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Am 22. Oktober hielt der English Bookshop des Orell Füssli eine Lesung mit dem Fantasy-Autor Tad Williams ab. Schon vor der Türöffnung um halb Acht hatten sich ein gutes Dutzend Fans des mir bis dato völlig unbekannten Autors vor dem Eingang der Buchhandlung versammelt und alle warteten darauf, dass die Tür sich endlich öffnete – die Temperaturen Ende Oktober sind einfach nicht mehr so toll, dass man sich gerne länger die Beine in den Bauch stehen würde.


sax.Die Besucher wurden freundlich empfangen und zu einem kleinen Apéro geführt, mit welchem wir die Zeit bis zur Lesung überbrücken durften. Ich kam mit einigen Besuchern ins Gespräch und durfte erfreut feststellen, dass ich nicht der einzige Banause war, der den Autor noch nicht kannte. Dies hielt aber niemanden davon ab, über seine Werke und die anderer Fantasy- und Science Fiction-Autoren zu fachsimpeln.
Kurz nach Acht wurden wir dann ins Untergeschoss geladen, welches sich in kürzester Zeit bis zur Treppe hin mit Leseratten gefüllt hatte. Tad Williams erschien sogleich und war bester Laune, was man während der ganzen Lesung spüren konnte. Gleich zu Beginn verkündete er uns, dass er vorhabe, nur eine kurze Passage vorzulesen und den Rest des Abends lieber mit dem Beantworten von Fragen aus dem Publikum verbringen würde. „Wenn es keine allzu unüberwindlichen Einwände gäbe…“ waren in etwa seine Worte. Die gab es nicht, da die meisten Besucher den Meister lieber aus dem Nähkästchen plaudern hören wollten, denn aus dem aktuellen Roman Shadowheart (Shadowmarch Band 4: Das Herz) vorgelesen zu bekommen. Tad hatte es geschafft, eine Passage aus dem Buch zu wählen, die gleichfalls unterhaltsam war und dennoch keine wichtigen Details der Geschichte preisgab – Es sollte schliesslich noch Leute geben, welche den Band noch nicht verschlungen hatten. Er verstand es, die Szene beinahe theatralisch vorzutragen und fügte, wo er es für nötig betrachtete, kurze Erklärungen über die Personen, welche gerade agierten, für das Verständnis der paar wenigen im Publikum, die keine Ahnung vom Shadowmarch-Universum hatten, ein. Er möge die Hack&Slash-Sequenzen selber sehr gerne und er habe gemerkt, dass seine Leser diese jeweils an den Lesungen bevorzugt hörten. Und unter dieser Prämisse hat er eine denkbar gute Stelle ausgesucht; ein ominöser, übermächtiger Gegner und eine Handvoll verzweifelter Progatonisten, die sich in einer scheinbar ausweglosen Situation befinden. Spoiler: Ja, sie besiegen den Gegner.
Nach einer knappen Viertelstunde war die Vorlesesequenz vorüber und der wirklich interessante und extrem amüsante Teil des Abends begann. Tad forderte das Publikum auf, ihm alle Fragen zu stellen, welche es gerne beantwortet hätte. „Es spielt keine Rolle, was ihr mich fragt. Ich werde sowieso nur beantworten, was ich will. Und ich hab mir eh schon alle Antworten vorher notiert.“ Und so wurde er dann auch über alles mögliche ausgefragt:
Welcher Beruf ihm denn in der Schule empfohlen wurde?
– Pfarrer. Das habe er dann offensichtlich nicht gemacht. Er könne sich auch keine organisierte Religion vorstellen, die ihn als Priester anstellen würde.
Wie er zum Schreiben gekommen sei?
– Es folgte eine längere Ausführung über Hunde und Katzen und viel Gelächter vom Publikum. Kurzfassung: Katzen sind Schuld.
Er schreibe ja seit neuestem an einer Romanreihe mit seiner Ehefrau. Wie das funktionieren würde?
– Sie hätten ganz unterschiedliche Ansätze. Während er eher zuerst den ganzen Teil, den er schreiben will, im Kopf erarbeitet und erst dann zu Papier bringt, verwende seine Frau den – Pardon – Vomit-Draft-Ansatz, bei welchem erst mal alle Ideen niedergeschrieben werden und danach sukzessive verfeinert werden. Das führe manchmal zu spannenden Situationen.
Gute neunzig Minuten stand Mr. Williams Rede und Antwort, bis die Fragen dann abebbten und er sich die Zeit nahm, Bücher zu signieren. Bevor die Autogrammstunde allerdings losging, hatte die Belegschaft des Bookshops noch eine kleine Überraschung für die Gäste. Unter den Sitzen waren kleine Schokoladeherzen festgeklebt. Wenigstens fast unter allen Sitzen. Bei dreien war statt des Herzes ein kleines Karo und diejenigen, welche auf diesen Stühlen sassen kriegten eine Hardcover Ausgabe des aktuellen Romans Shadowheart überreicht. Nach dem Signieren ging der Abend langsam zu Ende und alle waren sich einig: Das musste unbedingt wiederholt werden. Tad Williams ist ein äusserst umgänglicher und völlig unkomplizierter Mensch, der das Publikum mit zahlreichen Anekdoten aus seinem Leben und Schaffen zu unterhalten versteht und sich dabei stets selbstironisch gibt. Solche Lesungen würde ich in der Schweiz gerne mehr erleben.

Bild: zVg (Tad Williams)