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Der Berliner Singer-Songwriter Tom Lüneburger veröffentlichte im Januar diesen Jahres sein neustes Soloalbum «Head Orchestra». Eine Reise durch Altbekanntes und neue Fremde.

Es ist irgendwie anders, das neue Album von Tom Lüneburger. Head Orchestra nennt es sich. Sein Albumcover ist in schrillen Farbtönen gehalten. Der Künstler ist in geduckter Haltung zu erkennen, übergossen von einer Farbexplosion im wahrsten Sinne des Wortes. Die starken Farben, der explosive Charakter des Covers lässt die Erwartungen auf das dritte Werk des Berliner Künstlers steigen. Ein Künstler, der sich sonst stets durch seine sehr reduzierten und Songs einen Namen machte. Ein Künstler, der immer mit seinen Texten punktete, und diese nicht gross zu inszenieren brauchte.

Tom-Lueneburger_head

Verlust ist das Thema des dritten Studioalbums des Berliners. Mit Losing You steigt der 42-jährige Künstler bereits beim ersten Titel direkt ins Thema ein. Lüneburgers Stimme, die Melancholie, die ausgeklügelten Worte – ein gewohnter Klang in den Ohren und dennoch fehlt in diesem Fall das Reduzierte. «Mehr Pop» schreibt er selber zu Head Orchestra. Und mehr Pop ist vorhanden. Der Gegensatz dazu liefert der darauf folgende Song Stop And Turn Around: Der ruhige Einstieg, die zarte Musikuntermalung – die Intensität des Song uns seiner Geschichte ist in der gewohnten Lüneburger-Art zu spüren. Where Do We Go hingegen wirkt irgendwie verfremdet und distanziert. Die Nähe und Zugänglichkeit, die der Singer-Songwriter sonst so gut zu schaffen vermag, scheint hier verschwunden zu sein hinter Musikspuren aus etlichen Effekten. Dem ähnlich ist der Song Turn The Lights On: Nur wenige Sequenzen des Tracks wirken ungekünstelt. Wer direkt zu To The Clouds springt, entdeckt eine Perle, die das musikalische Können, die Raffinesse und Emotionalität in einem Song vereint. To The Clouds kommt ganz ohne Effekthascherei aus. Tom Lüneburgers Stimme und die dazugehörige Akkustik-Gitarre reichen vollkommen aus. Der Song Hopelessly beginnt mit ruhigen Klängen, Lüneburgers klare Stimme, seine Worte berühren. Wären da nur nicht diese lästigen Elektrobeat, der plötzlich einsetzt und die Stimmung des Songs auf eine völlig unerwartete Art und Weise zerstört. Auch Pillow wirkt wie ein Experiment, bei dem nicht sicher ist, ob es dem Künstler würdig ist oder nicht. Die starken Textelemente versinken in steigernden Effektarrangements, die aussagekräftige Stimme Lüneburgers geht völlig verloren. Gelungener ist die musikalische Untermalung bei If You Were Here – zumindest zu Beginn des Tracks. Futuristisch angehauchte Effekteexperimente lassen einen zum Ende des Songs vergessen, dass es sich hierbei um Album eines Singer-Songwriters handelt. Mit Lost At Sea geht Tom Lüneburger zurück zu seinen Wurzeln. Eine schöne Popnummer, die locker, flockig daher kommt und mit textlichen und musikalischen Stärken glänzen kann. Rooftop ist vermutlich die stärkste Nummer des Albums – oder zumindest die Intensivste. Die begleitenden Klavierklänge, die melancholischen Worte Lüneburgers gehen tief und berühren. Nicht umsonst ist auf seiner Webseite zum Album zu lesen: «Es geht um die Auseinandersetzung mit Angst und Schmerz, dem wandeln auf dem schmalen Grat zwischen wehmütiger Melancholie und völliger Verzweiflung.» Rooftop trifft alles davon.

Head Orchestra repräsentiert einen Tom Lüneburger, der sich weiterentwickeln möchte. Ein Künstler, der sich nicht ausruhen möchte, daran arbeitet, weiterzukommen in seinem kreativen Schaffen. Die Ansätze in Richtung Elektro-Pop zeigt er in einigen seiner Songs des neuen Albums. Ausgereift und überzeugend wirken sie dennoch – im Vergleich zu den Tracks der ursprünglichen Lüneburger-Art – nicht. Sie verlieren an Kraft, an emotionaler Intensität, vor allem aber verlieren sie an Glaubwürdigkeit. Nichtsdestotrotz ist Head Orchestra insgesamt ein Album, das angenehm zu hören ist und zwei, drei wirkliche Perlen versteckt.

Release
23. Januar 2015

Label/Vertrieb
Rainbow Home Entertainment (Warner)

1. Losing You
2. Stop And Turn Around
3. Where Do We Go
4. Turn The Lights on
5. To The Clouds
6. Hopelessly
7. Pillow
8. If You Were Here
9. Lost At Sea
10. Rooftop

Aufgepasst: Auf der Special Edition des Albums sind neben den üblichen zehn Songs noch drei zusätzliche zu finden. Sowohl Restless Heart, On A Tree als auch Until The Sun sind im typischen Lüneburger-Stil gehalten: schön reduziert mit Akkustikgitarre und starke Stimme.