13 ist keine Unglückszahl: Das Amphi-Festival 2017

Zur Freude der Besucher und Veranstalter bedeutete die Zahl 13 kein Unglück für das Amphi-Festival in Köln, sondern zwei wunderbare Tage. 12’500 Besucher konnten ein tolles Wochenende mit altbekannten und neuen Talenten verbringen.

Das Amphi-Festival wurde dieses Jahr mit eingängigem Synth-Pop von Empathy Test eröffnet und sorgte damit für einen entspannten sowie wohlklingenden Start. Getragen von der Melodie konnte man das wieder vielfältige Marktgeschehen erkunden oder sich vor der Mainstage schon einmal eintanzen.

Verrücktes Wetter

Chrom spielten im strömenden Regen. Bild: Marco Aversano

Das war auch bitter nötig, denn sonst hätte man sich spätestens bei Chrom eine amtliche Zerrung geholt, denn diese legten ordentlich los. Kurz vor ihrem Auftritt platzte allerdings ein richtiger Regenschauer vom Himmel.

Wer jedoch dachte, dass dies zu einem Mangel an Zuschauen führte, der irrte. Der sintflutartige Regen brachte das Publikum keineswegs ins Trockene nach drinnen; nein, es wurde einfach enger unter den schützenden Schirmen vor der Mainstage zusammengerückt um ja nichts zu verpassen. So stand einem gelungenen Auftritt von Chrom nichts mehr im Wege. Perfekt zum Song Staring at the Sun zeigte sich selbige prompt und trocknete in Sekundenschnelle alle Pfützen.

Wo wir gerade beim Thema Wasser sind: Tanzwut wurde nicht nur mit tosendem Beifall begrüsst, auch wurden sie bei ihrem Song Meer von einem Meer aus in die Höhe gestreckten Händen begleitet. Das war ein Anblick der im Gedächtnis bleibt.

Für und mit den Besuchern

Währenddessen gaben Torul für ein ziemlich gefülltes Theater ein Alternativprogramm zu dem Mittelalter-Rock im Freien. Leider war der Bass der jugendlich aussehenden Musiker so laut eingestellt, dass man sie auch ausserhalb der Halle sehr intensiv hören konnte. Dies stiess nicht bei allen Besuchern im Inneren auf Gegenliebe.

Hatten ordentlich Bass drauf: Torul. Bild: Marco Aversano

Zum Thema Theater Stage muss man nochmals die Einlassproblematik aus dem vergangenen Jahr aufgreifen. Man merkte, dass dem Amphi-Festival seine Besucher wichtig sind, denn es wurden einige Anregungen aus dem vergangenen Jahr umgesetzt. So wurde die Einlasssituation zum Theater verbessert. Die Absperrung des Geländes wurde so erweitert, dass im Regelfall ein reibungsloser Ein- und Ausgang zur Theater Stage gewährleistet war.

Auch wurde beim Haupteinlass eine getrennte Schlange für Besucher mit Taschen, die grösser als Din A5 waren, eingerichtet. Dies sorgte nicht nur für einen schnelleren Einlass, es ermöglichte auch noch das Mitführen von grösseren Taschen (die zu Recht ganz genau kontrolliert wurden), was bei anderen Festivals dieser Art schmerzlich vermisst wird. An dieser Stelle ein Dankeschön an die Organisatoren die ein Festival für und mit ihren Besuchern gestalten.

Plan B

Wem mehr nach klimatisierter Atmosphäre war, hatte noch die Möglichkeit die für ein Festival luxuriös ausgestattete MS-Rhein-Energie zu besuchen und dem abwechslungsreichen Programm auf der Orbit Stage zu lauschen.

