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Inmitten der Millionenstadt Berlin liegt der kleine Boxhagener Platz. Er ist nicht gross, aber er ist belebt. Und beliebt. Er glänzt durch seine Wochenendmärkte und den umliegenden Kiez. Er ist voll. Er ist laut. Vor allem aber ist er zuhause für Menschen aller Altersklassen und Lebenssituationen. Ein Zuhause, das viele Schicksale gesehen und überlebt hat.

Boxhagener Platz Berlin (Steffi Sonderegger)

Boxhagener Platz Berlin (Steffi Sonderegger)

ss.Wenn man mehrere Jahre in Berlin lebt, lernt man so einige Ecken dieser Millionenstadt kennen. Gerade als Neuling möchte man alles sehen, lernt viele Orte kennen, entdeckt mit viel Neugier und Freude die pulsierende Stadt. Mal verbringt man Zeit am Ku’damm in Charlottenburg, mal sitzt man in einem Café im Prenzlauer Berg. Alles muss probiert, alles muss entdeckt werden. Wer länger in Berlin lebt, geht seine üblichen Wege, hat seine festen Orte und seine liebsten Ecken. Dass es auch bei mir mal so sein wird, das konnte ich vor bald fünf Jahren noch nicht glauben, als es mich mit einem Koffer aus dem kleinen Schweizer Dorf in die grosse laute Weltstadt zog. Mit jeder Menge gesammelter Stadt- und Lebenserfahrung stehe ich nun ein paar Jahre später hier auf dem Boxhagener Platz und weiss: das ist einer meiner Lieblingsecken. Ein Ort, an dem ich oft, gerne, und immer wieder bin. Der Platz, dessen Reichweite man sich wohl erst grösser vorstellt, liegt im Herzen des östlich gelegenen Berliner Bezirks Friedrichshain. Leicht versteckt zwischen den kleinen Pflastersteinstrassen, umzäunt von Bäumen. Es ist kein idyllischer Platz. Keiner mit vielen bunten Blumen, auch keiner mit aussergewöhnlich viel Grünfläche. Nein, er ist nicht sonderlich schön, aber er hat Charme und vor allem Charakter. Und jeder der hierher kommt, jeder liebt ihn, den Boxhagener Platz.

Vor allem am Wochenende ist der Boxi, wie der Platz von vielen liebevoll genannt wird, ein Treffpunkt für Menschen jeden Alters und Lebensstils. Denn dann ist Marktzeit auf dem Platz. Samstags werden von 8 bis 14 Uhr frische Lebensmittel, Delikatessen und Blumen auf dem Wochenmarkt verkauft, sonntags sammelt sich alter Trödel zwischen künstlerischen Werken jeglicher Art und wartet zwischen 8 bis 18 Uhr auf dem beliebten Flohmarkt auf neue Besitzer. Fast immer auf dem Flohmarkt: ein skuriller, obdachloser Mann, der mit seinem Äusseren stark an Jack Sparrow aus Fluch der Karibik erinnert. Auch er verkauft zusammen mit seinem Sonnenbrillen tragendem Hund jeden Sonntag Bücher und Dinge, die er über die Tage hinweg zusammentragen konnte. Er gehört zum Boxhagener Platz, und fühlt sich dort zuhause, so erzählte er das in einer Dokumentation, die ich vor nicht allzu langer Zeit im Fernsehen gesehen hatte. Eine sehr interessante Dokumentation. Jedes Mal, wenn ich auf dem kleinen Platz stehe, denke ich daran. Auch an den älteren Mann, der wohl immer auf seiner Bank sitzt, und sich nicht vorstellen kann, irgendwo anders zu sein als auf dem Boxhagener Platz. Er, so erzählte er in der gleichen Fernsehdokumentation, war bereits als Kind im Krieg hier zu Hause, und musste zusehen, wie sein Vater erschossen wurde. Erschossen an einem Baum auf dem Boxhagener Platz.

Könnten die Pflastersteine des Platzes reden, sie hätten wohl viel zu erzählen. Seit 1900 gibt es ihn, den Boxi, seitdem hat er viele Geschichten und Schicksale erlebt. Auch heute spielen sich noch täglich kleinere Dramen ab auf dem Platz. Denn auch jetzt findet man noch traurige Einzelschicksale vor. So sind zwischen den verliebten Pärchen oft einsame Obdachlose mit ihren Hunden zu sehen. In der Hand ein Bier und mit dem Anschein, den Sinn ihres Lebens zu suchen. Für sie ist es wohl weniger wichtig, was aus dem Boxhagener Platz geworden ist in den letztn Jahrzehnten: ein Treffpunkt für Hunderte von Menschen jeden Tag, Tag für Tag. Einer in Mitten von kleinen, liebevoll eingerichteten Läden in denen man Schmuck, Bekleidung und jede Menge Leckereien kaufen kann. Er ist umsiedelt von köstlichen Lokalen und Cafés und nur ein Sprung entfernt vom bekannten Simon-Dach-Kiez, der durch seine Bars und Restaurants hervorsticht. Die Strassen um den kleinen Platz sind längst zu beliebten Wohnungplätzen geworden. Trotz den steigenden Mietpreisen wohnen hier inzwischen viele junge Familien und kreative Köpfe aller Art. Die Kreativität des Viertels wiederspiegelt sich auch in den Strassen und auf dem unweit entfernten Raw-Kulturareal: überall entdeckt man sowohl kleine als auch grössere Streetart-Kunstwerke.

Für die einen ist der Boxhagener Platz aus geschichtlichen, schicksalsbewegten Gründen ein Zuhause. Für andere, wie auch mich, gibt er einem das Gefühl, gut aufgehoben zu sein zwischen all den Menschen aller Kulturen, zwischen Kreativität und freiem Denken, zwischen altem Trödel und frischen Schnittblumen. Trotz der vielen Menschen, der Autos und dem Klingeln der Fahrräder, die den Platz ständig passieren, scheint die Zeit über dem Boxhagener Platz manchmal still zu stehen. Dann, wenn der Mann mit der teuren Aktentasche die zersauste Frau mit der Bierflasche in der Hand akzeptiert. Dann, wenn laut Musik gemacht wird, Menschen auf den Seilen tanzen und Kinder laut darüber lachen. Der Boxhagener Platz ist ein Ort voller Leben. Einer, der mir immer wieder von Neuem ein Lächeln ins Gesicht zaubert.

Mehr Informationen:

Boxhagener Platz

 

Fotos: Steffi Sonderegger