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Das neue Album von Bob Dylan klingt genauso alt, wie er selbst ist. Trotzdem mutet es nicht lebensmüde an, sondern stützt sich auf der Gemächlichkeit der Reife ab. „Tempest“ besticht durch zeitlose Würde.

jt. Die grösste Kritik an Tempest ist zugleich eine am prophetenhaften Meister persönlich. Sein Gesang ist mehr Krächzen, das hat sich auch in den letzten Jahren nicht verändert. Besonders stark wird das in den schnelleren Songs wie dem Einstieg ins Album Duquesne Whistle hervorgehoben. Diese Stimme à la Louis Armstrong will und will bei Robert Zimmermann, wie Dylan bürgerlich heisst, einfach nicht funktionieren. Zum Glück überwiegen die Blues-lastigen Stücke auf Tempest. So wie Early Roman Kings, das seine Premiere im Trailer zur Serie „Strike Back“ feierte, und mit seiner leicht stampfenden Gemütlichkeit auch im Anbetracht von Dylans Alter an Glaubwürdigkeit gewinnt. Grossartig wirkt aus das sanfte Long And Wasted Years, das mit seiner Tragik wie ein Ausläufer vom Liebeskummer-Album Blood On The Tracks (1975) erscheint.
Herzstück ist ohne Zweifel das namensgebende Stück Tempest. Mit ausschweifenden dreizehn Minuten Länge wurde es mit Desolation Row von Highway 61 Revisited (1965) verglichen. Dylan lässt die Titanic schöner und romantischer sinken, als es Regisseur Cameron je gekonnt hätte. Es ist dieser Song, in dem Dylans poetisches Genie als Songwriter einmal mehr hervorblitzt und das Album in Konkurrenz mit Time Out Of Mind (1997) stellt, welches zumindest bis jetzt als das Alterswerk der Folk- und Rock-Koryphäe galt. Dass Bob Dylan das geschafft hat, verleitete Kritiker rund um den Globus zum Urteil „Meisterwerk“.
Ein Meisterwerk ist Tempest nicht. Oder man kann es jetzt noch nicht sagen, weil man das Album eine Weile ruhen und reifen lassen muss wie guten Wein. Dennoch schmeckt bereits das vollmundige, in sich geschlossene Aroma, das zwar für wenig Überraschung sorgt, doch zufrieden und satt stellt. Die würzige Note liegt nicht so sehr in der dichten Instrumentalisierung – obwohl gerade der Song Pay In Blood damit bestechen kann – sondern in der unglaublich starken Sprache des Songwriters, die, gespickt mit Bildern, die ganze unentdeckte Welten offenbaren, noch immer ihresgleichen sucht.

Tracklist:

01. Duquesne Whistle
02. Soon After Midnight
03. Narrow Way
04. Long And Wasted Years
05. Pay In Blood
06. Scarlet Town
07. Early Roman Kings
08. Tin Angel
09. Tempest
10. Roll On John