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«Black Mass» – Definitiv kein Kanadier

Voll infantiler Unschuld, wie ein Kind nun mal ist, wollte ich als kleiner Junge immer ein Gangster werden. Bankräuber vielleicht, oder Drogendealer. Abgeschreckt haben mich dann aber die unregelmässigen Arbeitszeiten und fehlenden Sozialversicherungen, und so sitze ich in meiner Freizeit hier und schreibe.

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Ich bin nicht unglücklich mit meiner Entscheidung, kein Krimineller zu werden. Derlei kleinliche Bedenken aber hatte James J. Bulger wahrscheinlich nie. Der Vollzeitgangster mit irischen Wurzeln nämlich stand Pate für die Rolle von Johnny Depp in seinem neusten Kinofilm Black Mass. Ähnlich wie auch schon im fulminanten Public Enemies, der auch von der stilistischen Machart her viele Gemeinsamkeiten mit dem aktuellen Gangster-Epos um den irischen Star-Mafioso hat, spielt Johnny Depp wieder mal eine jener von Sagen und Legenden umrankten Grössen aus der Unterwelt des Landes der unbegrenzten Möglichkeiten jenseits des grossen Teiches.

Wobei James J. Bulger, der gerne mal auch langjährige Freunde und Weggenossen halbtot auf den Mülldeponien Bostons abgeladen und seine steile Karriere mit regelmässigen Informationen an das FBI gefördert hat, bei weitem nicht die charismatische Ausstrahlung des Bankräubers aus Public Enemies hat. Wenn die Geschichte auch fesselnd ist, wird man mit dem Protagonisten nie wirklich warm.

Das liegt zunächst am kaum wieder erkennbaren Johnny Depp, der mit Halbglatze, Bauch und Vampiraugen den ziemlich unfreundlichen, leicht reizbaren Gangsterboss vor der Kamera mimt. Andererseits muss man mit jemandem vom Schlage Bulgers ja auch nicht unbedingt ein Bierchen trinken gehen wollen. Und wenn doch, sollte man dringend davon absehen, mit seinen Fingern ständig in die Erdnussschale zu greifen. Oder sonst irgendetwas zu tun, was den guten Mann in Rage versetzen könnte.

Zur Story des Film kann man sagen, dass sie vielschichtiger als eine doppelte Lasagne ist, obwohl ich nicht mit Sicherheit sagen kann, dass es doppelte Lasagnen überhaupt irgendwo gibt. Die Intrigen, die Machtspiele, der Verrat und die ständige Anspannung zwischen den Beteiligten ist der Kern, um den sich der Film über die Blüte des irischen Mobs unter Bulger dreht.

Die teils sehr drastischen Gewaltdarstellungen und der Himmel über Boston, der gefühlsmässig ständig grau zu sein scheint, bilden dabei eine gut abgestimmte Symbiose mit der Handlung und sind nicht einfach platte Mittelchen, um dem Zuschauer irgendwelche Grundstimmungen oder Sensationen zu vermitteln.

Als ob das alles nicht schon reichen würde, um sich den Film anzusehen, bietet er auch eine ganze Kompanie an Hollywood-Grössen. Irgendwie macht jeder mit, der irgendeinen Rang und Namen hat oder einst hatte. Sogar der ältere Herr, der ständig in Lana Del Rey’s Videos spielt, ist mit von der Partie. Die zweitbeste Freundin meiner Tante hat angeblich auch eine Einladung zum Casting erhalten. Hätte Lana Del Rey selbst noch einen Gastauftritt hingelegt, würde ich irgendwo, sobald ich die dafür zuständige Instanz nach langer Recherche im Internet gefunden hätte, dafür plädieren, dass man den Film zum nationalen Heiligtum erklärt. Zumindest bleibt mir der administrative Aufwand, den ein solches Vorhaben nach sich ziehen würde, nun erspart.

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Im Jahr 2011 wurde Bulger übrigens im Alter von 81 Jahren und nach langjähriger Flucht gefasst. Bevor ich den Film gesehen hatte, las ich bei Wikipedia auch, dass Bulgers Vater anscheinend kanadische Vorfahren hatte. Ich hatte mich innerlich darauf gefasst gemacht, dass der Mobster, seinen kanadischen Genen schuldig, jedem seiner Opfer ein «Sorry!» hinterher schmeissen würde. Vergeblich. Zumindest in dieser Hinsicht war der Film eine bittere Enttäuschung.

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