen, lässt nur einen Schluss zu: The Beauty of Gemina waren live noch nie besser als jetzt.

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Noch nie fiel so stark auf, dass die Wucht mit einer Person steht und fällt: Michael Sele. Er wirkt geradezu leichtfüssig, voller Energie. Mit seiner Euphorie entfacht er das Feuer. An diesem Abend scheint Sele zu allem bereit. So düster, melancholisch und pastoral der Habitus auch sein mag – man spürt seine Lust, seine Spielfreude in jeder Silbe und jeder Note. Da verzeiht man ihm gerne sein langjähriges Manko: die fehlende Textsicherheit.

Eine weitere Auffälligkeit: The Beauty of Gemina sind besonders stark, wenn sie laut werden. Dark Revolutions ist eine Soundwand, die alles niederwalzt. Da kann sogar Sele nicht in seiner stoischen Mine verharren und ein warmes Lächeln huscht über sein blasses Gesicht.

Je länger das Konzert, desto offensichtlicher wird der Grund für die immense Steigerung: The Beauty of Gemina haben die Gothic-Szene hinter sich gelassen. Diese Maske des aufgesetzten Schwermuts. Sie geben sich dem Adrenalin hin, dem Rausch, den Emotionen. Jetzt, und erst jetzt, vermögen sie die Welt tatsächlich zu erobern. Sie sind keine Szeneband mehr. Sie sind eine Rockband. Furchtlos und sich nicht mehr um Gepflogenheiten scherend.

Zehn Jahre hat die Band auf diesen Moment hin geschuftet, ohne dass es jemand realisiert hätte. Und plötzlich ist er da, dieser Moment der Erkenntnis. Ist es Zufall oder Schicksal, dass dieser Augenblick in Mels, mitten in der Suicide Landscape, kommt?