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Während sich die Menschheit Gedanken darüber machte, ob unsere Rechner den Millenniumssprung schaffen oder wir den Totalausfall der Geschichte erleben werden, zelebrierten wir in Zürich – und sicher nicht nur da – einen anderen Totalausfall. Wir kifften uns das Hirn in aller Öffentlichkeit in andere Sphären und es interessierte wirklich keinen.

Es ist heutzutage kaum mehr vorstellbar, aber es war tatsächlich mal richtig easy auf der Chinawiese in Zürich zu kiffen, bis dir die Birne wirklich in den Wolken hing. Wenige bis keine strafenden Blicke von Passanten, denn es war einfach immer so. Die entspannteste Zeit meines Lebens auf einer Wiese am See.

Kurz vor der Jahrtausendwende – Oh mein Gott, klingt das lange her – also vor 17 Jahren war es in Zürich für einen Kiffer noch richtig schön. Es gab Geschäfte, die Hanf in allen Varianten, aus allen Kantonen unseres Landes verkauften. Kannst du dir nicht vorstellen? Ich mal dir ein Bild:

Du konntest damals in diverse Läden gehen. Die meisten fandest du im Judenviertel in Wiedikon. Mein Präferierter lag aber mitten im Niederdorf gleich hinter dem Hirschenplatz und wurde liebevoll «Paradiesli» genannt. Zu Beginn kamst du da an und wurdest von Räucherstäbchenduft und vielen lustigen Dingen, wie Bongs in psychedelischen Farben, allerlei Tüchern in ebenso farbenfroher Pracht und vielen lustigen Accessoires wie Aschenbecher, die mit kiffenden Trollen bestückt waren, willkommen geheissen.

Das Verkaufspersonal in diesen Geschäften war meist ein bisschen verpeilt, aber da waren richtige Fachfrauen und -männer am Start. Meistens mussten sie noch schnell einen angerauchten Joint weglegen oder sie waren in Fachliteratur vertieft, bevor sie dir den Setzkasten präsentierten. Nicht irgendeinen Setzkasten, nein, da waren meist an die zwanzig Sorten Gras zu entdecken. Die Entscheidung war manchmal richtig hart, denn es roch einfach alles so gut! Ich bevorzugte Produkte aus dem Wallis. «Purple Skunk» hiess das grüne Wunder mit den pinken kleinen Blütenfäden. Einfach herrlich war das. Du hast einen angemessenen Preis bezahlt und den Laden mit einer duftenden Tasche Auszeit und zufriedenem Gesicht wieder verlassen.

Wir waren nie im Chinagarten

Der nächste Gang? Ab zur Chinawiese! Mit dem Tram bis zur Höschgasse, dann geradeaus in Richtung See laufen. Es war nicht zu verfehlen, denn der Duft von verrauchtem Cannabis war schon von weitem zu riechen.

Unser Grüppchen hatte sich oft schon im Kreis versammelt und dampfte, was das Zeug hielt. Man bedenke dabei, dass der THC-Gehalt damals noch ein anderer war. Während dir heute bis zu 35 Prozent in die Birne knallen, gaben wir uns mit 3,5 bis 7 Prozent zufrieden und hatten die tollsten Gespräche dieser Welt, wie wir damals fanden: Ob uns das Universum verschluckt oder ob wir alle eigentlich Sterne sind. Hast Du schonmal überlegt wie es wäre, wenn die Welt ein Bakterium ist, welches an einem Kaugummi am Schuh eines Riesen klebt? Wir schon!

Es gab nichts, worüber wir nicht in der Lage gewesen wären, zu philosophieren. Oft verbrachten wir das ganze Wochenende dort. Im Sommer bis in die frühen Morgenstunden. Der spiegelnde See vor uns, der Chinagarten hinter uns – in dem wir nie waren. Wir zelebrierten das richtig. Wir bastelten auch keine Filter aus den VBZ Tickets. Das war uns zu Mainstream. Wir hatten die teuren Filterpapierchen vom Block, weil das einfach mehr Stil hatte. Das Gras wurde in einer eigens dafür gemachten Mühle gerieben, damit auch kein Ästchen das Papier zersticht. Und vorwärtsgerollte Joints gingen gar nicht. Wir wollten ja kein Papier zuviel rauchen. Aber eins kann ich dir sagen: Nach einem durchgerauchten Tag, drehst du keinen Joint mehr rückwärts, denn deine Motorik hat gelitten.

Stadtpolizei Züri Grüezi!

Du fragst dich bestimmt, ob die Bullen von damals uns nicht aufhalten wollten. Doch, das wollten sie! Das lief dann ungefährt so ab: «Grüezi, Stadtpolizei Züri! Würdet Si bitte de Joint weglegge?» – Und wir dann so: «Grüezi, aber selbstverständlich doch!»

