Ein Passwort wird per E-Mail an Sie geschickt

Das dritte Album «Closure» von Adna ist die vorläufige Vollendung ihres unverkennbaren Sounds.

Musik hinterlässt einen Eindruck, wenn sie einzigartig ist. Wenn sie die Gleichförmigkeit durchbricht und die Tür in einen unbekannten Kosmos aufstösst.

Solche Musik bleibt die Ausnahme. Denn sie kann nur von einem kleinen Kreis von Künstlern geschaffen wrden. Es sind jene Menschen, die nicht nur Musik um der Musik willen machen. Es sind jene, deren Musik das Produkt eines Triebes ist. Es geht ums nackte Überleben. Für diese Menschen ist Musik wie Wasser – ohne kommt der Tod unerbittlich.

Adna Kadic ist einer jener Menschen. In jeder Strophe, jeder Not spürt man es: Sie macht das, wozu sie bestimmt ist. Die Schwedin mit bosnischen Wurzeln lebt in Berlin und hat trotz ihres jungen Alters bereits zwei Alben veröffentlicht. Night von 2014 war der ungeschliffene Diamant. Schritt für Schritt tastete sich Adna an ihren eigenen Sound heran. In nur einem Jahr war ihr Universum auf Run, Lucifer erschaffen. Ein Album, das so stark und definitiv klingt, als stünde es am Ende einer Karriere.

Das ist keine bequeme Ausgangslage für eine junge Musikerin. Das dritte Album Closure ist die Fortsetzung der Geschichte, aber eine mit zwei möglichen Enden: Entweder wird Adna ihren Aufstieg fortsetzen. Oder sie muss sich eingestehen, dass bereits mit Run, Lucifer der Gipfel erreicht wurde und nur der Abstieg bleibt.

Auf die eine oder andere Weise wird die Karriere von Adna fortgeschrieben. Dieser Seiltanz im Ungewissen macht Closure jedoch schon zu einem faszinierenden Schauplatz.

Verletzliche Lieder

Das neun Stücke umfassende Album wird vom gleichnamigen Song Closure eröffnet. Der Kampf beginnt mit Trommeln, treibend und drängend. Die Handschrift des Sounds ist unverkennbar. Der Song klingt aufbegehrend, auf der Suche nach einem Befreiungsschlag.

Dieser kommt in Form von Overthinking, der Single, die bereits im Oktober 2016 erschienen ist. Der Beat, der im Hintergrund das Arrangement antreibt, klingt wie aus einem Nachtklub in der Ferne. Overthinking ist der – für Adnas Verhältnisse – rasanteste Song seit The Prettiest.

Bei Overthinking blitzt zudem kurz eine noch unvollständig erkundete Facette ihres Klangkosmos’ auf. Denn bislang wurde und wird dieser Kosmos durch sanfte Balladen definiert.

Während Shiver auf Run, Lucifer den überfordernden Gänsehaut-Moment bescherte, wird auf Closure dem Stück Leave diese Ehre zuteil.

Never gonna dream again
Make sure I never let you in again
If it goes to hell at least it goes somewhere
 

Wer Adna verstehen will, kommt um Leave nicht herum. Denn egal wie viel epochales Pathos sie in ihren Songs verbaut; schneidet man es weg, bleibt ein kleines, verletzliches Lied wie Leave übrig.

An diesem gemeinsamen Nenner ändern die marschierenden Drums von Now ebenso wenig wie es der Trieb in Overthinking tut. Adna öffnet in jedem Song ihre Seele und ihr Herz. Sie setzt sie ungeschützt den Elementen aus. Furchtlos und mutig stellt sie sich dem Schmerz, der Trauer, der vergänglichen Liebe.

Diesem Umstand ist geschuldet, dass sich der Sound von Adna nur marginal veränderte. Er muss in perfekter Balance sein, damit sich ihre Offenheit den dunklen Momenten des Lebens nicht gegen sie richtet.

Sanfte Veränderung

Dass sich trotzdem eine Veränderung nachzeichnen lässt, beweist Thoughts. Der Song war die zweite Single, die Closure ankündigte. Adna hatte Thoughts bereits als 16-Jährige geschrieben, als Hommage an ihre bosnischen Wurzeln.

Die einführende Gitarrenmelodie erinnert an Living von Run, Lucifer. Wobei man diese Beobachtung ins Gegenteil revidieren müssten: Thoughts ist nämlich kein neuer Song, sondern war bereits auf Night enthalten. In der Neuinterpretation zeigt sich jedoch die Entwicklung ihres Stils eindrücklich: fein, aber dennoch essentiell.

Eine weitere Grossartigkeit ist If. Eine konstante Steigerung bestimmt den Song. Anfänglich ruhig und bedacht, baut sich If immer weiter zu einer epochalen Überwältigung auf.

If I let you in
Will you wait
Will you wait for me
‚Til I’m the person I was aimed to be

Während Soaked wieder ein typisches Adna-Stück ist, wagt sich Hide an einen experimentelleren Groove. Eingeleitet durch einen hallenden, beinahe sakralen Gesang, mündet Hide dann in einem wiegenden Rhythmus. Wenn dieser Gesang zum Schluss auf diesen Takt trifft, entsteht eine atemberaubende Mischung aus religiöser Verzückung und zeitgenössischer Pop-Leidenschaft.

Where should we go with our longing
If not to each other

Man könnte Adna vor allem eines ankreiden: Die mehrfachen Eigenzitate. Someone etwa zieht die Klaviermelodie von Shiver weiter. Ein Pedant würde es als Mangel an Inspiration auslegen. Was eher auf der Hand liegt, ist, dass der konzeptionelle Zwang des Albums gebrochen wird.

Man darf weder Run, Lucifer noch Closure als hermetische Biotope verstehen. Das Zeitlupentempo der musikalischen Entwicklung rückt die beiden Alben näher zusammen, als einem der Kalender glauben lassen will. Die Monate zwischen den Alben verblassen. In Adnas Welt dreht sich die Erde zur musikalischen Zeitrechnung.

So wird Someone zum abschliessenden Beweisstück, dass ihre Musik einzigartig ist – ausser in ihrem eigenen Kosmos. Das muss sie aber auch nicht sein, denn man könnte ewig in dieser Welt verhallen, diesem Ökosystem voller Nachdenklichkeit, Sanftmut und Schönheit.

Night hat die Grenzen abgesteckt. Run, Lucifer die Saat ausgebracht, samt den Vorstellungen, wie der Frühling aussehen könnte. Nun spriessen auf Closure die ersten dunkelschönen Blüten.

Closure

5
/5
17. März 2017

Release

Despotz Records

Label

Tracklist

  1. Closure
  2. Overthinking
  3. Leave
  4. Now
  5. Thoughts
  6. If
  7. Soaked
  8. Hide
  9. Someone