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Ich durfte im Namen von Negative White, dem momentan wohl abgedrehtesten Online-Magazin zwischen dem finnischen Kemijärvi und Ouagadougou, Ekat Bork interviewen. Wir plauderten und warfen uns Blicke zu, wobei ich anfangs so zittrig war wie der Zürcher Regierungsrat Graf, nachdem der gut riechende Carlos wieder hinter schwedischen Gardinen sass.

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Die russisch-stämmige Sängerin Ekat Bork (Foto: Janosch Tröhler)

Ich hatte wenig Schlaf letzte Nacht, wofür ich meine süffisante Geselligkeit verantwortlich mache. Meine Geselligkeit bei Bier, Wein und Menschen, die frühmorgens, wenn es lästig klingelt, erst einmal ihrem Wecker eins in die Fresse hauen. Mit einer gedrehten Fluppe zwischen den Zähnen und einem einreihigen Herren-Sakko an, der mir zwar stand, zugleich aber kernobstgrosse Schweißperlen auf meine Stirn triefen liess, stand ich also da. Ich stand vor dem Schiffbau in Zürich, gleich beim Festivaleingang und wartete auf den gutgelaunten Italo und seine Popkünstlerin, die ich interviewen sollte. Das m4music-Festival verfütterte seinen hungrigen Gästen braunbärbraune Bratwürste, liess den Bierzapfhanen fröhlich flüssiges Gold sprudeln und es kleckerte gelben Senf auf Pappteller, dass der Frühling herzhaft lachte.

Als mein Sargnagel allmählich nieder äscherte und ich kurz ein paar Worte mit einem geschätzten Kollegen meinerseits wechselte, fuhr dann auch schon der große schwarze Geländewagen mit Tessiner Nummer vor. Mein geschätzter Kollege hatte noch weniger Schlaf als ich erwischt und die Mucke begann ihm langsam aber sicher auf den Sack zugehen. Er war die ganze Nacht schon dort und es würde auch heute,ein längerer Tag für ihn werden, worauf er etwa so scharf war wie milder Thomy-Senf.
Item – („Item“ übrigens, ist eine veraltete satzverknüpfende Partikel, die hat schon Luther benutzt.) Item – drehte ich mich also um und da standen die beiden auch schon: eine schöne, schlanke, langbeinige Blondine mit eisblauen Augen und ein gut gelaunter Signore im Karohemd, mittleren Alters, und einem Hut auf. Wären wir in einem Gangsterstreifen gewesen, hätte man die beiden für Bonnie und Clyde halten können (obwohl, zu einfach ist doch dieser abgelatschte Analogieschluss, naja, ich lass ihn halt mal so stehen). Mit einem Dreitagebartlächeln zwinkerte der Manager mir zu, wir schüttelten eifrig Hände und ich schlug vor, dass wir uns in einem  Lokal ein Drink zur Brust nehmen sollten. In einer Bar, um das Interview gleich dort, ein wenig Abseits der Menge, durchzuführen.

Wir stöckelten also ins Les Halles. Ich wollte eigentlich Bier, nahm aber ein Panaché, als sich herausstellte, dass der Manager nur ein Glas Wasser und Ekat, die Superblondine, einen Kaffee wollte. Ich drehte mir erneut einen Glimmstängel und kringelte etwas Rauch in die Luft, alsbald ich dann auch schon auf „Aufnahme“ drückte:

Ekat Bork, so heisst die schöne Sängerin mit den langen Beinen, stammt ursprünglich aus Russland. Genauer gesagt aus Ussuriysk, „a few hours of train“ von Wladiwostok am japanischen Meer entfernt. Aus einem Kaff also, wo sich Tiger und Hase „Gute Nacht“ sagen. Aus sehr bescheidenen Verhältnissen kommt sie und mit 16 haute sie von Zuhause ab. Wohin? 9’556 Kilometer mit dem Zug nach St. Petersburg, wo sich noch Träume verwirklichen liessen oder zumindest den Anschein hierzu erweckten. Tag ein Tag aus übte sie den Silberblick in Peter City, spielte in diversen Bands, sang mit Strassen-Troubadouren, Freigeistlern und Tunichtguten der übelsten Sorte. Schlief mal da, mal dort, ass, wenn es was zu essen gab und paffte genüsslich russische Tabakware aus den Lungen, als hätte sie den alten Horaz mit dem „Carpe Diem Slogan“ allzu wörtlich genommen. Den lieben langen Tag also, bis sie plötzlich am Lago di Lugano im Tessin sass, Eisbecher schlürfte und älteren, mit Sandalen bewaffneten Deutschschweizer Touristen beim Ferienstress zuguckte. Etwas Kohle musste her, Bildung und eine Aufstiegsmöglichkeit zur Künstlerkarriere, als sie merkte, dass sie in der idyllischen Schweiz gelandet war.

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Eine sprudelnde Frau mit neckischem Blick (Foto: Janosch Tröhler)

 

Das Teenagerleben in Russland ist grundverschieden. Entweder hast du alles oder du hast nichts. Meine Familie war arm, konservativ und irgendwie simpel. Ich besaß im Grunde nichts bevor ich in die Schweiz kam.Ekat Bork

 

Negative White: Die Schweiz, eine Disneywelt nicht wahr? Verwöhnte Kids und anständige Bürger. Schön, sauber, geordnet und gepflegt.

