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Die Comic-Band Gorillaz mit ihrem musikalischen Schöpfer Damon Albarn luden zum Tanz und eine bunte Masse an Menschen folgte ihnen in die Samsung Hall nach Stettbach.

«Bloss nicht mit zu grossen Erwartungen an dieses Konzert gehen», sagte ich mir immer wieder bevor das Gorillaz-Konzert anstand. Mir war klar, dass die paar Mal als es die Comic-Band als Hologramme live zu sehen gab, absolute Ausnahmen waren und es hier in Zürich 2D, Noodle, Murdoc und Russel nur auf Leinwand zu bestaunen geben würde. Vielleicht aber kann ich mich im Publikum möglichst weit nach vorne schlängeln und ein High-Five von Damon Albarn abkassieren. Die treibende Kraft hinter den Gorillaz und Britpop Legende der 90er ist schliesslich bekannt für spontane Stagedives und viel Publikumsnähe. Und so war es denn auch. Immer wieder sang Albarn vom Bühnengraben aus und ging auf Tuchfühlung mit den vordersten Reihen. Nur stand ich nicht dort. Nicht mal in der Nähe. Medienplätze waren auf dem Balkon. Einem Balkon auf den man nicht mal was zu Essen oder Trinken mitnehmen durfte, dafür aber mit kuschelig warmen Sitzen ausgestattet war.

Aber nun mal der Reihe nach. Ich bin eigentlich keine notorische Zu-spät-kommerin, doch habe ich schlichtweg nicht mit einberechnet, dass bei einer ausverkauften Samsung Hall und ausgedehnten Sicherheitskontrollen mit einer Anstehzeit über einer halben Stunde zu rechnen wäre. Als ich es schliesslich in die Halle schaffte und mich mit meinem Sitzplatz anzufreunden versuchte, – es war zugegebenermassen ein guter Sitzplatz: Sehr mittig, mit freier Sicht auf die Bühne – spielte Supportact Little Simz bereits ihre letzten Lieder. Das Publikum unten tobte, als sie ihr Set mit einer schnelleren Nummer beendete. Und vielleicht würde später ja noch ein Funke Extasse auch hier nach oben springen und ich würde mich nicht mehr ganz so sehr wie ein Zaungast fühlen.

Geister-Rapper und eine Band im Dunkeln

Doch irgendwie zog der Beginn des Gorillaz-Konzertes komplett an mir vorbei, ohne gross einen Eindruck zu hinterlassen. M1 A1 und Last Living Souls fühlten sich an wie ein ewig langes Intro nachdem dann der grosse Knall folgen sollte. Doch der blieb auch aus. Dagegen machte sich Ernüchterung bei mir breit. Als bei Saturnz Barz Popcaan nur ab Band erklang und über die Videowand flimmerte, versetzte das meinen möglichst tief gehaltenen Erwartungen zusätzlich einen Dämpfer. Natürlich konnten die Gorillaz nicht alle Gastmusiker mit denen sie in ihren Songs kooperierten für jeden Auftritt einfliegen lassen, aber trotzdem funktioniert in meiner Vorstellung ein Konzert nicht recht, wenn Teile der Band schlichtweg nicht da sind.

Natürlich ist mir auch klar, dass eine virtuelle Band physisch eh nicht anwesend sein kann, aber dass es sich ausgerechnet bei den Gorillaz grösstenteils auf die bereits bekannten Musikvideos im Hintergrund reduzieren würde, fand ich dem kreativen Wesen der Band nicht gerechtfertigt. Schade konnte Zeichner Jamie Hewlett anscheinend nicht für neue Videosequenzen eingespannt werden.

Bild: Evelyn Kutschera

Das visuelle Konzept des Konzerts schien dann auch ganz stark auf Multiinstrumentalist Damon Albarn zu setzen. Während er von zwei Scheinwerfern ständig in Szene gesetzt wurde, stand der Rest der Band komplett im Dunkeln. Zwei Schlagzeuger, zwei Keyboarder, ein Gitarrist, ein Bassist und sechs Backgroundsängerinnen blieben von meinem Platz aus das ganze Konzert über lediglich als dunkle Silhouetten zu erkennen. Schade, auch sie hätten ein wenig mehr Anerkennung verdient gehabt.

Ich persönlich wurde mit dem Gorillaz-Set erst wirklich warm, als mit Sleeping Powder und Superfast Jellyfish ein bisschen «High Times» eingeläutet wurde. Sang Damon Albarn in Sleeping Powder noch mit sich bzw. 2D ab Band im Duett, konnte De La Soul als Gastrapper bei Superfast Jellyfish zeigen, dass es gar nicht so merkwürdig sein müsste, wenn nicht ständig Gesang und Rap reingesamplet wurden. Dem restlichen Publikum schien es auch zu gefallen und das darauf folgende On Melancholy Hill kam so leicht und süss daher wie Zuckerwatte.

Weitere Gastrapper wie Peven Everett und Jamie Principle sorgten für etwas Abwechslung und Little Simz, die das Publikum bereits zu Beginn des Abends anheizen durfte, kam natürlich auch nochmals auf die Bühne um die aktuelle Gorillaz Single Garage Palace zu performen.

Ein Lacher initiiert den Höhepunkt

Und als es im Zugabenblock endlich Zeit wurde für De La Soul seine trademarkartige Lache ins Mikrofon zu schmettern, geschah etwas an das ich fast nicht mehr glaubte. Beim sitzenden Publikum auf dem Balkon wurde ein Kippschalter umgelegt und ihm Nu standen und tanzten alle zu Feel Good Inc. Auch bei Clint Eastwood, mit welchem die Gorillaz gleich nachdoppelten, wurde der Refrain von der ganzen Halle lauthals mitgesungen.

Und so schnell wie diese wunderbare Stimmung um mich herum da war, so schnell war sie dann auch wieder verpufft. Die letzten Lieder Don’t Get Lost In Heaven und Demon Days, die ja auch auf dem Erfolgsalbum Demon Days den Abschluss bilden, plätscherten noch dahin wie der Abspann eines Filmes. Nach einer Spielzeit von rund 105 Minuten winkte Damon Albarn ein letztes Mal bevor er die Bühne verliess, die letzten Klänge hallten aus und das Saallicht ging wieder an und ich blieb mit gemischten Gefühlen sitzen.

Das Konzert war keinesfalls schlecht, doch obwohl ich mir extra im Vorfeld keine unrealistischen Erwartungen versuchte zu machen, kann ich doch auch nicht behaupten, dass die Gorillaz komplett überzeugen konnten. Mag sein, dass der Faktor Balkonsitz stärker in meine Konzertwahrnehmung einfliesst als mir lieb ist. Es ist im Nachhinein schwierig zu beurteilen, ob ich wirklich über die anderen Kritikpunkte Samples und Visuals bzw. wie die virtuelle Band dargebracht wurde, leichter hinwegsehen könnte, wenn ich mitten in der Menge gestanden hätte und somit wohl leichter in den Konzertflow gefunden hätte.