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Stöbern, schmökern, wühlen. Es wurde wieder einmal Zeit für eine Brocki-Tour. In Begleitung meiner ersten stilsicher-Kandidatin Jordis machte ich mich auf die Socken und habe die Highlights des Trips für euch festgehalten. 

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Mittwoch, 12:10 Uhr. Der Zug hat Verspätung und das Wetter lässt auch zu wünschen übrig. Trotzdem freue ich mich auf den Tag mit Jordis. Im Bahnhof Enge treffe ich sie dann bereits. Mit dem Zug gehts nach Wiedikon, von dort aus zu Fuss zum Brocki-Land an der Steinstrasse 68 in Zürich Wiedikon. Wir wollen uns umschauen, einige Schnäppchen ergattern und coole Fotos machen. Mit Jordis habe ich mir da die perfekte Partnerin ausgesucht. Motto: Klein, aber oho. Aber lassen wir die Klischees. Jordis Fellmann, mit ihren eisblauen Augen und den kurzen, knallroten Haaren, ist jemand, den ich noch tausendmal fotografieren könnte. Und doch würde ich nie genug von ihrem interessanten Gesicht kriegen.

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Zurück zum Brocki. Auch auf meinen dritten Besuch freue ich mich wie ein kleines Kind. Ob man etwas für eine Mottoparty sucht, sich billig einrichten möchte oder einfach nur in den Bergen von Kleidung, Möbeln und allerlei Waren stöbert, das Brocki-Land lässt als grösstes Brocki im Raum Zürich keine Wünsche übrig. Bereits der Weg lohnt sich. Jordis und ich schlendern durch einen Stadtteil, den wir beide kaum kennen und kreuzen türkische Shops, ein Enthaarungsstudio mit affenähnlich haarigen Modellen im Schaufenster, die nur zur Hälfte rasiert sind (der Mann hatte sogar kräftigen Nackenhaarwuchs) und alte Häuser mit kleinen Balkonen und Melancholie-Garantie. Auch an einem Asia-Store kommen wir vorbei und können nicht anders: Wir müssen da rein! Unser erstes Mal sozusagen. Zwischen Mangorollen, haufenweise Nudeln und kandiertem Ingwer kämpfen wir uns bei etwas gewöhnungsbedürftigem Geruch zu den Glückskeksen vor. «Urlaub naht.» – Wie poetisch.

Weiter geht’s und nach einem Fussmarsch, der in diesem Artikel eher wie eine Wanderung wirkt, in Wirklichkeit aber nur höchstens zehn Minuten dauert, kommen wir zum Eingang des Brockenhauses. Noch nie hat eine Tiefgarage mit spiralförmigem Eingang mein Herz so viel höher schlagen lassen. Ein Besuch im Brocki ist für mich immer auch ein kleines Abenteuer des Alltags. Mit gelber Schrift auf schwarzem Grund steht, noch entzückender als die Glückskeks-Botschaft: «Brocki-Land! – Oft kopiert, nie erreicht!» Und daneben: «Jeder Artikel 5.-»

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Richtig gehört. Alles, vom Vintage-Möbel bis zur Unterhose (Wer auch immer sich die im Brockenhaus besorgt) kostet nur einen Fünfliber. Man muss dazu sagen, dass der Einheitspreis das letzte Mas als ich dort war noch bei 3.- pro Stück lag. Aber was soll’s, so einen Betrieb unterstützt man ja auch gerne mit den zwei Fränkli mehr. Mit dem Gefühl in den letzten fünf Minuten von dem Aloe-Vera-Getränk aus dem Asia-Shop an Diabetes erkrankt zu sein, treten wir unseren Weg in die Tiefe an. Am Eingang kann man praktischerweise die eigene Tasche abgeben und sich mit Einkaufskörben bewaffnen.