Hier gab es leider nur ein Problem. Aufgrund der Tatsache, dass der Rhein einen sehr niedrigen Wasserstand hatte, war es dem Schiff nicht möglich auf der Rheinseite des Festivalgeländes anzulegen. So musste das Schiff und mit ihm auch die Orbit Stage kurzerhand auf die andere Seite verlegt werden. Eine sehr missliche Lage, die aber durch den Veranstalter bestmöglich kompensiert wurde. So wurden extra für die Festivalbesucher kostenlose Shuttlebusse eingesetzt, die alle zehn Minuten zwischen dem einen und dem anderen Rheinufer pendelten. Bei einer Fahrtzeit von zehn bis 15 Minuten war dies eine annehmbare Alternative zum kompletten Wegfall der Orbit Stage und somit eine gute Lösung für ein Problem das niemand voraussehen konnte.

Schräge Vögel und Regenbögen

Dr. Mark Benecke war auch in diesem Jahr wieder als Festivalmoderator dabei und stimmte das Publikum ordentlich auf den Auftritt von Lord of the Lost ein. Diese waren, wie gewohnt, klassisch in Schwarz und Weiss geschminkt. Jedoch schien sich ein sehr auffälliger Farbtupfer auf die Bühne verirrt zu haben. So war ein Band Mitglied in einem glitzernden, regenbogenfarbenen Discoanzug mit grünen und pinken Stiefeln unterwegs. Es tat schon ein wenig weh, dieses Farbenspiel mit anzusehen, aber es sorgte in jedem Fall für Erheiterung. Unabhängig davon kann man nur Sagen Lord oft the Lost haben den Tanzbrunnen ordentlich gerockt und Songs wie Prison und The Love of God zum Besten gegeben.

Was fürs Gemüt

Die Gothic-Rock-Urgesteine von Diary of Dreams begeisterten. Bild: Marco Aversano

Diary of Dreams sorgten bei den weiblichen Festivalbesuchern für Freudenschreie. Besonders bei The Wedding waren die Damen von dem Sänger mit seiner dunklen Stimme und der wallenden Mähne restlos begeistert. Bei Traumtänzer stimmten dann auch die Herren mit in einen Chor ein, der für Gänsehaut sorgte.

Während es bei Fields of the Nephilim sehr melodisch und wie in einem Tagtraum aus den 80ern zuging, legten im Theater Nachtmahr mit militärischer Präzision los. Schon wenige Augenblicke vor dem Auftritt der Band, die in diesem Jahr ihr 10-jähriges Bestehen feiert, war das Theater zum bersten gefüllt. Zum Bedauern einiger Fans führte dies zu einem Einlass-Stopp im Theater. Diejenigen, die jedoch einen Platz in der Halle ergattern konnten, wurden von adrett gekleideten Damen durch den Auftritt im aufgeheizten Theater geführt.

Altbekannte Klassiker brachten Fields of the Nephilim ans Amphi. Bild: Marco Aversano

Akzeptanz, Toleranz und ganz viel Liebe

Danach war eine Pause bitter nötig um sich auf eines der absoluten Highlights des diesjährigen Amphis vorzubereiten: VNV Nation. Zwar waren die Herren bereits oft zu Gast am Kölner Tanzbrunnen, jedoch gleicht keine Show der anderen.

Mit einer Mischung aus Klassikern und neueren Songs feierten sie gemeinsam mit dem Publikum den Abend. Leider war ihr Auftritt nicht pannenfrei. So schien Ronan Harris sich bei den ersten beiden Songs selber nicht zu hören zu können, und dann schlichen sich zu allem Unglück auch noch Textpatzer ein. Aber dem sympathischen und humorvollen Frontmann kann man sowas einfach nicht übel nehmen. Es tat der Stimmung keinen Abbruch und es wurde gemeinsam drüber gelacht.

«Schämt euch nicht für das, was ihr liebt!» Ronan Harris von VNV Nation. Bild: Marco Aversano

Mr. Harris liess es sich auch nicht nehmen, sein Publikum mit in die Show einzubeziehen. Er pausierte seinen Auftritt zum Beispiel kurz um einen Teil des Publikums aufzufordern, etwas Platz frei zu machen um die Sicht für einen Fan im Rollstuhl  frei zu machen, damit auch dieser das Konzert akustisch und optisch geniessen konnte. Eine wundervolle Geste.

