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Im gut gefüllten Jazzclub «Moods», im Arrondissement Escher Wyss, in der, dieser Tage fast schon sinnlich malerischen Zwingli-Stadt, weihten Mitte April die Jazz-Absolventen der ZhDK (Zürcher Hochschule der Künste) ihr Album ein. Ikarus, so der Bandname, benannt nach der Figur aus der griechischen Mythologie, präsentierte ihre aller erste Scheibe zur Taufe, welche auf den rüstigen Namen «Echoes» hört. Auch Negative White hörte für dich hin und ließ dabei den Kopf in die Höhe steigen. Ziehst du nach? Oder lieber den Kürzeren?

ikarus_echo

An jenem besagten Abend saß ich mit meiner bezaubernden Begleitung, – die ansonsten  eine Menge übrig hat für Cappuccino und Led Zeppelin -, im Gestühl des Jazzclub «Moods» und wir beide lauschten aufmerksam der Ansage der Konzertveranstalterin. Die «Moods»-Dame brabbelte nochmals all die Namen der Musiker vor, wies uns darauf hin, wie außerordentlich schön sie es fände, dass wir alle da waren, und wie sehr sie es dann auch zu schätzen wisse, hier so was «Lässiges» und «Ausgeflipptes» auf die Beine zu stellen. Die Leute kopfnickten ihr bei. Bei letzter Silbe fing die «Moods»-Dame dann auch schon an, mit ihren fleischigen Pfötchen zu klatschen, um die Musiker auf die Bühne zu bitten. Wir taten es ihr gleich, applaudierten den Künstler wohlgemeinten Mut zu, spülten noch ein wenig Weißwein nach und waren allmählich gespannt, wie Pfeil und Bogen. Unter uns gesagt, wann bitteschön kriegt man Absolventen, frisch von der Akademie, von dieser Kaderschmiede ZHdK unter die Nase? Ich mustere die schweren Stoffvorhänge am Bühnenrand, als mir dieser Gedanke durch den Kopf geht und patsche nach den Salzstängelchen im Salzstängelchen-Schälchen vor mir. Normalerweise wandern die doch gleich weg ins Ausland, diese ZHdK-Virtuosen. Dahin wo es Personenfreizügigkeit ad Infinitum gibt, keine materiale Ermüdung herrscht und Jazz, naja halt einfach Jazz ist,- oder noch weiter und weiter studiert werden kann (vor ein paar Tagen sogar, lud unser Bundesrat – unsere helvetische Hausmacht quasi-, den leidgeprüften Monsieur le President Francois Hollande zum Staatsbesuch in die ZHdK ein. Aber ja doch, die Balletttruppe der Zürcher Hochschule zeigte dem höchsten Franzosen, den die Grande Nation aufzubieten hatte nämlich, wie eine helvetische Kapriole gefälligst auszusehen hätte, et alors !?).

Reif von der Staude gepflückt, ist dieses Jazzensemble also – Ikarus (!)- zum Verschleiß vorbereitet, dessen ich mit sämtlicher Kraft, qua Gehörorgan, zu verschmausern’ bereit war! Das Jazzensemble ließ noch halbes Weilchen auf sich warten. Die Bühne steht still und stolz da. Und auf dieser, in ein dunkles Schwarz gehüllt, breiten Bühne, liegt ein wohlgeformt großer, merkwürdig melancholisch wirkender Kontrabass, schimmernd im goldgelben Rampenlicht. Gleich daneben, seltsam anmutig und schweigsam, steht der glänzend schwarze Flügel. Kantig und auffordernd aufgeklappt, zum abtasten bereit. So einer, fällt mir ein, wollte meine Mutter schon immer mal haben, aber ich schweife ab. Mein Augenpaar lenkt zur Perkussionskulisse des heutigen Soiree, dem Schlagzeug, mit seinen tiefen Trommeln, seinen hellen Kesseln und warmen Becken, den Pedalen und kupferfarbenen Hi-Hats, die aussehen, wie zwei blonde Siamkatzen aus Susi und Strolch. Die Bühne wurde von den beiden schweren, dunkelroten Vorhängen zu beiden Seiten eingezeichnet. Ich kralle abermals nach etwas salzigem Gebäck aus dem runden Schälchen. Ein älterer Herr vor mir spielt auf seinem Handy Karten.

Aufgeregt und bestimmt wandern die Künstler auf die Bühne. Nehmen Platz und in die Hand, was ihres ist, womit sie sich auskennen, womit sie musizieren, gehen in sich, warten ab. Ich werde bei Livemusik immer seltsam klerikal, aber wo sonst, als bei der Musik – mit ihren weihvollen Pathos). Dann, völlig unerwartet, ich habe mich, wie gewöhnlich nicht vorher informiert, weil das bekanntermaßen die Vorfreude trübt, nehmen zusätzlich zwischen Kontrabass, Piano und Perkussion zwei Vokalstimmen, die beiden Sänger von Ikarus, Stefanie Suhner und Andreas Lareida die Bühnenmitte ein. Wie zwischen den Tälern und Bergen der Phantasiewelt in Mozarts Zauberflöte sind sie, die beiden, gleichsam wie Papagena und Papageno in palmwaldartige Federkostüme gehüllt. Es wird noch einmal ganz still und man hört nur noch leise, leise entfernt, ganz ganz weit Hinten, den Knacks zweier Schneidezähne, die sich gerade über ein Salzstängelchen her machen, was wiederum auf jenes Geräusch folgt, auf ein Schmatzen, bei dem das Abgebissene, das abgebissene Salzstängelchenende, um es genau zu sagen, das dann langsam an der Innenbacke eines Menschenmauls nach hinten wandert, sich in Richtung Stockzähne kaut.