An dieser Stelle wird es Zeit für eine erste Brocki-Weisheit: Ein Einkaufskorb reicht nie, niemals! Da kommt alles mit rein, das einem spontan gefällt und auch die eigene Jacke wird beim Anprobieren reingeschmissen. Die gibt man nämlich lieber nicht ab zu dieser Jahreszeit, da es in einem Parkhaus halt nun einmal schweinekalt ist. Ganz am Ende erst wird dann die Beute ausgelegt und assortiert, so mache ich es zumindest. Zuerst geht es vorbei an Bettwäsche und Bildern. Der erste Lacher ist garantiert. Es gibt tatsächliche einige Leute und ich bin jedes Mal wieder erstaunt, wie viele das sind, die ihre Grossmutter oder ihr Baby schön eingerahmt im Brocki abgeben. Zwischen einigen grausligen Selbstversuchen als Künstler finden sich aber durchaus schöne Bilderrahmen und das ein oder andere Schmuckstück, so zum Beispiel eine wunderschöne Fotografie einer Frau oder zwei Bilder aus der Reihe der Tänzerinnen von Edgar Degas.

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Das Brockenhaus fordert Zeit, Geduld und Humor, doch wer lange sucht findet kleine Schätze. Das ist definitiv die zweite Brocki-Weisheit. Am besten man nimmt sich einen Nachmittag Zeit, nimmt eine gute Freundin oder einen guten Freund mit und stöbert in Ruhe, dabei soll es genauso viel Freude machen wenn man tolle Teile ergattert oder wenn man sich einfach nur köstlich ab den vielen Schrägen Dingen amüsiert, die man in der Steinstrasse «en masse» finden wird.

Dann sind wir auch schon unten. An den Kravatten, Gürteln und Unterhosen vorbei geht es rechts zu den Teppichen und Büchern und links zu den vollbepackten Kleiderbügeln, die nach Farben sortiert sind. Jordis und ich wühlen uns durch, probieren einiges an und werden auch tatsächlich fündig. Das heisst, ich werde fündig. Jordis greift zwar immer mal wieder zu den Bügeln, ihr gefällt aber schlussendlich nichts so richtig gut. Dafür profitiere ich aber von ihrem guten Geschmack, denn das erste Teil hat eigentlich sie entdeckt: Ein blaues Blusenkleichdchen mit weissen Pünktchen darauf, das sich mit Knöpfen bis zum Hals schliessen lässt. Es ist relativ kurz und hat Einschnitte an den Seiten. Da es keine Ärmel hat wirkt es auch ganz hochgeschlossen nicht bieder, sondern mädchenhaft und klassisch. Womöglich ist es einfach ein Hemd für eine grössere Grösse, spielt aber keine Rolle und macht den Brockenhaus-Gang einmal mehr zu einer neuen Art mit Mode umzugehen. In einem Geschäft würde man wohl eher nicht auf die Idee kommen eine Grösse 44 als Kleid zu probieren. Im chaotischen Brocki zieht man das an, was überhaupt passt, denn die richtige Grösse zu finden ist wohl eine der schwierigeren Challenges im riesigen Second-Hand-Jungle.

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Ein tolles, gelber Pin-up Oberteil, das aus einer uralten C&A Kollektion stammt, ist leider uns beiden zu breit und muss dort bleiben. Weiter gehts und Jordis und ich starten einen internen Wettbewerb, wer wohl das hässlichste Teil findet. Zusammengefasst beschränkt sich diese visuellen Highlights auf drei Dinge: Strass, Schulterpolster und Tierprints.-Und ja das gibt es alles auch auf einem Teil, dann aber bitte auch noch in Rosatönen; herrlich.

In der roten Abteilung ergattere ich eine Himbeerrote Seidenbluse in tadellosem Zustand und das gelbe Vintage-Teil kriegt Konkurrenz von einem quitsch-farbigen Blumenblüschen, das wir zu Jordis rotem Jupe kombinieren. Das Ding ist so ausgeflippt, dass es wieder cool ist und deshalb mit muss. Die Leute schauen uns schmunzelnd beim Fotografieren zu und langsam gewöhne ich mich an die eher schwierigen Lichtverhätlnisse in der Tiefgarage. Ich schiesse viele Fotos und die Stimmung darauf gefällt mir durch die farbigen aber etwas düsteren Hintergründen sehr.  Mein persönliches Ziel war es eigentlich einen günstigen Wintermantel zu finden, der gut zu Röcken und Kleidern passt. Mein Daunenmantel hällt zwar herrlich warm, ist aber nicht sonderlich chic. Leider wurde ich nicht fündig. Im Brocki weiss man nie, was man findet und kauft bestimmt nie das, was man eigentlich wollte, lautet darum die dritte Brocki-Weisheit.

