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Letzten Freitag wollte ich eigentlich mein Herz verlieren, stattdessen verlor ich meinen Koffer.

2014-06-22_Speeddating_

Ich kann gerade an nichts anderes denken als an ihn. Es hat doch immer geheissen: Wer sucht, der findet. Und nicht: Wer sucht, der verliert. Ja, es war vielleicht auch nicht gerade so passend einen Koffer beim Speeddating dabei zu haben. Das kann bei den Herren der Schöpfung schnell mal den Eindruck erwecken: „Kann ich gleich bei dir einziehen? Ich hab das weisse Kleid schon dabei.“ Doch am Freitagabend pendle ich eben immer von Zug nach Zürich, daher bin ich dann, wie auch letzten Freitag, in Begleitung meines Koffers.

Doch bevor ich nun in eine Melancholie hineingerate und in Gedanken alle Gegenstände durchgehe, die während meinem „Oh mein Gott, ich muss jede freie Minute lernen“-Modus in meinem im Zug vergessenen Koffer drin waren und ihren emotionalen Wert erkunde (besonders vermisse ich mein Notebook, hätte ich es aus „Schleppfaulheit“ bloss nicht in den Koffer gepackt), erzähle ich euch nun von dem amüsanteren Teil meines Abends: von meinen 9 Dates.

Ja, meine Erwartungen waren relativ hoch, denn das Speeddating, an dem ich teilnahm, wurde für ETH- und Uni-Studentinnen und -Studenten organisiert. Da hab ich mir schon ausgemalt, dass ich endlich mal so einen Mann der Gattung:  „Ich sitze am liebsten im Café neben dem ‚Polybähnli‘, trinke meinen Kaffee und tippe in den Lernpausen meine philosophischen Gedankengänge in mein Notebook“, kennen lerne. Doch es war eher die Gattung: „Am wohlsten fühle ich mich in meinem alten Kinderzimmer, wenn ich in Ruhe meine Algorithmen ausrechen kann und mir meine Mutti die frisch gebügelten Hemden mit den tollen Farben und Mustern ins Zimmer bringt“.
Zu Beginn des Speeddatings wurden die Frauen – von den Männern getrennt – begrüsst, instruiert und mit einem Gläschen Sekt versorgt, um sich etwas Lockerheit anzutrinken. Danach konnten die Damen den Datingroom betreten. Von der Stimmung und der Tischordnung her erinnerte mich der Raum jedoch eher an die Maturprüfung, als an ein romantisches Date. Nur die eine Rose, die auf jedem Tisch stand, gab dem Ganzen einen Hauch von „love is in the air“. Nach den ersten paar Salznüsschen meinerseits kamen die ersten Männer an die einzelnen Tische. Pro Tisch sassen sich nun ein Mann und eine Frau gegenüber. Vor ihnen ein Zettel mit Platz für Notizen sowie je einem kleinen weissen quadratischen Feld neben den Namen der Kandidaten, das in „Herzklopfmomenten“ angekreuzt werden konnte. Meine Lieblingskandidaten stelle ich euch nun vor:

Der Schwiegersohn

Der Simon, er hat ein bisschen was von den Verkäufern der deutschen Optikerkette. Dieser Blick, hmm, schaut er nun in meine Augen oder auf meine Brille. Wahrscheinlich ist ihm meine Brille etwas zu auffällig so neben seiner schmalen, schwarzen, schlichten. Auch er ist mir etwas zu schmal und irgendwie kommt mir das Gespräch mehr wie ein Bewerbungsgespräch rüber. Das ist so der Typ Mann, den sich meine Eltern für mich wünschen würden. Doch wenn ich so einen Mann suchen würde, könnte ich mich auch einfach mit einen kleinen Hündchen auf dem Schoss ins Sprüngli Café setzen.

Der Mathematikstudent

Da brauche ich gleich nochmal einen Schluck Sekt und eine Handvoll Erdnüsschen. Dieser Typ starrt mich so an, als würde er in Gedanken den Durchmesser meiner Pupille ausrechnen. Er erzählt mir, dass er nun gerade den Doktor in Mathematik macht und es schätzt, dass er nun so viel Zeit hat zum Auflegen. Auflegen? Ja, der Alexander ist DJ und das mit richtig viel Leidenschaft. Abends schleppt er dann seine CD-Sammlung auf die Partys seiner Freunde und dann fängt’s auch in seinen Füssen an zu kribbeln. Von wem wird er da echt sonst noch gebucht? Vielleicht sehen wir ihn ja bald auf einer WG-Party von Dr. Dr. Sheldon Lee Cooper.

Der Latin-Lover

Mhmmm, Mister Lover Lover. Er sei auf der Suche nach einer Dame, die Zeit für deutsch-englische Konversationen hat. Ich glaub wir verstehen uns…

Der Gloggen-Liebhaber

Silvan ist so ein richtiger Schweizer, dies zeigt er stolz mit seinem roten T-Shirt mit dem weissen Kreuz und dann hat er noch so einen urchigen Dialekt. Walliserdiitsch spricht er. Heieiei, das wird schwierig. Das letzte Mal, als ich mit einem Walliser gesprochen habe, liess ich mir von ihm den Weg Richtung Matterhorn erklären. Danach habe ich kurzerhand entschlossen, halt einfach mit ein paar Asiaten ein Selfie mit einer Toblerone zu machen, anstatt mit dem Matterhorn. „Hörst du gerne Metal?“ Das war jetzt eine von Vorurteilen nur so triefende Frage von mir, denn er hatte die ideale Haarlänge zum Headbangen. Es hat sich bewahrheitet, er hört mehrheitlich Metal und Hardrock, doch in seiner Freizeit schlägt er lieber die sanften Töne an, denn er spielt in einer Band „Gloggen“ und Xylophon.

 

Als Fazit lässt sich sagen, ich habe mich – wider Erwarten – an diesem Abend verführen lassen. Da flog tatsächlich was dutzendfach in meinem Bauch herum, jedoch waren es die Erdnüsse und keine Schmetterlinge. Dennoch: Nächsten Dienstag treffe ich mich mit Sven, „dem Gitarrenspieler“ aus Zug, auf eine kleine Jamsession, denn er war der einzige, dessen Quadrätchen ich mit einem Kreuzchen gefüllt habe und auch er liess mein Quadrätchen nicht leer. Er scheint mir durchaus ein netter Kerl zu sein und das gemeinsame Musizieren lässt mich hoffentlich meinen Ex-Koffer für ein paar Stündchen vergessen.