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Danko Jones machen den Dienstag zum Freitag

Die kanadische Rockband Danko Jones spielte im Salzhaus eine mitreissende Show. Das Notizbuch blieb leer, aber der Respekt ist umso mehr gewachsen.

Ich habe diesen einen treuen Begleiter, der mit mir an jedes Konzert kommt: ein kleines, schwarzes Notizbuch. Von Moleskine, weil es eben doch auf die Qualität ankommt.

Für gewöhnlich ist das Büchlein stets offen, der Kugelschreiber im Anschlag, während ich mich ein wenig abseits auf die Lauer lege. Den Moment abwartend, um die richtigen Wortsalven auf das weisse Papier abzufeuern.

Wie gesagt: für gewöhnlich.

Der letzte Dienstag war allerdings alles andere gewöhnlich. Die Seiten waren am Ende des Abends immer noch leer. Dafür gibt es nur einen Grund: Danko Jones.

Das Salzhaus in Winterthur ist ein ebenso mühsames wie charmantes Lokal. Mühsam, weil der ganze Raum von hölzernen Säulen durchstochen wird – sogar auf der Bühne. Dieser Makel macht das Salzhaus aber auch charmant und einzigartig. Übrigens, liebes Salzhaus-Team, sind die Getränkebons ein raffinierter Weg, um sich die Zuneigung der Mediengilde zu erschleichen. Aber ernsthaft: eine nette Gester, vor allem für uns Ehrenamtlichen.

Frontmann Danko Jones, ein geborener Unterhalter. Bild: Francesco Tancredi

Zurück zum Thema: dem leeren Notizbuch, dem vollen Salzhaus und dem gemeinsamen Nenner Danko Jones. Voll war es definitiv. Rund 600 Besucherinnen und Besucher drängten sich vor die Bühne, als das wohl grossartigste Garage-Rock-Trio aus Kanada ins Rampenlicht trat. Im Gepäck eine Baggerladung Killerriffs und das neue Album Wild Cat.

Überraschend verhalten begann die Show. Stimmungsmässig unterkühlt, obwohl sie gleich mit I Gotta Rock in die Vollen gingen. Vermutlich lag es am schlechten Mix. Zum Glück wurde das schnell behoben. Danach stand dem Siegeszug von Danko Jones schlicht nichts mehr im Weg.

Normalerweis hätte ich zu diesem Zeitpunkt bereits einige Zeilen niedergeschrieben. Doch das «kleine Schwarze» blieb in der Tasche. Stattdessen zogen mich Danko Jones mit ihrer göttlichen Rockmagie immer weiter nach vorne – mitten in den Moshpit. Danach verschwimmt die Erinnerung. Blitzende Lichter, krachende Gitarren, der Geruch von Bier und Schweiss. Der unbändige Geist von Rock’n’Roll, beschwört durch eine sagenhafte Performance und einer Setlist, die wahnwitzigerweise nur aus Höhepunkten bestand.

Und ja, ich hasste mich dafür, mitten im Trubel zu sein, die Fäuste in die Luft gestreckt, springend, rempelnd, singend. Man sollte sich als Beobachter möglichst nicht mitreissen lassen. Gleichzeitig dachte ich: Who fucking cares?!

Rock’n’Roll ist keine biedere Lektion, sondern Leidenschaft. Pure, unverfälschte Leidenschaft. Also liess ich los und stürzte mich mit dem Kollektiv in ein Meer aus Euphorie und Musik. Alle Sorgen verflogen. Danko Jones machten den Dienstag zum Freitag. Kein Gedanke wurde an das immer wahrscheinlicher werdende Szenario verschwendet, dass man am nächsten Morgen übermüdet und verkatert zur Arbeit gehen muss.

Wie bereits sechs Jahre zuvor im Gaswerk waren Danko Jones auch im Salzhaus in Höchstform. Es muss an Winterthur liegen. Die rotzige Frechheit, die punkige Attitüde von Danko sorgte mehr als einmal für schallendes Gelächter. Der Mann ist ein geborener Unterhalter. Wiederum fegen sie in den Songs mit chirurgischer Präzision und skalpellscharfen Riffs alle Zweifel vom Platz: Sie sind keine Schulhofschläger, sondern eiskalte Profikiller.

Wenn etwas aus diesem eklektischen Abend heraussticht, dann ist es dieser atemberaubende Seiltanz: Einerseits muss Rock’n’Roll unterhalten, mitreissen, begeistern. Doch es ist vor allem eine Plackerei für Musiker. Harte und ehrliche Arbeit an den Instrumenten. Nur wer sein Spiel perfekt beherrscht, kann echte Improvisation vollführen.

Die Diskrepanz zwischen lockerer Vogelfreiheit und der mühseligen Schufterei zu überwinden ist nicht bloss bemerkenswert: Es ist eine Seltenheit. Natürlich gilt das für sämtliche Stilrichtungen, doch gerade beim Rock’n’Roll wirkt das Verkopfte wie eine Bleiweste: Er wird anstrengend und schwerfällig.

Danko Jones hingegen lassen uns gekonnt vergessen, was es für eine solche Show braucht. Sie wirbeln und donnern und begeistern mit kindlicher Leichtigkeit.