Darüber hinaus macht die Toleranz und das Engagement dieser Musiker auch vor Fabelwesen nicht Halt. So wurde ein auf einen Stab steckendes Einhorn eines Fans kurzerhand Teil der Show. Er schnappte sich das Ding und hielt einen kurzen Plausch mit ihm – also dem Einhorn. Der Name Johannes für das Einhorn löste bei ihm übrigens Bedauern aus, denn dies sei kein passender Name für ein Einhorn. Mit dem Einhorn in der Hand gab er in Köln den Besuchern mehr als eine Botschaft mit auf den Weg.

«Halt dein Einhorn hoch! Es ist komisch, aber schäme dich nicht dafür. I support his love for a fairytale creature! Schämt euch nicht für das, was ihr liebt!»

Mit diesen Worten und einem musikalischen und emotionalen Feuerwerk fand der erste Tag für das Amphi-Festival 2017 ein würdiges Ende.

 

 

Wäre der zweite Tag nicht immer wieder von leichten Regenschauern durchzogen gewesen, könnte man sagen, dass dieser das perfekte Wetter für ein Gothic-Festival hatte. Leichte Bewölkung, nicht zu warm und nicht zu kalt. Umso entspannter und angenehmer war der zunächst trockene Start in den Tag.

Marktgeschehen

Während Massive Ego, M.I.N.E und Lucifers Aid den Morgen und Vormittag gestalteten haben wir uns auf dem Amphi-Markt umgesehen. Dabei fiel auf, dass besonders das Händlerangebot die Gothic-Festivals um einiges vielfältiger und zahlreicher ist als bei anderen Festivalarten. Viele der Händler boten Kleidung für fast alle unterschiedlichen szeneüblichen Bekleidungsstile an und darüber hinaus ein riesiges Angebot an schön anzusehendem (wie man in Köln so schön sagt) Tinnef. 

Bild: Marco Aversano

In diesem Jahr wurden den anspruchsvollen Besuchern sogar kostenlose Massagen zur Verfügung gestellt. Die Gesundheit und das Wohlbefinden sollen ja nicht zu kurz kommen. Auch das Essensangebot wurde verbessert und erweitert. Bezogen auf das Essen wurde auch das Preis Leistungsverhältnis verbessert (was bereits seit einigen Jahren bemängelt wurde) und das Sortiment wurde um einen Foodtruck erweitert, der auch vegane Speisen anbot.

Das günstigere Amphi-Wasser und die kostenlosen Wasserstellen erfreuten sich grosser Beliebtheit und stellten eine Wasserversorgung auch bei heissen Temperaturen und kleinem Portemonnaie sicher. Vergleicht man das Amphi-Festival mit anderen Festivals, könnte man schon fast von einem Luxusfestival sprechen.

Zurück zur Musik

Nachdem Stahlmann die mit Neuer Deutschen Härte irgendwie an Rammstein erinnerten, stellten die Herren von Das Ich ihre Professionalität unter Beweis. Denn Sound-Probleme oder eine defekte Mikro-Halterung brachten das eingespielte Team und ihr bewegliches Bühnenbild nicht aus der Ruhe. Da wird selber einfach solange zum Panzertape gegriffen, bis es hält, und währenddessen wird noch eine gute Show abgeliefert. Solche Pannen nimmt man mit Humor!

Trotz technischer Probleme lieferten Das Ich eine gute Show ab. Bild: Marco Aversano

Insgesamt schienen sich die technischen Probleme wie ein roter Faden durch das ganze Festival zu ziehen. Auch The Other hatten auf der Theater Stage damit zu kämpfen, was den Gruselfaktor der Horrorpunker jedoch nicht schmälerte. Schön schaurig präsentierten sie sich und ein Pakt aus ner ganzen Menge Songs wie Skeletons in the Closet das in jeder Faser des Körpers für Bewegung und geile Stimmung sorgte. Da darf man gespannt sein auf das im Oktober erscheinende Album Casket Case.

