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David Klein ist Musiker, Produzent und freier Autor. Er kritisiert die hiesigen Musikjournalisten wegen mangelnder Systemkritik. Denn es liegt einiges im Argen.

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Rossinellis Crowdfunding-Aktion auf wemakeit.com vom März dieses Jahres hatte ihr einen gewaltigen Shitstorm beschert (Foto: zvg)

ein Gastbeitrag von David Klein

«I don’t need no Bling, Bling, Bling» trällert Anna Rossinelli in ihrem Song Head in the Sky. Das hat sich offensichtlich geändert. Rossinellis Crowdfunding-Aktion auf wemakeit.com vom März dieses Jahres hatte ihr einen gewaltigen Shitstorm beschert. Nicht ganz zu unrecht. Denn Anna zählt zu den wenigen hochprivilegierten Schweizer Interpreten und sollte eigentlich nicht mehr auf das Geld ihrer Fans angewiesen sein, um ihre mittlerweile dritte CD veröffentlichen zu können.

Als frischgebackene ESC-Finalistin stellte ihr das Schweizer Fernsehen SRF ein grosszügiges Startkapital von fast 30 000 Franken an Billag-Geldern zur Verfügung plus 5000 Franken Gage für einen TV-Auftritt bei den «Swiss Awards». Ihr Manager Oliver Rosa, Produzent der «Swiss Music Awards» (SMA) beschaffte ihr einen Künstlervertrag mit Universal und die Booking-Agentur des Basler Konzertveranstalters Thomas Dürr sorgt für die nötigen Konzerte. Daneben tritt sie an lukrativen Galas und Firmenanlässen auf, die direkt von Universal gebucht werden. Mit ihrer CD Marylou belegte sie insgesamt neun Wochen Platz 1 der Schweizer Albumcharts und erreichte mit 10 000 verkauften Einheiten Goldstatus. Trotzdem wird die ehemalige Rhyschänzli-Kellnerin nicht müde zu betonen, dass sie mit all dem «nicht reich» geworden sei und bat ihre Fans, den dreimonatigen USA-Trip zu finanzieren, der die Grundlage ihres neuen Albums Takes Two To Tango bilden sollte. Damit unterstützt der Fan mit Annas Segen indirekt die Ausbeutungs- und Enteignungspraktiken milliardenschwerer internationaler Grosskonzerne wie Universal und korrumpiert die Ursprungsidee des Crowdfunding.

Die Mailanfrage, ob dies positive Auswirkungen auf Annas Künstleranteil pro verkaufte CD hat, liessen sowohl Universal als auch Annas Manager Oliver Rosa unbeantwortet.

Der Amerikaner Brian Camelio gründete 2001 mit artistshare.com die erste Crowdfunding-Plattform (damals noch «fanfunding»). Sein Ziel war es, Künstler von den sogenannten Majors (Universal, Sony, Warner) unabhängig zu machen, die den Löwenanteil der Einnahmen einstreichen und ihre Künstler mit wenigen Prozenten abspeisen. Das erste durch Artistshare veröffentlichte Album Concert in the Garden der renommierten Jazzerin Maria Schneider, war zugleich die erste Veröffentlichung der Musikgeschichte, die einen Grammy gewann, obwohl die CD nur online zu kaufen war. Schrader erhielt sämtliche Einnahmen aus dem Verkauf der vollumfänglich fanfinanzierten Produktion, bis auf die 10 Prozent Beteiligung von Artistshare. Rossinelli hingegen muss nach 10 000 verkauften CDs noch immer ihren Vorschuss bei Universal abstottern.

Ein Aktionär oder Investor erhält seine Dividende aufgrund der Grösse seines Anteils. So gesehen ist Annas Fangeschenk von 50 000 Franken eine Investition in Universal. Die Mailanfrage, ob dies positive Auswirkungen auf Annas Künstleranteil pro verkaufte CD hat, liessen sowohl Universal als auch Annas Manager Oliver Rosa unbeantwortet. Darauf, wie die Fangelder im Detail aufgeteilt werden wollte Rosa, der von Rossinellis gesamten Einnahmen 20 Prozent einsackt, ebenfalls «nicht weiter eingehen». An den 50 000 Franken aus dem Crowdfunding sei er jedoch «nach Absprache mit der Band nicht beteiligt». Eine Beteiligung von Rossinellis Manager am Crowdfunding-Geld würde vermutlich auch den treusten Fan vor den Kopf stossen.

Die Majors gründeten nach dem Zweiten Weltkrieg pro forma Musikverlage und verlangen dafür bis heute Geld vom Künstler, ohne einen Gegenwert zu bieten.