Der Joint lag brennend im Gras, die Polizisten waren zufrieden und zogen weiter. Mehr Probleme konntest du lediglich bekommen wenn du dich auf deine Rechte als freier Bürger und Meinungsfreiheit berufen hast. Dann konnte es schon passieren, dass deine Personalien aufgenommen wurden. Mehr aber auch wirklich nicht. Wir dealten ja nicht rum am See, wir hatten einfach eine gute Zeit. Und der Eiswagen war strategisch immer so platziert, dass wir geradeaus zu heiss begehrter Ware kamen, wenn der Mund und die Kehle trocken wurden. Mann, so geiles Eis hatte ich nie wieder!

Kulturelle Unterschiede – Misstrauen?

Es gab viele Menschen, die am See Produkte aus Hanf verkaufen wollten. Nicht jeder war vertrauenswürdig. Es kursierten krasse Gerüchte. Gestrecktes Gras war noch ein harmloses davon. Schlimmer war es zu hören, dass auch mit Heroin versetze Ware im Umlauf sein sollte. Aber sowas hab ich nie erwischt. Es war damals schwierig an Piece zu kommen. Vor allem das rote Piece stand auf unserer Beliebtheitsskala sehr weit oben. Er genoss den Ruf, absolut spitz zu machen. Er war aber schwer zu bekommen. Nur wenn die Marokkaner am See waren, bestand eine geringe Chance, welches zu finden. Gut also, wenn man Connenctions hatte. Sahid, unser Lieblingsmarokkaner steuerte immer auf uns zu, sobald er uns auf der Wiese entdeckte. Viel hatte er nie dabei, aber er stand auf unseren Purple Skunk. Dafür teilte er mit uns seinen roten Afghanen, die Gruppe wuchs. Als dann noch Francis aus Nigeria dazu kam, waren wir Multikulti. Den Kopf auf dem Bauch vom Hintermann chillten wir so die Wochenenden und Abende durch – sorglos.

Der grosse Knall

Dass dieser sorglose Umgang lange so bleiben würde, damit hatte niemand gerechnet. Doch die Hoffnung stirbt zuletzt. Ganz zum Ende dieser Ära schlug man sich mit Passwörtern in den Geschäften rum, die auch gar nicht mehr nach solchen aussahen.

In Wipkingen besuchte ich zuletzt einen Teppichladen und musste fünfzig Gramm Garn bestellen um an Gras zu kommen, welches nicht mehr die Qualität hatte, die ich mir gewohnt war. Auch mit dem Aussuchen war da endgültig Schluss. Ein Laden nach dem andern schloss von einem Tag auf den anderen. So fühlte sich das zumindest an.

Es wurde schwieriger an qualitativ hochstehende Ware zu kommen. Man hatte zu nehmen, was man bekam, und wagte es nicht zu reklamieren, wenn da viele Samen drin waren, die den Rauchspass sehr schnell zu einem unangenehmen Erlebnis werden lassen konnten. Die Beschaffung artete wirklich in Stress aus, weil, um an ein Passwort zu kommen, musstest du dann wieder irgendwen kennen, der irgendeinen kennt und so weiter.

Das Ende

Ich denke, das war der grosse Tag für alle Kleindealer. Alles lief nur noch auf privater Ebene und man kam sich auf einmal ein bisschen kriminell vor.

Mein letzter Kleindealer war an der Rosengartenstrasse zu Hause. Da alle meine Freunde auch Gras haben wollten und er wirklich noch gute Ware besass, war ich mit glatten 1000 Franken im Business-Dress auf dem Weg dahin. Ich hatte keine Ahnung, wie viel Gras ich für die 1000 bekommen würde, aber eins sage ich dir, es war viel zu viel für meine Handtasche.

Ich setzte mich auf dem Heimweg also neben einen offensichtlichen Kiffer und stank mit meiner Tasche vor mich hin. Der Kiffer erntete böse Blicke und ich versuchte auch ein bisschen empört zu schauen, während ich die Nase rümpfte. Es roch nicht mehr, es stank – wirklich. Die Krönung meines letzten Einkaufes lag darin, dass ich bei einer Männergruppe nach einem Feuerzeug fragte, als sich einer von ihnen mit dem Polizeiausweis umdrehte und mich höflich darauf hinwies, mich zu entfernen: «Es findet hier gerade eine Razzia statt, gute Frau!»

Ich bin in meinen Pumps und der Stinktasche nach Hause gelaufen! Nehmen sie nicht das Tram, gehen sie nicht über Start: Ich wäre in U-Haft gekommen mit dieser Menge. Meinem Businessdress und mir hätte das nicht gepasst. Die Entscheidung, dass dies der letzte Einkauf war, fiel nicht schwer. Dies war also das Ende dieser wunderbaren, stressfreien Ära. Ich wünschte jedem Kiffer, dass er das noch hätte mitmachen können.