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Fast hätte ich noch ein graues Strickkleid gekauft, ganz schlicht und ohne Ärmel, doch irgendwie war mir dann nicht danach. Eigentlich sollte man sich ja immer fragen, ob man das Teil aus dem Brocki auch in einem gewöhnlichen Geschäft gekauft hätte. Doch gerade für ausgeflipptere Sachen sind die niedrigen Preise auch ganz gut. Dann kauft man halt vielleicht mal was, das später einen lebenslangen Winterschlaf im Kleiderschrank antritt, aber manchmal riskiert man dann auch einmal etwas und entdeckt für fünf Franken ein neues Lieblingsteil. Bei den Hosen habe ich beim letzten Besuch meine jahrelang ersehnte Marlenehose gefunden, auf die ich auch ein wenig stolz bin. Jordis probiert eine schwarz-weiss gemusterte Stoffhose, ihr gefällt aber der Schnitt nicht. Viele Male denken wir uns: «Wenn man nähen könnte…» Oder vielleicht einfach auch nur: «Wenn man die Zeit und Geduld zum Nähen hätte…» Das Brockenhaus in Wiedikon ist für Leute, die sich öfters Teile umnähen schlichtweg ein Paradies. Ganze Stapel von Röcken hängen da und warten darauf, nur ein wenig gekürzt zu werden.

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Drei Stunden sind wir jetzt schon unterwegs. Das Schuhregal wird nur kurz durchgescannt, hier fehlt oft ein Schuh oder die guten Stücke sind so durchgelatscht, dass sie eigentlich nach dem Abfalleimer schreien. Doch auch hier findet sich bei genauem Hinschauen ein wahres Prachtstück: Ein paar schwarze, knöchelhohe Schnürstiefel, der vorne leicht schmaler wird, mit einem breiten aber niedrigen Absatz. Wunderschön! Ich hätte sofort zugegriffen, wenn nur die Grösse gestimmt hätte! «Tja, die warten halt noch auf jemand anderen.», denke ich mir dann immer und finde den Gedanken eigentlich auch sehr schön. So ist das nun Mal, hier gibt es nur Einzelstücke, dafür macht es diese umso besonderer. Bei den Taschen schlage ich noch einmal zu. Eine ältere Dame hatte die kleine Tasche mit gesticktem Blumenmuster schon in der Hand, als ich sie mit grossen Augen entdeckte. Wie ein grösseres Portemonnaie schliesst sie mit zwei metallenen Kugeln und hat sogar noch ein kurzes Goldkettchen daran. Tatsächlich legte die Frau die Tasche wieder zurück ins Regal, wo ich sie mir sofort schnappte. Komm‘ zu Mama!

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Die Spirale wieder rauf gehen wir in Richtung Kasse. Jetzt am Nachmittag ist hier ganz schön was los. Geschirr gibt es hier in allen Variationen. Jordis erzählt mir sie habe hier einmal ein vollständiges Porzellan-Set für ein Fest gekauft, es gebraucht und dann gewaschen wieder zurückgegeben. Eigentlich eine ganz gute Idee! Direkt hinter der Kasse gibt es allerhand Küchenutensilien und Elektronik. Von Tupperwares über Mixer bis zu Shampoos und Waschmittel gibt es hier alles. Als wir uns schon zum Zahlen einreihen, hält eine Frau hinter uns der Freundin prustend eine hautfarbene Tube hin: «Pussy Glide» steht schwungvoll darauf. Wie alt die wohl sein mag? Mit einem Lächeln lege ich meine vier Teile auf den Tresen und bezahle geniale 18 Franken. Beim anschliessenden Kaffee am Manesseplatz lachen Jordis und ich immer noch über die schrägen Sachen, die wir im Brocki gesichtet haben. Darum lautet die letzte Brocki-Weisheit: Ob man etwas findet oder nicht, ein Besuch lohnt sich auf jeden Fall!

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