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Bordeaux Lip – Colourgraded

Chaotisch, beklemmend und wild. Wer wissen will, wie sich die Welt im Jahr 2017 anhört, kommt an «Colourgraded» von Bordeaux Lip nicht vorbei.

Es ist bereits Ouverture (Coupons), das einen realisieren lässt: Hier folgt etwas Aussergewöhnliches. Bordeaux Lip, die Rockband um den Musiker Neil Nein, legt mit Colourgraded ein neues Album vor. Der Opener legt Zweifel offen: Folgt hier eine Rock-Scheibe – oder ist da mehr?

And if you’re colourblind,
Can they colourgrade your mind?

Man glaubt die Antwort zu kennen, wenn First At The Scene sich krachend offenbart. Allerdings ist es nicht so einfach. Denn so brachial der Song beginnt, so beeindruckend fällt er in sich zusammen. «First at the scene, the last to know», singt Neil Nein über einem Arrangement, das mehr an Indie-Pop erinnert den klassischen Gitarren-Sound.

Und genauso geht das Spiel weiter: Bordeaux Lip führen uns genüsslich auf falsche Fährten, bauen Erwartungen auf um sie zu zerstören. Hauptsache man bricht mit dem Konventionellen. Neins Stimme wird in yrusosrprsd (sprich: Why are you so surprised) mit Autotune verzerrt. Smile At Strangers beginnt mit einem Voice-Sample von Donald Trump und verfällt danach im Hick-Hack zwischen Drum’n’Bass und den White Stripes. Film Noir besticht hingegen durch eine geschliffene Melodie, unterfüttert mit pathetischen Streichern. Pizza At Podesta’s – ein Stück, das sich mit einer Alt-Right-Verschwörungstheorie auseinandersetzt – klingt bedrohlich wie ein heranpirschendes Raubtier. Sugarcoathed baut sich langsam auf, stilvoll und reduziert, bis er zum Schluss in einem wilden Ausbruch explodiert, einer finalen Ekstase der Verrücktheit.

Zweifel an der blossen Existenz

Colourgraded ist ein Konzeptalbum, dessen einzige Konstante das Chaos ist. Jeder Song klingt, als hätte die Band wieder eine ganz neue Idee verfolgt. Und in jedem Song gibt es wiederum eine Palette von Einfällen. Das Album überfordert.

«Farben existieren nur in unserem Kopf», sagt Neil Nein. Bild: Peer Füglistaller

«Anti-Garage» nennt die Band ihren Sound, gebaut auf einem soliden Rock-Fundament, verfeinert mit elektronischen Samples und dekoriert mit manischen Effekten. Die Frage ist berechtigt: Ist das das Werk eines Wahnsinnigen?

Gleichzeitig ist Colourgraded das perfekte Spiegelbild unserer Welt: unübersichtlich, aus den Fugen geraten und von Zweifeln geplagt. Was ist Realität und was Fiktion? Es ist diese existenzielle Unterscheidung, die den Songwriter umtreiben. «Farben existieren nur in unserem Kopf», lässt sich Nein im Pressetext zitieren. «Alles, was wir sehen, ist Interpretation. Ich habe keine Ahnung, ob das Glas Rotwein in deinen Augen gleich wirkt wie für mich. Es gibt keine Möglichkeit, das herauszufinden.»

Diese Aussage steht exemplarisch für das Gefühl, welches Colourgraded provoziert. Bordeaux Lip kratzen damit am Verstand, stellen gar unser blosses Sein infrage. Es ist der rote Faden, der sich unscheinbar und offensichtlich zugleich durch die Songs zieht und Colourgraded trotz seiner auslaufenden Konturen zusammenhält.

Damit wird in Zeiten, in denen sich mit «alternativen Fakten» alle ein eigenes Weltbild pinseln können, in denen jegliche sinnstiftende Werte ihre Autorität verlieren, dieses Album zu einem der relevantesten Werke des Jahres. Wer wissen will, wie sich die Welt im Jahr 2017 anhört, kommt an Colourgraded nicht vorbei.

Colourgraded

5
/5
10. November 2017

Release

Radicalis

Label

Tracklist

  1. Ouverture (Coupons)
  2. First At The Scene
  3. yrusosrprsd
  4. Smile At Strangers
  5. To Be Kind
  6. Interlude (Slumberless)
  7. Film Noir
  8. Sugarcoated
  9. Pizza At Podesta's
  10. A Side Stitch (500 Miles)
  11. The Lobbyist
  12. Come Say Bye Before You Leave