Krasse Visage bei den Horrorpunkern von The Other. Bild: Marco Aversano

Auf die Fresse

Entschuldigt bitte die Ausdrucksweise. Aber anders und passender lässt sich das, was man von Hocico und Combichrist gesehen haben nicht beschreiben. Hocico, die es bereits seit 1993 gibt, heizten mit einem Trommelgewitter und einem Sound dem Tanzbrunnen ein und stimmte die Besucher auf die nachfolgende Truppe um Andy LaPlegua ein.

Alte Hasen sind sie, Hocico. Bild: Marco Aversano

Combichrist haben überrascht und umgehauen. Das ganze Amphi-Festival war in Bewegung und der Frontmann heizte die Stimmung noch mehr an. Zwar bezeichnete Dr. Benecke diese im Vorfeld als «sehr höfliche und freundliche Jungs», aber davon war auf der Bühne nichts mehr zu sehen. Das führte sogar zu einem auf dem Amphi-Festival nicht ganz üblichen Moshpit. Egal ob bei What the fuck is wrong with you oder Get your Body Beat überall waren tanzende Menschen. So eine aufgeladene Stimmung habe ich selten erlebt.

Ganz viel Gefühl

Nach so viel Wut war erstmal wieder etwas Liebe bei Letzte Instanz im Theater notwendig. Ganz entspannt wirkten alle am Auftritt beteiligten und auch das Publikum ließ sich von der guten Laune bei einem bunten Strauss aus verschiedenen Songs  unter Anderem von ihrem Album Liebe im Krieg mittragen.

Grosses Aufgebot

Das Daniel Myer Project hatte zum Abschluss leider auch Probleme mit der Technik zu kämpfen, aber nachdem diese behoben wurden, konnten sie mit einem weitreichenden Künstleraufgebot punkten. Gemeinsam gestalteten sie einen elektronisch-kreativen Abschluss des Tages im Theater.

Professionelles Posing-Pose: Rock God

Den krönenden Abschluss für zwei wunderbare Tage lieferten Eisbrecher mit einer gewohnt guten Show und einem wie immer charismatischen Sänger. Nach Willkommen im Nichts gab es ein professionelles Posing (drei Posen, eine kreativer als die andere) für alle, die ein Foto machen wollten und ein grosses Dankeschön an alle anwesenden Presseleute mit der Bitte an das Publikum, die Handys während des Konzerts runterzunehmen.

Handys runter! Bild: Marco Aversano

Diese Aufforderung war auch notwendig. Auch uns ist aufgefallen, dass das Phänomen des Dauerfilmens mit Handykameras grundsätzlich zugenommen hat, in diesem Jahr aber scheinbar seinen Höhepunkt erreichte. An dieser Stelle ein kleiner persönlicher Appell:

Geniesst doch das Konzert durch eure eigenen Augen, macht ein zwei Fotos für die Erinnerung und dann weg mit den Handys. Damit macht ihr nicht nur den Fotografen und dem Zuschauer hinter euch das Leben leichter, auch die Musiker werden es euch danken. Denn die freuen sich sicher auch mehr über einen Blick auf lachende Gesichter und klatschende Hände als auf Blitze und Handyrückseiten.

Nach diesem Aufruf lieferten Eisbrecher, die geborenen Entertainer, ein abwechslungsreiches Konzert mit viel guter Musik, Kostümwechsel und Jodel- und Rap-Einlagen.

Mehr bleibt an dieser Stelle wohl auch nicht mehr zu sagen. Das Amphi-Festival ist ein Event, das einem jedes Jahr mit etwas Neuem und etwas Bekannten begrüsst. Immer wieder gerne.