Ekat Bork: „Das seh‘ ich gar nicht so. Gut ja, es hat was märchenhaftes. Aber auch, dass ich hierherkommen konnte, passt ganz gut mit dem Bild des Märchens zusammen. Ich wollte weg aus Russland, abhacken. Ich bin ganz gerne für mich alleine. Ich genieße jetzt die Natur. Das konnte ich noch nie.“

Du studiertest Musik.

„Richtig. Ich begann mich auch für Komposition zu interessieren. Ich merkte, dass ich in St. Petersburg, die Zeit um mich wirklich um Musik zu kümmern, nicht fand. Ich wusste, dass ich noch einiges zu lernen hatte und entschied mich für die CPM in Milano.  Nahm Gesangsunterricht und studierte kontemporäres Schreiben und Produktion.“

 Wie kam es zu einem Plattendeal?

„Ich traf Sandro Mussida, der Sohn des der berühmten Guitarrenvirtuoso und  Direktor der CPM. Er empfahl mich Silvio Cattaneo von Ginkho Editions & Records.“

Wo Maestro Mussida Worte fand, schenkte Silvio, Ekats Manager, der Stimme von Miss Bork Gehör. Er merkte, dass die Dame mehr als die ausgelatschten Alltagsradiocharts zu bieten hatte und fasste sich Mut. „Ab ins Studio!“, dachte sich der abenteuerlich-ehrgeizige Geschäftsmann und schaltete die Mikrophone auf ein.

„Ich schreibe die Lyrics, die Musik. Wir sind ein kleines eingeschworenes Team. Mit Silvio diskutiere ich meine Musik, wir arrangieren uns zusammen und nehmen mit ausgewiesenen Musikern aus beliebigen Musikgenres Tracks auf.“

Auf deiner Scheibe hört man Pop, Rock und Soul raus. Auch elektronische Musik ist zuhören. Magst wohl nicht in eine Box gesteckt werden, woher kommt die Vielfalt?

Ekat schlägt Beine übereinander und lacht: „Ach, Wir spielen einfach zusammen. Gehen ins Studio und Jammen vor uns hin. Wir fühlen die Musik und haben Spass dabei. Ich glaube wir sind sehr ehrlich miteinander und deshalb funktioniert die Arbeit auch. Was die Einflüsse angeht. Ich mag nicht alles benennen und in eine Box gedrängt werden, dafür mach ich keine Musik.“

Wie sieht dein Alltag aus, gibt’s da was Abgefahrenes?

„Alleine Musik zu schreiben, die Möglichkeit etwas aufzunehmen und zu musizieren ist schon abgefahren genug. Ich verdanke meinem jetzigen Umfeld, was ich an musikalischem Einfluss bekomme, sehr viel. Ich hatte nur spärliche musikalische Möglichkeiten als ich aufwuchs. Ich singe zwar seit ich 6 bin. Aber bei mir zuhause gab es nur russische Traditions-Volksmusik.“ Frau Bork rollt mit den schönen Augen.

Was heißt Veramellious?

„Ein Wortspiel.“ Die Dame lacht. „Ich hab‘ mal anstatt meraviglioso veramiglioso gesagt. Wir mussten alle darüber lachen. Silvio meinte, das hat doch was und daraus ein english-italienisches Veramellious gemacht und wir beschlossen die Platte so zu nennen.“

Was hältst du von all den X-Factor-Shows und Castingprogrammen in der Glotze?

„Die Leute werden da regelrecht betrogen. Es geht nicht um Musik, sondern darum bei jeder Sendungstaffel einen Sieger beziehungsweise einen Loser zu erküren. Was es bedeutet, Musik zu schreiben, zu fühlen, hat nichts mehr damit zu tun. Was die Leute lockt, ist der schnelle Ruhm, den sie vermeintlich für eine ganze Sendungszeit innehaben, geraten sie doch ach so schnell in Vergessenheit, wenn es darum geht den nächsten Haudegen zu finden, der den Clown spielt.“ 

Die Scheibe Veramellious bietet nicht nur verschiedene Einflüsse aus diversen Genres. Die Natürlichkeit, die sich im Gespräch mit ihr bemerkbar macht, kommt stark zum Ausdruck. Sie vermag es Balladen mit schaurigschönem Etepetete zu trällern und ein paar Tracks weiter spielt sie das „Rrrriot Girl“. Wer auf Vielfalt steht, kriegt bei der schönen Russin glänzende Äuglein. Noch steht sie am Anfang ihrer Karriere und die Musikbranche mit ihren Biebers und Gagas könnte ganz gut einen Tapetenwechsel ertragen (Nastrovje!). Doch ein gutes Pferd springt nicht höher, als es muss! Und Ekat? Säuft momentan noch etwas Wasser am Trog, bevor ihr der Husarenritt, der Durchbruch, gelingt. Deutschland, die Schweiz, ach‘ was red ich,  die Welt will sie erobern und Silvio verrät mir, dass sie bereits an einem neuen Album werkeln. Die beiden wollten noch nicht allzu viel verraten, aber eines ist sicher, dass die beiden mit dem richtigen Mix aus Ehrgeiz und Coolness den Popstarhimmel in Angriff nehmen. Und das, geschätzte Hörvermögende, lässt mich jetzt auch ganz bewusst eine Phrase frotzeln, wie zum Beispiel: Schwuppdiwupp, „a new star was born“!

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Ekat Bork im Interview vor dem Lokal „Les Halles“ (Foto: Janosch Tröhler)