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Qualmende Autos, VIPs ohne Klopapier, kleine und grosse Tragödien, lahme und packende Auftritte. Das Summer Breeze 2014 war ein Wechselbad der Wetterlagen und Gefühle. Ein Erlebnisbericht.

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Auf dem vollen Zeltplatz (Foto: Janosch Tröhler)

«Ich komme wegen der Stimmung her, Musik kann ich auch im Radio hören.» Das sagte jemand in einer Wacken-Dokumentation. Und viele am Summer Breeze dachten wohl ähnlich. Ja, wieso sollte man sich auch ein Metal-Openair antun? Da gibt’s nur Bier, kuriose Menschen und laute Musik… Alles Dinge, die das Leben lebenswert machen.

Absurditäten und ein qualmendes Auto

Schlechtes Wetter, gute Aussichten. So begannen vier Tage Irrsinn im bayrischen Dinkelsbühl. Wäre das Openair einen Tag länger, es würde die Welt ins Chaos taumeln wie der betrunkene Typ, der zu Decapitated seinen Gleichgewichtssinn verlor.

Ein Openair ist ein Sammelsurium der Absurditäten. Zwei Typen fuhren mit einem schäbigen Opel Ascona auf den Platz, der bereits in der Kolonne sein Kühlwasser zu verdampfen begann. Mit offener Motorhaube fuhren sie weiter; einer lenkte, der andere rannte neben dem Auto her und sagte dem Fahrer, in welche Richtung es ging und wann er bremsen musste.

VIP ohne Klopapier

Im VIP-Bereich treibt sich allerhand herum. Leichte Promo-Girls, Kaffee vernichtende Journalisten, aufgerüstete Fotografen, kampferprobte Roadies und betrunkene Musiker. Sie alle standen für ein Klo an, auf dem sich kein Klopapier befand. Das fäkale Drama bekam einen sommerlichen Anstrich, wenn die Sonne ab und zu etwas Sommerwärme zwischen den Wolkentürmen durchschickte. Dann konnte man zufrieden am Bier nippen und Gesprächsfetzen aufschnappen. Etwa die Interviewfrage «Glaubst du an Geister?». Auch das Esoterikblättchen aus Illenschwang schien vom Summer Breeze angetan zu sein.

Sommer, Herbst und Lotusblüten

Eine Sommerbrise? Nein, das war ein «Summer Freeze». Herbstliche Temperaturen und eisige Böen wehten unablässig über das Feld. Einige raschelten mit Wärmefolien vor der Bühne, die Nippel-Exhibitionisten trotzen Wind und Wetter, andere hüllten sich in Kutten und schlammbedeckte Stiefel.

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Wahnwitzige Menge – 35’000 Besucher waren am Summer Breeze. (Foto: Janosch Tröhler)

Die meisten tranken sich die äusserlichen Umstände schön. Oder versanken headbangend in Trance, natürlich in der Lotusstellung. Ein Spargeltarzan spürte sich dermassen nicht mehr, dass er mit seinen kreuz und quer stehenden Beinen sich schlicht nicht mehr aufrecht halten konnte, zu Boden ging und sich fortan Purzelbäume schlagend weiterbewegte.

Kleine und grosse Tragödien

Wenn 35’000 Menschen aufeinander treffen, geht das selten glimpflich aus. Und doch blieb es bei 86 Verletzten und 40 Notfällen. Der Polizei wurden lediglich 21 Diebstähle aus Zelten gemeldet. Ein Idiot überfuhr drei Zelte, als er sternhagelvoll sein Auto umparkieren wollte. Verletzt wurde zum Glück niemand. Der Typ mit dem Opel Ascona verlor seinen Lieblingspulli. Eine verschwindend kleine Tragödie. Die Grosse war der Tod eines 54-jährigen Familienvaters, der von der Tochter tot im Zelt aufgefunden wurde. Er starb vermutlich eines natürlichen Todes.

Gute und schlechte Auftritte

Metal gab es am Summer Breeze genug. Rund 100 Bands traten auf vier Bühnen auf und für jedes noch so abstruse Subgenre gab es eine Plattform. Für die Schweiz wurden die schlecht abgemischten Eluveitie ins Rennen geschickt. Trotzdem bot die Band einen dröhnenden Auftritt und bewiesen, dass sich die Songs vom neuen Album Origins nahtlos in die Setlist einfügten.
Schlicht krank war die Menge, die sich bei Equilibrium vor die Pain-Stage drängte. Es gab keinen Millimeter Bewegungsfreiheit mehr, dafür stank es nach Schweiss und Bierfürzen. Immer wieder liessen sich Crowdsurfer über das Menschenmeer tragen, wobei man bei den Frauen eine gewisse Formel errechnen konnte:

Wenn Frauen crowdsurfen, halten zwei ihre Beine, zwei ihre Schultern und zwanzig ihren Arsch.

Einen packenden Auftritt legten auch die polnischen Death Metaller von Behemoth hin. Ihr neues Album The Satanist stiess in ihrer Heimat gar auf Platz 1 der Hitparade. In der Schweiz reichte es immerhin für Platz 33. Sie fegten mit einer gewaltigen Show alle bisherigen Bands in den Schatten der Langeweile. Einzig die Konfetti-Explosion war unpassend. Das geht also wirklich nur im Zirkus.
Später ging die Party mit Eskimo Callboy weiter. So daneben, dass es schon wieder gut war. Auf der Bühne sah man wegen dem Dauerblitzgewitter nichts. Und nach jeder halben Strophe kam ein Tempo-Wechsel. Das muss man erst mal hinkriegen.

Enttäuschend waren hingegen Children of Bodom. Lag es an der Main-Stage? Kein Ahnung, aber dem Sound fehlt der Bass, der Druck. Doch wenn eine Band am Summer Breeze ihre Gunst verspielte, dann war das Down. Phil Anselmo ist kein Unbekannter in der Metal-Szene, doch am Wochenende war dieser Typ so abartig betrunken, dass er kurzerhand das Publikum beleidigte – «You’re so boring!» – und gefühlt eine halbe Stunde zwischen den Songs Bullshit laberte. So lustig besoffene Bands auch sein mögen, das war eine bodenlose Peinlichkeit.

Randvoll mit Pisse und Kacke

Nicht alle Besucher waren mit dem Summer Breeze 2014 zufrieden. Da reicht ein Blick auf die Facebook-Seite des Openairs. Es war ein Ding der Unmöglichkeit, sich an der Bar zu betrinken, denn da wurde bloss schales 2.5er-Bier ausgeschenkt. Ausserdem verzichteten die Organisatoren ab Samstagmittag darauf, die sonst schon wenigen Dixi-Klos und die Pissoirs zu entleeren. Schnell war alles randvoll mit Pisse und Kacke. Ein solches hygienisches Fiasko geht gar nicht. Hier müssen drastische Verbesserungen für das nächste Jahr vorgenommen werden.

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Randvolles Pissoir, das schon überlief. (Foto: Janosch Tröhler)

Trotzdem war das Summer Freeze auch heuer wieder ein schönes Fest. Die meisten Bands begeisterten, die Stimmung war friedlich und pflichtbewusst angeheitert. Für 2015 sind bereits einige Acts angekündigt und der Vorverkauf läuft:

  • Cannibal Corpse
  • Dark Tranquillity
  • Ensiferum
  • Knorkator
  • Powerwolf
  • Pyogenesis
  • Saltatio Mortis
  • Sepultura

Fotos: Sacha Saxer