Schillernd und geheimnisvoll macht Ikarus den Auftakt. Lucca Fries am Piano, der chirurgisch in die Tasten haut, Töne an- ein und versetzt, ein Schlagzeug, eine ganze Armada aus Perkussionselementen, gepaukt von Ramon Oliveiras, die vor sich hin dribbelt, antreibt, dann schnaubend, entfesselt davon galoppiert, wie wildgewordene Hufe. Ganze Geräuschkulissen prasseln auf das unschuldige Weißwein trinkende Volk in ihrem Gestühl im Jazzclub nieder. Darüber gelegt, der Gesang der beiden Hübschen, Lareida und Suhner, im Federwald- Kostüm, der aus Lauten und Tonleitern, aus Duh’s und Bab’s, aus Deeh’s und Uh’s gekupfert ist. Mal lang gezogen, mal stakkato. Der Bass wiederum, bezupft von Mo Meyer, spielt die warme Komponente des Abends aus, er schneidet, sanft wie mit einem Frühstücksmesser, durch warme und kalte Butter, lässt von sich hören, verschwindet wieder, bleibt cool und blitzt wieder auf. Manchmal hat man das Gefühl man erwischt ein Hauch Bossa Nova in den Echoes von Ikarus, danach wird’s wieder erzählerisch: Dooh-Dooh, Beebha und Dooh-Dab, die fünf Virtuosen spülen nacheinander Toncollagen  mühelos und unverkrampft in unser aller Ohr, und freuen sich dabei riesig, gleich über sich selbst. Ikarus bespielt eine Erzählung, ohne Zweifel. Aber welche? Als das Ensemble zum Stück Locrya ansetzt, hab ich Lianen, verrauchte Nebelschwaden, ganze Reihen und Episoden an Dschungelmystik vor dem inneren Auge flimmern: dicke blaue Käfer, die miteinander tanzen (den Käferwaltz), elegant, satt und vergnügt ihre dicken Bäuche auf den dünnen Beinchen halten und Pirouetten drehen. Dazu große, farbig exotische Früchte, die plaudern, miteinander schwatzen, sich gegenseitig mit ihren Blättern und Stacheln kitzeln (Deebah-dooh) und durchs Dschungelgeäst huschen kichernde farbenfrohe Fantasievögel, die umherfliegen und launischer Engelsgesang von sich geben (ich hatte wohl zu viel Salzstängelchen im Blut). Dann, Gemurmel, ein sakrales Om, dazu rohes Pianoklimpern. Immer wieder setzt der Ikarus-Komponist am Schlagzeug, Ramon Oliveiras, neu an und zeichnet abermals Kulissen und Collagen, er bedient die Hi-Hats, gibt das Tempo durch: Eine Vokalstimme mimt eine Sirene, eine andere murmelt teuflisch was unverständlich Schönes in den Bühnenboden, keucht und zirpt ins Mikrofon, dass es eine wahre Freude ist (Raggataga-uffz, Bim-raaadamz). Gepaart wird diese Klangwelt mit imaginativen Visuals – das Auge hört mit! Stille und Sturm, Drang und Klang, Schall und Hall ist es, was Ikarus uns über die Ohren stülpt (Dee -Daah, Duhbah). Nur spärlich Zeit hat man, um sich das auf der Zunge zergehen zu lassen, die Farben und Töne sind herausfordernder Jazz. Etwas pfauenhaft möchten nüchterne Ohren anmerken, die es gewohnt sind mit Beats und Chorus im Ohr den Alltag zu bestreiten. Dieser eine Gedanke: Ihr werft Perlen vor die Säue, liebe Virtuosen und was für welche (!), macht sich in meinem Kopf breit, in dem fast nichts mehr, so scheint es jedenfalls, Platz hat. Ich hab die Ohren voll, voll von diesen lyrischen Hymnen, gestehe ich mir widerwillig, mit meinem Salzstängelchen bewaffnet, ein. Und je länger ich darüber nachdenke, manifestiert sich diese Überlegung, zusammen mit diesem Salzgebäck, diesem harmlosen Fingerfood, diesem Stängelchen aus Salz und Getreide, das ich hilflos umklammere, als mir Echoes wild um die Ohren saust.

Wer schwelgen mag, wer auf spirituelle Ästhetik Wert legt und bei Melodienstimmen feuchte Äugelein kriegt, wer Arvo Pärt ganz okay findet, mag Echoes, mag Ikarus – Jabadooh-Daah!