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Wer denkt die Chippendales sind die einzigen, die irgendwelche Gefühlsausbrüche fabrizieren, der war definitiv nicht am Anathema-Konzert. Nein, natürlich haben Anathema keinen Striptease hingelegt. Es war ein Akt von musikalischem Liebesspiel.

2014-10-07 - Anathema - Artikelbild

Lee Douglas gab alles. (Foto: Matt Hoffmann)

Ort des Geschehens:  Z7, am 05. Oktober 2014

Die nichts ahnenden Gäste mussten einen beschwerlichen Weg auf sich nehmen. Da die Strasse zum Z7 durch eine Baustelle nicht begehbar war, musste ein kleiner Umweg in Kauf genommen werden, der im strömenden Regen nicht sehr angenehm war. Nun ja – wir waren beim Strömen der Menschen und nicht des Regens. Die Vorband haben wir leider verpasst, dennoch waren wir froh im Trockenen zu sein. Eine gewisse Routine schleicht sich ein, wenn man öfter im Z7 ist. Ein bisschen Smalltalk mit den anderen Fotografen, man freut sich, einander mal wieder zu sehen. Auch die Security wird mit festem Händedruck (ihrerseits) begrüsst. Man ist also angekommen und wartet auf den Beginn eines Konzertes. Diesmal aber war es anders. Wer Anathema kennt, der weiss wie gefühlvoll sie ihren Aternative Rock, wie Wikipedia es nennt, präsentieren. Man weiss nie, was kommt.

Das Z7 war zu diesem Zeitpunkt gut zur Hälfte gefüllt, was mich eigentlich etwas verwunderte, denn es ist ja nicht irgendeine Band. Nun gut, dann sind das alles Kenner, denke ich mir, und mische mich sachte unter die Wartenden vor der Bühne. Es geht los – freudige Erwartung macht sich breit, denn ich bin ja auch ein Kenner und weiss, dass Anathema einfach wunderbar sind.
Natürlich zeigt man das gegen aussen nicht. Die übliche Pose – hüftbreiter Stand, Arme verschränkt, wir wollen ja keine Vorschusslorbeeren verteilen. So stehe ich nun auch da. Bis die ersten Klänge das Publikum erreichen. In rotes Licht gehüllt wartet die Bühne auf ihre Akteure. Und der Akt, der nun beginnt, ist nur mit einem Liebesspiel zu vergleichen. Anathema schaffen eine Atmosphäre die mit nichts vergleichbar ist, was ich kenne.

Die Stimmen von Vincent Cavanag und Lee Douglas harmonieren wie das perfekte Paar. Da es dies nicht gibt, schleichen sich subtile Ecken und Kanten in den Gesang, die das Hörerlebnis nur bereichern.
Ein dämliches Grinsen schleicht sich in mein Gesicht. Eben ein solche,s welches man halt ein «twisted smile» nennt. Und genau so fühle ich mich auch. Berührt und verdreht von der Liebe auf der Bühne, sehe ich mich endlich um und muss feststellen, alle schauen mit einem dämlichen Grinsen auf die Bühne. Die Musik ist also wie ein kleiner Orgasmus. Belustigt von dieser Feststellung spaziere ich ein wenig umher und es fehlt tatsächlich nur noch schwerer roter Vorhangstoff und in der Luft hängendes Parfüm, welche dieses Gefühl verbildlicht hätten.

CD ausverkauft!

Ok, ich gebe es zu, ich kaufe selten CDs an Konzerten. Aber die wollte ich haben. Liebesakt zum Mitnehmen. Aber nein, die CD ist ausverkauft! Ja, gibt es denn so was? Der nette Mann am Merch erklärt mir, dass das nicht das erste Mal ist und die Scheibe wirklich einmalig ist. Auch wenn er das sagen muss, er sagt die Wahrheit. So kaufe ich halt ein Shirt. Hauptsache etwas, was mich an dieses wunderbare Konzerterlebnis erinnern wird, denke ich mir. Nun kann ich nicht mal sagen, welche Songs in welcher Reihenfolge gespielt wurden. Es war ein einziges Ganzes. Man könnte jetzt sagen alles klingt ein wenig gleich, aber das wäre falsch. Jeder Song ist ein Einzelstück. Alle zusammen ein viel grösseres Stück.

Nichts anderes als das, was jede Band macht?

Bands stehen in der Regel auf der Bühne mit ihren Instrumenten und lassen uns an ihrem Handwerk teilhaben. Das war auch bei Anathema der Fall. Aber eben die Art und Weise war es. Jedes der Mitglieder der Band hatte seinen Moment im Spotlight. Das haben auch andere Bands, aber Anathema schaffen es, die einzelnen Elemente wie das Pianospiel oder ein Gitarrenintro so lange wirken zu lassen, dass man Erinnerungen an ein Archive-Konzert pflegt. Bis es den Zuhörer fast zerreist und dann, erst dann geht es in ein Sentiment, welches man geschrieben nur unzureichend wiedergeben kann.

Anathema waren sicher schon mal rockiger und dynamischer unterwegs, aber Distant Satellites vereint dennoch alles, was man von ihnen kennt. Es reisst mit, lässt schwelgen und träumen. Sie begeistern einfach einmal mehr mit ihrer konsequenten Diversität.