Für Wemakeit-CEO Johannes Gees sind die Vorbehalte gegen Rossinellis Sammelaktion «völlig unverständlich». Dass Wemakeit den Knebelverträgen der Majors Hand bietet, stört Gees nicht: «Gerade für die Musikindustrie ist Crowdfunding eine Chance». Will heissen: Der Fan soll zahlen, was eigentlich die Industrie gewährleisten müsste und darf als Dank die CD weiterhin zu überhöhten Preisen kaufen, an denen ausgerechnet der Künstler am Wenigsten verdient.

Das funktioniert so: Die Plattenfirma verkauft dem Vertrieb die CD für rund sechs Franken. Der Vertrieb verkauft dem Händler die CD für den Händlerabgabepreis (HAP) von rund 13 Franken. Der Händler schlägt seine Marche nach Gutdünken drauf, was einen Verkaufspreis von rund 15 bis 25 Franken ergibt. Grundlage des Künstleranteils am Verkauf ist der HAP, wovon der Künstler je nach Bekanntheitsgrad um die 15 Prozent pro verkaufte CD erhält.

Doch um den Künstler abzuzocken, sind die Plattenfirmen um keine Spitzfindigkeit verlegen. So wird unter anderem vom ohnehin marginalen Künstleranteil ein «Technikabzug» von bis zu 30 Prozent abgezogen, ein Relikt aus den Zeiten der hohen Produktionskosten für Schallplatten. Dieser Abzug kommt jedoch auch bei digitalen Verwertungen zur Anwendung, bei denen keinerlei Herstellungskosten anfallen. Nach weiteren Abzügen für Grosskunden wie Exlibris, Mailorder, Mid-Price, Low-Price, TV- oder Radiopromotion und vieles mehr sowie den 20 Prozent für das Management, bleiben dem Künstler wenige Rappen. Ein weiterer Winkelzug der Musikindustrie sind die sogenannten «Verlagsrechte». Diese wurden seit den Dreissigerjahren an Musikverlage ausgeschüttet, die Musiknoten verlegten. Die Majors gründeten nach dem Zweiten Weltkrieg pro forma Musikverlage und verlangen dafür bis heute Geld vom Künstler, ohne einen Gegenwert zu bieten. Je nach Ausschüttung rund 40 Prozent des Künstleranteils.

Die Musiker, für die das Publikum letztendlich zahlt, werden mit einem Zehntel des Ticketpreises abgefertigt.

Aber nicht nur der Künstler, auch das Konzertpublikum wird geschröpft. Bis zu 44 Prozent schlagen Tickethändler wie CTS Eventim, zu denen auch Ticketcorner gehört oder Starticket pro Ticket an «Zusatzgebühren» drauf, sogar das Selbstausdrucken kostete 3.50 Franken. Erst auf Weisung des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) wurde Anfang Jahr diese rechtswidrige Praxis beendet. Gleichzeitig wurden jedoch neue Gebühren eingeführt, die das Ticket im Vergleich zu früher verteuern. Den Schweizer Ticketmarkt teilen sich die Medienriesen Ringier (Ticketcorner) und Tamedia (Starticket) untereinander auf und stossen sich gesund an Konzerten, die zuvor in «20 Minuten» oder «Blick» beworben wurden. Die Musiker, für die das Publikum letztendlich zahlt, werden mit einem Zehntel des Ticketpreises abgefertigt.

Für jede grossangelegte Abzocke braucht es Komplizen. Eine der wichtigsten Ressourcen für die Schweizer Popindustrie ist das gebührenfinanzierte Fernsehen. Mit Michael Schuler, ehemals in leitenden Positionen bei Universal und Sony tätig und heutiger «Head of Music» beim SRF, haben die Majors mehr oder weniger diskret einen «V-Mann» installiert, der seinen ehemaligen Arbeitgebern und sonstigen «Amigos» den Zugriff auf die wichtigen Promokanäle bei Radio und TV garantiert. Zwar beklagt Sven Sarbach, SRF-Leiter Show und Events, regelmässig seine «bescheidenen Mittel». Gleichzeitig finanziert das SRF mit über 10 Millionen Franken Billag-Geld für «Voice of Switzerland» die Talentsuche von Universal, die den jeweiligen Gewinner auch flugs mit einem Knebelvertrag in Beugehaft nimmt. «Cover Me», eine Dauerwerbesendung für Roman Camenzinds Hitmill Studio, geht ebenfalls zu Lasten des Gebührenzahlers. Auch Oliver Rosas «Swiss Music Awards», nach eigenen Angaben die «glaubwürdige und neutrale Plattform der Schweizer Musikbranche» werden vom SRF zur besten Sendezeit ausgestrahlt. Verkaufsfördernde Massnahmen für die Majors, camoufliert als «Service public».

Deshalb sind die sogenannten «Musikkritiker» längst zu servilen Hofberichterstattern der Schweizer Musikmafia verkommen.

