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Kein anderes Album haucht wie «Wild Cat» dem totgesagten Rock neues Leben ein. Dafür gibt es nicht nur Indizien, sondern handfeste Beweise.

Sie sind zurück: Danko Jones. Die zwei Jahre seit dem letzten Album scheinen geflogen zu sein und gleichzeitig fühlt es sich wie eine Ewigkeit an. Genau gesehen kommen Danko Jones stets im richtigen Moment: Immer dann, wenn man den Rock für tot erklären will, schlingern sie mit qualmenden Reifen um die Ecke und verpassen einem einen Stromstoss.

Und kein Defibrillator peischt dem Rock neues Leben heftiger ein wie Wild Cat – die neuste Unverschämtheit der Kanadier. Dafür gibt es nicht bloss Indizien, sondern handfeste Beweise:

Beweisstück 1: Speed

Wild Cat ist ein 39-minütiger Arschtritt. Höchstens Below The Belt kann mit Orkan festhalten. Schon im ersten Song I Gotta Rock zerschmettern Danko Jones sämtliche Zweifel: Hier wird etwas entfesselt, das laut, wild und ekstatisch ist. Das wütende Going Out Tonight, das punkige Let’s Start Dancing, das Dampflok-Riff von Wild Cat. Wo diese Songs durchdonnern, wächst kein Gras mehr.

Manchmal drosselt das Trio ihr Tempo etwas. Doch dann werden die Songs richtig heavy. My Little RnR oder Revolution pflegen einen entspannteren Blues-Rock-Groove. Doch egal ob schnell oder schwer: Die Songs sind wie Faustschläge. Danko Jones brettern immer mit dem Kopf durch die Wand.

Beweisstück 2: Simplizität 

Ja, man hätte hier auch Einfachheit schreiben können. Aber dann wäre es der einzige Beweis, der nicht mit «S» beginnt. So oder so: Komplexer Rock ist was für Radiohead-Jünger. Studenten in Rollkragenpullover, die bei einem Glas Rotwein auch über Free Jazz referieren.

Die Welt von Danko Jones hingegen ist simpel. Ihre Melodien sind eingängig. Die Riffs knacken und knallen wie Feuerwerk. Die Refrains verkommen zu Mitsing-Orgasmen. Hymnen für die Working Class. Der Soundtrack für Bier, Schweiss und Pogo. Weshalb sollten Danko Jones von dieser Mixtur abweichen? Sie wissen, wie man die Meute ausrasten lässt.

Beweisstück 3: Spass 

Wer Tristesse sucht, sollte um Wild Cat einen weiten Bogen machen. Jede Schwingung der Saiten versprüht Spielfreude. Jeder Schlag auf die Cowbell setzt Endorphine frei. Danko Jones lassen die Korken knallen, als gäbe es kein Morgen.

Wie schon bei der Simplizität gilt: Wer eine Party steigen lassen will, muss mit dem Herzen und dem Bauch dabei sein. Rock ist keine Sache des Kopfs, sondern eine der Lenden. Mehr dazu später.

Beweisstück 4: Selbstvertrauen 

Man könnte Danko Jones das Selbstbewusstsein auch als Arroganz auslegen. Die Überheblichkeit der selbsternannten «hardest working band in the world» darf man aber mit einem Augenzwinkern nehmen. Es ist eine Koketterie.

Natürlich haben Danko Jones eine gesunde Portion Selbstvertrauen. Eines, das sie sich jedoch hart erspielt haben. Mit jahrelanger Leidenschaft. Wer die Band schon live erleben durft, weiss genau, was gemeint ist.

Mit Do This Every Night erhält nun Mountain – dem Song, den sie nur bei Konzerten spielen – endlich einen Bruder. In diesem Lied verkorken sie ihre Leidenschaft für die Musik. Selbstverständlich mit der ironischen Überheblichkeit:

Let’s get up to get down
I want the lights on me
We gonna rock this town

Beweisstück 5: Sex

Zurück zu den Lenden. Sex ist nicht bloss eine scharfe Zutat, sondern die Basis für den heissen Cocktail. Es scheint fast so, als sei es sogar ihr grösster künstlerischer Antrieb. Und ja, sie sind direkt und explizit:

Success in bed
Is all we need
Don’t stress, undress
I take the lead

Nun, der Frontmann Danko Jones ist kein hochgewachsener Kerl. Seine Haare würden auch ohne Rasur nicht mehr flächendeckend spriessen. Und auf einem Auge ist er fast blind, weil er sich jahrelang auf der Bühne selber geschlagen hat, wenn das Publikum nicht ausreichend ausgeflippt ist. Trotzdem hat Danko eine eigenartige Anziehungskraft. Das liegt in erster Linie nicht an der Energie einer ganzen Armee, die er entfesseln kann. Auch nicht an seiner irren Zungenakrobatik oder Direktheit.

Nein, denn Danko entwaffnet mit Leidenschaft. Da mögen die Texte noch so machomässig daherkommen. Selbst wenn er singt «Come over here, baby, and let me love you like a man», spürt man seine Unterwürfigkeit dem schönen Geschlecht gegenüber. Er mag den Harten markieren wollen, kapituliert dennoch stets widerstandslos vor den Waffen der Frau.

Der Sex ist deshalb lediglich ein effekthaschendes Deckmäntelchen. Danko Jones sind verkappte Romantiker. Es geht’s um die Liebe:

Nobody understands
that the two of us have something special
Like a bond that can’t be broken
Like a shield of protection
This bond of ours is unspoken

Das Urteil

Die Beweise liegen auf dem Tisch. Nun folgt die Rechtsprechung.

Wild Cat setzt da an, wo Below The Belt aufgehört hat. Das Album kehrt zu den Wurzeln zurück: Killerriffs, Euphorie und das gelegentliche Spoken Word.

Nachdem Danko Jones mit Below The Belt (2010) ein Album für die Ewigkeit geschaffen haben, trennten sie sich freundschaftlich von Drummer Dan Cornelius. Als Ersatz fanden sie Atom Willard, der sich allerdings weigerte, mit einem 3er-Drumset zu spielen. Dementsprechend schwerfällig kam Rock And Roll Is Black And Blue (2012) daher. Es wäre zwar hart, das Album einen echten Tiefpunkt zu nennen, aber ein Highlight war es definitiv nicht.

Dass Willard eine Fehlbesetzung war, merkten selbst Danko Jones und Bassist John Calabrese. So schnappten sie sich Rich Know, der für das Album Fire Music (2015) wieder zum 3er-Set zurückkehrte. Halleluja! Fire Music vertrieb den Blues, hier und da musste das Trio seinen Groove aber noch finden.

Jetzt – mit Wild Cat – scheint das geschafft. Das Album vibriert, lärmt und hämmert. Es ist erotisch und rebellisch. Kurz: Es ist Rock’n’Roll in seiner reinsten und rohesten Form. Wild Cat besitzt die DNA von Danko Jones. Eine freche Sittenwidrigkeit. Ein neuer Höhepunkt.

Danko Jones spielen gleich zweimal in der Schweiz: 

Wild Cat

5
/5
3. März 2017

Release

AFM

Label

Tracklist

  1. I Gotta Rock
  2. My Little RnR
  3. Going Out Tonight
  4. You Are My Woman
  5. Do This Every Night
  6. Let's Start Dancing
  7. Wild Cat
  8. She Likes It
  9. Success In Bet
  10. Diamond Lady
  11. Revolution (But Then We Make Love)