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Wenn es das perfekte Konzert gäbe, so kamen The Pretty Reckless dem Ideal ziemlich nahe. Durch Bühnenpräsenz und musikalische Vielfältigkeit wie sie immer seltener geboten wird erlebte das Publikum am 5. März im Komplex Klub ein Konzert der Extraklasse.

Endlich. Endlich! Endlich wieder diese Extase. Endlich wieder die Spannung, das Mitgehen; endlich wieder eine Ausnahme, eine Entdeckung. Endlich wieder einmal ein Konzert, bei dem es keine Erlösung darstellt, wenn die Sängerin den letzten Song ankündet. In dem Meer aus all den kleineren und grösseren, besseren und durchschnittlicheren Gigs, die heutzutage – glücklicherweise – überall en masse gespielt werden, ist es immer schwieriger, Perlen zu finden; und die meisten nennenswerten Funde haben dann doch einen Makel, sind nicht ganz rund oder glänzen nicht wirklich. Nicht so The Pretty Reckless.

Es ist eher andersherum: wer glaubt schon, dass eine Schauspielerin aus der US-Serie Gossip Girl (2007-2012) als Sängerin etwas taugt? Die von der Volkskrankheit der Reichen und Schönen angesteckt worden zu sein scheint und deshalb beide Berufe ausführen muss? Wenige glauben das. Und das ist zugleich Fluch und Segen der Figur Taylor Momsen. Denn einerseits sind sie und ihre Band deshalb als Perle so wertvoll: Sie sind noch nicht gefunden worden. Der grosse Durchbruch ist ihnen noch nicht gelungen, weder zu Hause noch hier. Andererseits sind sie eben noch nicht gefunden worden. Und der grosse Durchbruch lässt eben immer noch auf sich warten.

Totenkopf im Engelskostüm

Musikalisch überzeugen The Pretty Reckless von der ersten Sekunde an. Momsens Stimme hebt sich durch Sicherheit in den tiefen und ein aufgeregtes Kreischen in den hohen Lagen von anderen Gesangsstimmen ab und sie klingt so saugut (vor allem, wenn es nicht wirklich Töne sind, die aus ihrem Mund kommen), dass man nicht einmal mehr Mitleid mit ihren Stimmbändern haben kann (was diese aber allerdings verdient hätten). Das Versteckspiel, dass die Sängerin mit dem Publikum spielt, heizt zusätzlich ein: man kann nicht sagen, ob es eher ihre markant schwarz geschminkten Augen oder ihre lange blonde Mähne ist, hinter der sie sich verbirgt; schlussendlich ist es beides, und das Publikum himmelt den blonden Totenkopf an als wäre nichts dabei.

Und nicht nur Momsens blonder Haarschopf fällt auf: Gitarrist John Secolo, der aussieht wie eine Wachsfigur und sich auch so bewegt (was nichts daran ändert, dass sein Gitarrenspiel exzellent, sein Gesang durchaus unentbehrlich ist) fallen die Jimmy Page-/Slash-/Jack White-Locken ins weisse Gesicht, Drummer Nick Carbone erinnert etwas an Jesus. Und Bassist Matt Chiarelli macht die nicht so üppige Frisur mit einer umso unnötigeren Sonnenbrille wett. Und alles passt, denn man kann nach diesem Konzert nicht sagen, welcher Song am besten war, weil alle schlicht perfekt gespielt wurden.

Reckless an die Macht

Die Texte und die Musik von The Pretty Reckless treffen den Nerv der Zeit, zumindest für einen Teil der Jugend. Die vollkommen verschiedenen Bandmitglieder zelebrieren bis zum Anschlag Leidenschaft und Lust und verurteilen larmoyante Schnulzen darüber, wie schrecklich hart das Leben ist.

Die fast ausschliesslich jungen Leute im Komplex Klub sind wie ihre Idole: feiernd und fordernd. Nicht klagend und konsumierend. Die meisten von ihnen sind zwar auffällig unscheinbar, ein junger Herr hält Hells Bells zwar erst für Highway To Hell und dann für Thunderstruck (aber egal, die Rolling Stones sind die Rolling Stones… oder wie war das?!) und eine junge Dame informiert jeden, der es hören muss undezent über den nächsten Schritt («Oh mein Gott, jetzt gömmer ab, oh mein Gott»); aber es herrscht ein Konsens über die Genialität dessen, was sich auf der Bühne abspielt, der selten so spürbar ist.

Und nachdem die Radiomusik wieder einsetzt teilt sich die Masse, man zeigt sich die schweissüberströmten T-Shirts und die blauen Flecken und bahnt sich den Weg in die regnerische Nacht, Teil einer Gruppe die erwacht aus einem grausam befreienden Albtraum.