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Sommerzeit, Lesezeit! Unser Tipp für die heissen und hellen Tage ist kühl und dunkel: Der Fährmann des Totenflusses verliebt sich in eine Sterbliche, und setzt alles daran, sie in seine nasskalte Unsterblichkeit zu locken.

Man mag es totsagen, auf seine digitale Form reduzieren oder nur noch als Audiobook konsumieren: Die modernen Alternativen lassen das Buch nicht nur weiterleben, sie machen es zu etwas Besonderem. Gerade szenige Festivals bieten Leseratten und Autoren eine Plattform um sich jenseits des Mainstreams mit Literatur zu beschäftigen. Die dort vorgestellten Bücher mögen zu skurril, grausig oder schräg für den Massengeschmack sein, aber auch sie finden ein Publikum.

Bild: Evelyne Oberholzer

Negative White war am WGT und ging in der Agra Bücher shoppen. Das erste, das hier vorgestellt wird, ist Der Fährmann. Das Produkt zielt klar auf den bibliophilen Horror-Liebhaber ab. Die Kanten der Seiten sind schwarz, das Satinband rot und der Textblock mit Illustrationen von John Howe aufgelockert.

Die Story

Die Geschichte beginnt mit dem Nahtoderlebnis der Protagonistin, die nicht daran denkt, still und fügsam über den Styx zu gehen: Jeanine widersetzt sich dem Fährmann und erweckt so sein Interesse. Als sie zurück in die Welt der Lebenden findet, folgt er ihr und versucht, sie für sich zu gewinnen.

Die klassische Geschichte zwischen dem personifizierten Tod und dem Mädchen, das den gleichermassen unsterblichen wie leblosen Liebhaber verschmäht, wird hier spannend aufgerollt. Natürlich hat die Protagonistin einen Verehrer im Diesseits, dessen Küsse ihr lieber sind als die nasskalten Lippen des Fährmanns. Der Fährmann lässt die Zürckweisung nicht auf sich sitzen und bedient sich der gesammelten Seelen, um Jeanine und ihrem Freund das Leben zur Hölle zu. machen.

Illustration: John Howe

Damit ist der Fährmann eine klassische Horrorstory. Sie lebt von den genretypischen Elementen, wie der Boy-Girl-Evil-Dreiecksbeziehung, dem Zwischenspiel der Charaktere bei den Good Guys und einer dichten Atmosphäre. Genau so verhält es sich auch mit dem Ende des Buches: Der Antagonist wird mit dem klassischen Rezept bezwungen, wonach Liebe und Glaube das Böse besiegen, und alles löst sich in Wohlgefallen auf. Nach dem grandiosen Anfang, einem mächtig ziehenden Spannungsbogen, unkonventionellen Details und einem emotional wie spirituell komplexen Setting wäre ein Ende mit mehr Rafinesse schöner gewesen. 

Nichts desto trotz liest sich das Buch wie von selbst, und die Illustrationen werten das Werk auf.

Die Gestaltung

Der Fährmann ist ein aufwändig produziertes Buch. Der schwarze Schnitt, das rote Satin-Lesezeichen und natürlich die Illustrationen von John Howe machen das Stück zu etwas Speziellem.

Howe machte sich unter anderem als Illustrator von Mittelerde einen Namen. Nicht zuletzt mit seiner Gandalf-Darstellung hat sich Howe ins kollektive Gedächtnis eingebrannt, und auch sonst war vieles in der Herr der Ringe-Filmtrilogie an seine Illustrationen angelehnt.

Der Fährmann erblickt Jeanine. Bild: Evelyne Oberholzer

Für den Fährmann bediente er sich eines gröberen Stils mit scharfen Kontrasten, Kritzelschattierungen und grossen dunklen Flächen. Die Horrormomente sind gut eingefangen, Emotionen spiegeln sich in den Augen der von ihm portraitierten Figuren: Trauer, Angst, Gier. 

Fazit

Der Fährmann ist für Horrorfans – und gerade für solche, die Bücher wie Gummibärchen vernichten – sicher ein Tipp. Die Story mag nicht epochal sein, aber sie zieht und unterhält. Mit seiner liebevollen Gestaltung eignet sich das Buch auch gut als Geschenk.