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The Libertines spielten im ausverkauften X-Tra eine Mischung aus Nostalgie und in Musik abgefüllte Sorglosigkeit.

(Foto: zvg)

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Sie haben sich gefunden, sind abgestürzt und rauften sich nochmals zusammen: The Libertines.

Damals – um die Jahrtausendwende – waren die Freigeister um Carl Barât und Pete Doherty so was wie die letzte letzte Hoffnung für Sex, Drugs and Rock’n’Roll. Ein Zeitportal in die wilden Siebziger, das alle magisch anzog, die ums Verrecken nicht erwachsen werden wollten.

Der fahlhäutige Frauenschwarm Doherty war der schlimmste von ihnen. Ein Wüstling, der sich und sein Umfeld genüsslich in den Abgrund riss. Die Stimmung zwischen den Freunden Barât und Doherty war zum Ende so mies, dass Securitys die beiden im Studio voneinander fernhalten mussten. Die Trennung war keine Überraschung.

Geht’s hier um Kunst oder Kohle?

Barât widmete sich darauf seinen eigenen Projekten und verschwand in der Versenkung. Doherty wurde als Babyshamble und Skandalnudel an Kate Moss’ Seite zum Liebling der berüchtigten englischen Paparazzi.

Es muss 2009 gewesen sein, als sie merkten, dass sich der Indie-Legendenstatus nicht mehr so gut auszahlte. Also legten die beiden Streithähne 2010 ihre Differenzen für zwei Festival-Shows beiseite und kassierten rund 1,2 Millionen Pfund. Vier Jahre danach war das Geld schon wieder alle – eine Reunion musste her. Und am 11. September 2015 kam mit Anthems for Doomed Youth das erste Album seit elf Jahren.

Ich sitze im Büro und lasse mir die Geschichte durch den Kopf gehen. Im Hintergrund läuft Gunga Din, das Bier bekommt langsam eine kondensierte Perlenkette um den Hals.

Die Reunion hat etwas Anrüchiges: Geht’s hier um Kunst oder Kohle? Für die Libertines zahlt es sich jedenfalls aus; das Konzert in Zürich ist ausverkauft. Innerlich bereite ich mich auf den Wahnsinn vor und schnappe mir schnell einen Millenium-Burger. Die waren früher auch mal grösser.

Sie spielen beherzt, mit Nachdruck und Freiheit.

Unablässig werden die Besucher an der Eingangskontrolle abgefertigt. Im Saal wärmen Reverend & The Makers – mehr schlecht als recht – die stetig wachsende Meute auf. Eine bunte Ansammlung von alten Möchtegern-Jungen und jungen Möchtegern-Alten, die die guten Zeiten verpasst haben. Nüchterne, Betrunkene, Eltern mit Kindern, Hipster, Mods und Normalos. Ein Querschnitt durch die Gesellschaft, die – in gespannter Erwartung – dem Ruf gefolgt ist: Der Verheissung der ewigen, verdammten Jugend.

Die grosse Frage des Abends lautet also: Können die Libertines das Versprechen einlösen?

Mittlerweile ist der Saal rappelvoll. Die Menge rumort ununterbrochen. Deutsch, Englisch, Französisch – eine multilinguale Geräuschmaschine. Ein konstantes Brummen, Gurgeln und Summen.

Der schwere, rote Vorhang versperrt die Sicht auf die Bühne. Sakrale Opulenz trifft auf Rebellion. Die zweite grosse Frage ist natürlich: Werden sie pünktlich sein? Um es kurz zu halten: Nein, sind sie nicht. Aber auch nicht grossartig zu spät, sondern irgendwie genau richtig.

Der Vorhang öffnet sich unter Gejohle. Carl Barât stolziert mit einer Fluppe im Mundwinkel auf die Bühne. Dann beginnen die Lautstärker unter Powells Trommelschlägen zu knacken. Das X-Tra bleibt auch heute ein akustischer Albtraum.

Allen Widerständen trotzend, drehen die Libertines den Hahn gleich voll auf. Becher fliegen durch die Luft. Ein Gebräu aus Bier, Schweiss und Euphorie sammelt sich auf den Holzdielen.

Nun spielt es keine Rolle mehr, ob die Reunion des Geldes wegen stattfand. Wenn, dann kaschieren sie es hervorragend. Fakt ist: Sie spielen beherzt, mit Nachdruck und Freiheit.

Die lästige Frage ist längst im Alkohol ertränkt worden.

Die Libertines sind auf dem besten Weg, ihren Mythos zu bestätigen. Vor mir springt ein ergrauter Herr wie ein junges Reh auf und ab. Die Band macht mit The Man Who Would Be King ein für allemal klar, wer die unangefochtenen Herren verspielter Gitarrenmelodien sind. Jede Note schreit, dass sie den Indie-Rock geprägt haben wie keine zweite Band.

Mit You’re My Waterloo steigern sie sich in den Liebeskummer, um gleich danach den Schmerz in Gunga Din zu betäuben. Die Leute schreien, tanzen. Pure Ausgelassenheit. Hitze. Die lästige Frage ist längst im Alkohol ertränkt worden.

Mit Music When The Lights Go Out kehren die Libertines für die Zugaben zurück. Zürich singt aus vollen Lungen mit. Doch die Musiker sind erschöpft, fallen aus dem Takt. «I no longer hear the music.» Dann küsst Doherty Barât, sie lallen von Back To The Future, Donald Trump und Mary Poppins. In der Hauptstadt des Dada darf man das wohl.

Nach der Zugabe sind die Betrunkenen etwas betrunkener, die Nüchternen angeheitert, die Verliebten schon aufdringlich. Und alle sind etwas geschafft. «Ich bin nass bis auf den Schlüpfer», meint eine junge Frau und fasst sich zwischen die Beine.

Nein, die Libertines bringen nicht die ewige Jugend. Sie lassen dich aber wenigstens für einen Augenblick deine Sorgen vergessen. Und ist das nicht das Schöne an der Jugend? Die Sorglosigkeit, dass jeder Tag dein letzter sein könnte. «Live fast, die young». Die Libertines verkörpern diese Unbesorgtheit mit jeder Faser ihres musikalischen Zwirns.