Am Mittwoch spielte die 21-jährige Adna Kadic im Café Marta in Bern. Mit ihrem überwältigenden Auftritt und ihrer bescheidenen Art begeisterte sie die Hauptstädter bis zuletzt.

Eine laue Septembernacht in der Hauptstadt. Die Kramgasse mitten in der Altstadt war am Mittwochabend praktisch leergefegt. Nur vor dem Café Marta standen Menschen – redend, rauchend, Bier oder Wein trinkend. Das Berner Savoir vivre.

Das Marta ist ein Café, das seinesgleichen sucht. Durch eine schräg zur Strasse hin geöffnete Falltür steigt man in das Gewölbe hinab. Ein hoher, aber auch enger Raum war es, in den PlayLIVE#Bern – das Veranstaltungslabel mit höchstem Gütesiegel – die hippen Musikkenner lockte.

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Reza Dinally, der bärtige Singer-Songwriter aus Zürich, eröffnete den Abend. Die Besucher drängten sich, auf Bitten von Marcel Hunziker, dem Kopf hinter PlayLive#Bern, vor die Bühne.

Doch das wirklich Erstaunliche war, dass es mucksmäuschenstill war, als Dinally die Saiten anschlug. Kein Getuschel, kein Geflüster. Ein dankbares Publikum hat sich der Veranstalter aufgebaut. In der heissen Luft des Kellers flimmerte eine gespannte Bereitschaft, sich auf die Melodien von Reza Dinally einzulassen. Wahre Musik-Sommeliers eben. Und Dinally verdankte es ihnen mit Songs, die er mit Raffinesse an den passenden Orten verschnörkelte, und mit seiner vor drängendem Leiden durchzogenen Stimme.

Strenge Frau und schüchternes Mädchen

Man hätte sie leicht übersehen können, diese kleine, zierliche Frau. Gekleidet in eine weite schwarze Hose und einer wallenden Bluse. Schlicht und ohne Schuhe stand sie da auf der Bühne. Keine Effekthascherei, die diese andächtige Szene zerstört hätte. Doch die Leute übersahen sie nicht, denn sie waren ihretwegen gekommen: Adna Kadic.

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Dann begann die erst 21-jährige Adna zu spielen, zu singen – begleitet von einem hypnotischen Wippen des Oberkörpers. Ihr Talent, das auf ihrem zweiten Album Run, Lucifer durchschimmert, erreichte auf dem kleinen Podest eine völlig neue Dimension. Unüberhörbar die Variation, die immensen Unterschiede zwischen dem gewaltigen Intro/Berlin und dem sanften Silent Shouts.

Adna bot ihre Lieder mit einer harten Strenge und einer unwiderstehlichen Leidenschaft dar, wie sie wohl nur bosnische Frauen haben. Gepaart mit dem schwedischen Nordwind wurde die Musikerin unnahbar und Freundin zugleich. Doch zwischen den Songs zerbrach die kühle Kruste, und mit den glitzernden Augen, dem schüchternem Lächeln und der Stimme eines verlegenen Mädchens erzählte sie etwas zu ihren Werken.

Dann spielte sie wieder und einige Besucher schlossen die Augen, liessen sich von Adna in melancholische Welten entführen. Fröhliche Songs? «I figured out, I have none», meint sie verschmitzt. Die schwarz-silberne Gitarre wirkte beinahe lächerlich gross vor dem zierlichen Körper. Dennoch schaffte sie es, mit wenigen Akkorden alle in ihren Bann zu ziehen.

Für Naive mag Adna wie ein ungefährliches, blutjunges Ding wirken. Aber dann plötzlich lässt sie die Trommeln aufmarschieren, die wummernd das Gewölbe erzittern lassen. Lonesome – die einsame Feldherrin. Und in der schwülen Luft unter der Kramgasse fuhr einem der eisige Shiver nur noch haarsträubender den Rücken hinab.

Das Berner Publikum applaudierte, johlte und pfiff, bis Adna wieder auf die Bühne und gestand, dass sie gar keinen Song mehr habe. Trotzdem spielte sie ein frisch geschriebenes Stück, ohne es geprobt zu haben. «Let’s give it a try…» – Es überraschte wohl niemanden, dass der Song makellos gespielt wurde.

Das Konzert von Adna Kadic war eine Wucht. Nicht, weil die Leute ausgerastet sind. Auch nicht, weil die Bühne durch imposante Gitarren-Wände erschüttert wurde. Nein, es war wie ein einstündiger, verträumter Flug; ein federleichter Fall, ein bleischwerer Luftsprung. Oder kurz gesagt: einfach schön.

Zuletzt bleibt nur zu hoffen, dass die Welt einen Blick für Talent hat und Adna die grosse Zukunft beschert, die sie verdient hat.