Derartige Missstände zu thematisieren wäre grundsätzlich die Aufgabe der hiesigen Musikjournalisten. Diese sind jedoch für Interviews, Rezensionen oder Homestories mit den Bliggs, Baschis und Rossinellis der Schweiz auf das Wohlwollen der Plattenfirmen und Managements angewiesen, um den Zugang zum Künstler zu erhalten. Jegliche Art von Systemkritik ist unerwünscht und wird entsprechend sanktioniert. Deshalb sind die sogenannten «Musikkritiker» längst zu servilen Hofberichterstattern der Schweizer Musikmafia verkommen, deren Beiträge sich in der verlässlichen Zulieferung von medienwirksamen Schleimschmeicheleien für die Günstlinge der Majors erschöpfen.

So ist Stefan Künzli, Musikjournalist den AZ Medien, prompt Gewehr bei Fuss, um als Erfüllungsgehilfe von Rossinellis Plattenfirma die vermeintlich zu Unrecht gescholtene Anna zu rehabilitieren. Im Tonträgergeschäft könne man in der Schweiz «kaum mehr Geld verdienen» lamentiert Künzli. Dass dies nur für die Künstler gilt, aber keinesfalls für die Plattenfirmen, unterschlägt er geflissentlich. Ebenso, dass die von ihm bejammerte «Krise der Tonträgerindustrie» vor allem aus der Unfähigkeit der Majors resultiert, sich den Veränderungen des Marktes anzupassen. Für Christian Hubschmid von der «SonntagsZeitung» ist Rossinellis Aktion, nämlich ihre Fans zu bewegen, ihre Plattenfirma zu alimentieren, «eine geniale Sache». Alle, die diese Schlaumeierei kritisch hinterfragen, qualifiziert er kurzerhand als «Bünzli» ab. Anna, die sich normalerweise krampfhaft bemüht, ganz besonders publikumsnah rüberzukommen, präsentiert Hubschmids despektierliches Votum gegenüber ihren Fans stolz auf Twitter: «Die SonntagsZeitung klärt auf». Auch für Künzlis tendenziösen AZ-Artikel bedankt sie sich artig.

Musikjournalisten sollten sich nicht länger als mediale Zuhälter für die Exponenten einer Industrie missbrauchen lassen.

Was ist zu tun? In einer Industrie, die sich in ihrer Verkommenheit permanent selbst übertrifft, helfen nur drastische Massnahmen. Schweizer Musiker sollten mit Hilfe neuer Vermarktungsmöglichkeiten ihre Macht als Kreative, ohne die es weder Plattenfirmen noch Vertriebe, Konzertveranstalter oder Manager gäbe (von Spotify, iTunes, Youtube etc. ganz zu schweigen), endlich im Eigeninteresse nutzen, und sich per sofort sämtlichen Labels radikal verweigern. Das gilt auch für die sogenannten «Independent-Labels», die zwar dieselben Knebelverträge wie die Majors anwenden, aber für ihre Künstler noch weniger Geld ausgeben wollen oder können. Ihre Musik sollten Künstler mit unabhängigen Firmen, in denen Musikbegeisterte mit Idealismus arbeiten, selbst produzieren und vertreiben. Namhafte Künstler, die Einnahmen garantieren, sollten mit den Konzertveranstaltern Pauschaltickets ohne Zusatzgebühren aushandeln, wie es Kid Rock mit dem Konzertveranstalter Live Nation vorgemacht hat. Sämtliche Tour-Einnahmen (Tickets, Getränke, Merchandising, Sponsoring) kamen in einen Topf, die Gewinne wurden unter Kid Rock und Live Nation aufgeteilt. Sowohl die Ticketverkäufe als auch die Sympathie seiner Fans explodierten und bescherten Kid Rock die einträglichste Tour seiner Karriere. Musikjournalisten sollten sich nicht länger als mediale Zuhälter für die Exponenten einer Industrie missbrauchen lassen, die nicht wenige als die mit den niedrigsten moralischen und ethischen Massstäben betrachten und deren Dachverband IFPI wegen diversen Verstössen von der Wettbewerbskommission (WEKO) mit 3,5 Millionen Franken gebüsst wurde.

Wird sich etwas ändern? Kaum. Musiker und Managements, die immer noch dem trügerischen Traum des Major-Deals nachhängen, werden nicht die Hand beissen, die sie dereinst füttern könnte und die Musikjournalisten verpflichten sich, wohlwissend um die mafiösen Zustände in der Musikindustrie, weiterhin der «Omertà». Das System siegt, weil alle es so wollen: Die Grosskonzerne, die Politik und die Fans, die weiter fleissig für die Majors crowdfunden und für Musik und Konzerttickets die Fantasiepreise der Monopolisten zahlen.

Platon bezeichnete Musik als ein «moralisches Gesetz, das unserem Herzen eine Seele schenkt, den Gedanken Flügel verleiht, die Fantasie erblühen lässt und allem erst Leben schenkt». Es ist erschütternd, in welchem Ausmass die Musikindustrie das Votum des grossen griechischen Philosophen pervertiert hat.

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