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Beinahe ausverkauft haben Bilderbuch das X-Tra am vergangenen Sonntag. Das audiovisuelle LSD der Österreicher sorgte für Ausgelassenheit. Weshalb sie trotzdem nicht die Lösung für all unsere Probleme sind. 

Die Sommerzeit macht muntere Menschen müde. Andererseits ist es Sonntag und die Sonne steht noch hoch. Sollte sie dennoch am Horizont versinken, leuchtet im X-Tra die Discokugel. Nur für alle Fälle… Dieses Versprechen machen zumindest Bilderbuch mit ihrem glitzernden Popsound.

Bilderbuch. «Was ist das für 1 Band vong Name her», um bei der «Sprache» unserer Zeit zu bleiben. Vermutlich gibt es zurzeit keine andere Musik, die den Zeitgeist der Generation Y besser erfasst. Ist Bilderbuch noch Musik oder schon ein Statement? Diese Aversion gegenüber traditionellen Songstrukturen, diese perversen Schnitte in den Arrangements…

Es ist nie ganz klar, ob es Klangkunst, Provokation oder bloss Dilettantismus ist. Vielleicht ist es genau diese Unschärfe, die Bilderbuch – ob es nun beliebt oder nicht – relevant macht. Ein Sound, überzuckert, plastinieret und entrückt, als sei er das perfekte Ebenbild der Gen fucking why. Subversiver lässt sich der Status Quo kaum kritisieren, aber mit Sicherheit nicht verborgener. Die Songs sind voller Codes und Slang, verpackt im Album Magic Life, dessen Cover so trashig ist, dass es problemlos in jedes Ranking der schrecklichsten Artworks kommt.

Nüchtern betrachtet spricht fast alles gegen Bilderbuch. Aber verdammt, wer ist heute noch Herr seiner Sinne? Tagtäglich pfeifen wir uns eine geballte Ladung Reizüberflutung rein: Katzenvideos, Pornos und Fotos von Essen. So what? Da kommt’s auf den einen Schuss klanglicher Desorientierung auch nicht mehr an. Und wer weiss: Womöglich finden wir ja endlich Befriedigung.

Tatsächlich zieht der Sound, dem die Massentauglichkeit vollkommen abgeht, die Masse an. Nicht nur die Jugend versammelt sich vor dem X-Tra: Graumelierte Herren mit Kaschmir-Schals, buschige Hipsterbärte, Jeansjacken und Neonfarben. Bilderbuch sind ein Phänomen mit mysteriöser Anziehungskraft. Es ist ihr Momentum. 1700 Besucherinnen und Besucher – «und ein paar Zerquetschte» teilt man uns mit. Nicht ganz ausverkauft, aber für eine österreichische Band definitiv respektabel, solange man nicht Gabalier heisst. Euphorie vibriert im renovierten Lokal am Limmatplatz.

Der Dämpfer kommt dann via WhatsApp. Zumindest für die fotografierende Zunft. Kein Fotograben. Natürlich steht er trotzdem, dieser Hindernisparcours aus Treppe und Verstrebungen – bloss wird da niemand hineingelassen. Deshalb gibt es nur noch dieses eine Bild des Konzerts:

Bild: David Schneider

Die Bestimmungen des Managements für die Fotografen lauteten:

«Fotos nur die ersten 3 Songs ohne Blitz. Es darf nicht von der Bühne aus fotografiert werden. Wir haben einen eigenen Fotografen auf der gesamten Tour dabei. Kein Filmen und Fotografieren in den Backstageräumen oder auf der Bühne.»

Nun, wir lieben den Stress. Bilderbuch mögen mit Popstar-Allüren kokettieren. Das ändert nichts an der Tatsache: Fotografieren aus dem Publikum bleibt Bullshit und bei so vielen Besuchern beinahe unmöglich.

Nach I <3 Stress frisst Zürich dem lasziven Maurice aus der Hand. Mit einem Knall fällt der schwarze Vorhang hinter der Bühne und enthüllt eine überragende Wand aus weissen Sneakers: sneakers4free! Der Jubel ist ohrenbetäubend und weiblich. Erste Gegenstände fliegen auf die Bühne.

Das wahrlich Bemerkenswerte ist nicht die leibhaftige Manifestation der Austropop-Idole, sondern das Auseinanderdriften ihrer Musik. Auf dem Album Magic Life bleiben die Songs eine schwammige Melange. Live heben sich die Elemente voneinander ab: Da hört man den melodiösen Pop, den Groove des Rock, das Feinfühlige des Souls, manchmal gar die bluesige Melancholie. Dass diese Kombination überhaupt greift, wird wohl nie ganz verstanden werden, macht aber die Faszination aus.

Oder es ist schlicht die dreiste Frechheit, mit der sich Bilderbuch vor aller Augen zu den Königen der Welt krönen. Das mutet ein «bisserl» strange an, erklärt aber die Aussage von Maurice im Interview mit Negative White:

«Wir haben wahrscheinlich dreimal mehr Selbstbewusstsein wie Falco.»

Spätestens da ist klar, was Bilderbuch wirklich sind: ein überzeichnetes Bild unserer Gesellschaft. Schrill, laut, unbeständig. Wirr und irritierend. Abgründig und aufsteigend. Bis zum Schluss des Konzerts ist man sich nicht sicher, ob die Band oder das Publikum sich der Sprengkraft dieser Stilisierung bewusst sind.

Aber ein diffuses Gefühl für die Grösse des Moments macht sich breit. Beatgetriebene Ausgelassenheit erfasst jede Faser. Audiovisuelles LSD, kombiniert mit literweise Alkohol, meisterlich orchestriert von einer Wasserstoffblondine. Der Frontmann Maurice nimmt mit seiner Präsenz eine göttliche Existenz an. Er dominiert die Aufmerksamkeit mit beinahe penetrantem Selbstbewusstsein. Keine Sekunde lässt er die Zügel los. Er schreit:

«Vor drei, vier Jahren waren wir noch im Eldorado! Heute sind wir hier!»

Das Offensichtliche kann niemand bestreiten: Bilderbuch sind weiter auf dem Weg nach oben. Innerhalb weniger Jahre füllen sie das X-Tra und ziehen vom smarten Business-Typ über den Normcore-Guy bis zum hippen Marketing-Fritzen alles und jeden in ihre Umlaufbahn. Ein Asteroidengürtel wie ein Querschnitt durch die Gesellschaft. Hallelujah! Sind Bilderbuch die Lösung für all unsere Probleme? Der kleinste gemeinsame Nenner für einen gesellschaftlichen Diskurs? Wohl kaum… muss man leider sagen. Obwohl der Dialog bei dieser ekstatischen Stimmung bestimmt durchschlagende Wirkung hätte.

Am Ende des Tages müssen wir dennoch ehrlich sein: Wir sind doch nur hinter dem Hintern her.